Hells Angels: Die Hannover-Connection

Es sind Szenen wie aus einem Mafia-Krimi. Die Polizei sucht einen seit zwei Jahren vermissten Mann aus dem Drogenhändlermilieu. Jetzt hat sie eine heiße Spur: Sie vermutet ihn im Betonfundament einer Lagerhalle in Altenholz bei Kiel. Und die gehört den Hells Angels, einer Rockergruppe, die im Verdacht steht, organisierte Kriminalität zu betreiben.

Ihr Kieler Chapter, wie deren Ortsgruppen heißen, ist seit vergangenem Jahr verboten. Vor Ort sei schweres Gerät im Einsatz, sagte eine Polizeisprecherin am Samstag. Bis zum Mittag war die Suche erfolglos.

Am Donnerstag war die Halle Ziel einer der größten Polizeiaktionen, die in Deutschland gegen das organisierte Verbrechen je in Marsch gesetzt worden sind. Mehr als eintausend Beamte und Einsatzkräfte der GSG 9 durchsuchten fast 90 Wohnungen, Bars, Bordelle und andere Unterschlüpfe von Mitgliedern der Rockerbande.

Schwerpunkt war Kiel, wo am Freitag noch Spezialisten des technischen Hilfswerks mit Presslufthammern im Betonfundament nach der Leiche des 47 Jahre alten Tekin B. suchten. Die Polizei nahm fünf Führungsmitglieder des Kieler Chapters fest. Ihnen wird zunächst Erpressung, Körperverletzung, Menschen- und Waffenhandel sowie Korruption vorgeworfen.

Elitepolizisten kommen mit Hubschrauber

Die spektakulärste Aktion des Einsatzes spielte sich jedoch nicht in Kiel sondern ein paar hundert Kilometer südlich ab. Im Morgengrauen senkte sich ein Mannschaftshubschrauber in einem mit Stacheldraht und massivem Holztor gesicherten Grundstück im Örtchen Bissendorf-Wietze bei Hannover. Aus den Luken seilten sich Elitepolizisten der GSG 9 ab. Maskiert und schwer bewaffnet stürmten sie die Villa und stellten den Besitzer Frank Hanebuth. Nach intensiver Durchsuchung verließen sie das Anwesen mit Koffern voller Beweismaterial. Bei der Aktion wurde auch ein Hund Hanebuths erschossen.

Das Vorgehen der Polizei zeigt, für wen sie den 47 Jahre alten Hünen hält: Einen der gefährlichsten und mit ziemlicher Sicherheit den einflussreichsten deutschen Hells Angel. Der Chef des Hannoverschen Chapters – es gilt als das weltweit größte – kontrollierte jahrelang das Rotlicht-Viertel der Landeshauptstadt.

Opfer einer Hetzkampagne

Nachdem die Behörden lange eine Art friedliche Koexistenz mit dem „Steintorkönig“ geführt hatten, guckt ihm die örtliche Polizeiführung seit vergangenem Jahr gründlicher auf die Finger. Womöglich mit Erfolg: Im Herbst kündigte er an, er wolle sich aus dem Steintorviertel zurückziehen, in dem er sich mit Duldung der Polizei zu einem „Sicherheitskoordinator“ hatte aufschwingen können. Nun sei er das Opfer einer Hetzkampagne durch Journalisten und Politiker geworden, ließ er seinen Freund und Anwalt Götz von Fromberg klagen.

Dieser Name aber zeigt die ganze Dimension des Falles Hanebuth. Denn Fromberg steht im Mittelpunkt dessen, was man auch als Hannover-Connection kennt: Ein Netzwerk prominenter und einflussreicher Politiker und Unternehmer.

Offenes Bekenntnis zum Hells-Angels-Boss

In der Frankfurter Allgemeine Zeitung bekannte sich Fromberg ganz offen zu seiner langjährigen Freundschaft mit Hanebuth. „Meine Frau und ich verstehen uns gut mit ihm“, sagt Fromberg. „Er ist aus meiner Sicht intelligent und kann sich prima benehmen. (...) Warum soll ich um Himmels Willen so einen Menschen fallenlassen? Er hat mich bis heute nicht enttäuscht.“ Nur während der Zeit, als Schröder Bundeskanzler war, habe er ihn nicht zu seinen, in Hannover legendären Herrenabenden an seinem Geburtstag eingeladen. „Sonst kommt der Vorwurf der Nähe zwischen Hells Angels und Politik.“ Den habe es aber nie gegeben. Und seit Gerhard Schröder nicht mehr Kanzler ist, feiere Hanebuth eben wieder mit.

Der Anwalt kritisierte den Einsatz als unverhältnismäßig. Sein Mandant kenne die Kieler Hells Angels gar nicht und weise alle Vorwürfe als abwegig zurück. Nach der Durchsuchung wurde Hanebuth beobachtet, wie er sich auf zwei Rädern ein wenig Bewegung verschaffte. Aber nicht auf einer Harley Davidson, sondern auf einem Damenfahrrad.