Berlin - Heiner Geißler hat an vielem gezweifelt in seinem langen Leben: An der Kirche, an seiner Partei, am Kapitalismus. Von manchem hat er sich sogar losgesagt. Von seinem Freund und Förderer Helmut Kohl zum Beispiel. Nur Selbstzweifel waren seine Sache nie. Bis ins hohe Alter blieb der langjährige CDU-Politiker zutiefst von sich überzeugt. Und von den Positionen, die er gerade vertrat.

Diese Selbstgewissheit war eine Provokation für seine Gegner. Für ihn war sie das Erfolgsrezept, ganz im Sinne des Credos, das Oskar Lafontaine später als politische Grundregel ausrief: Weil er so begeistert von sich war, gelang es ihm so überzeugend, andere für sich und seine Positionen zu begeistern.

Erinnerungen an Wehner und Strauß

Geißler war der letzte in der Reihe von Politikern, die gern mit dem Begriff „Urgestein“ geehrt wurden – weil ihre Laufbahn so weit hineinreicht in frühe(re) Tage der Republik, obwohl seine wichtigste Zeit nur die wilden 70er und 80er Jahre waren, als das Zentrum der deutschen Politik noch in Bonn lag. Seiner erinnern wir uns auch deshalb mit einer gewissen Sehnsucht, weil er in seiner Scharfkantigkeit den großen alten Recken zu ähneln schien wie Herbert Wehner oder Franz Josef Strauß, die mit ihrer rhetorischen Gewalt Parlament und Öffentlichkeit aufmischten.

In Wirklichkeit war er nicht nur erheblich jünger als sie, sondern auch moderner – der erste wirklich moderne Politiker im Nachkriegsdeutschland. Denn er folgte nicht bloß mit hoher Intelligenz und Reaktionsschnelligkeit seinem Zorn oder dem politischen Instinkt, wenn er eine Debatte mit einem neuen polemischen Dreh emotional hochfuhr. Heiner Geißler pflegte solche Situationen vorzubereiten. Systematisch. Als Generalsekretär baute er die Bundesgeschäftsstelle der CDU seit Ende der 70er Jahre zur Kommandozentrale für Kampagnen innerhalb und außerhalb der Wahlkämpfe aus.

Grüne zur Weißglut gebracht

Ein klassisches Beispiel für die kühle Präzision seiner Polemik, mit der er seine Gegner zur sprichwörtlichen Weißglut brachte, ist der berühmte Vorwurf, der Pazifismus habe Auschwitz erst möglich gemacht. So jedenfalls gelangte er über die Schlagzeilen in die kollektive Erinnerung. Im Original war Geißlers Antwort auf die Grünen jedoch differenzierter, die wegen der Zerstörungskraft der Atomraketen die Nachrüstung mit Auschwitz verglichen hatten.

In der Bundestagsdebatte über die atomare Nachrüstung der Nato, gegen die damals Hunderttausende auf die Straße gingen, sagte er am 15. Juni 1983 an den späteren grünen Außenminister Joschka Fischer gewandt, der „Pazifismus der dreißiger Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem heutigen unterscheidet“, habe „Auschwitz erst möglich gemacht.“ Dies habe man „in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen.“ Der Redner relativierte also den Vergleich, um kurz darauf, seine Bedeutung zu unterstreichen. Eine trickreiche Mischung von Seriosität und Hintersinn.