Als Norbert Lammert die Abgeordneten zum Gedenken aufforderte, war auch einer anwesend, den mit dem Toten mehr verband als alle anderen im Saal: Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister und langjähriger Weggefährte des am Freitag 87-jährig gestorbenen Altkanzlers. Zusammen gesunken saß der CDU-Politiker da, der mit Helmut Kohl Freundschaft wie Feindschaft teilte. Sonst hörte man nur die Auslöser der Fotografen.

Da der eigentliche Trauerakt nächste Woche im Europaparlament stattfindet, beließ es der Bundestag bei 30 Gedenkminuten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verweilte auf der Tribüne, neben ihm hatte sein Vorgänger Joachim Gauck Platz genommen. Im Mittelpunkt stand die Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Da er aus dem Bundestag ausscheidet und die nächste Woche die letzte Sitzungswoche ist, könnte es Lammerts Finale gewesen sein.

Lammert verhelte Kohls Fehler nicht

Der Christdemokrat erinnerte an Kohls frühe Jahre als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, in denen dieser als Reformer galt. Ausgerechnet der Spiegel habe damals geschrieben: „Wann immer alte Zöpfe abgeschnitten werden, Kohl führt die Schere.“ Da lächelte Kanzlerin Angela Merkel, die ernst und mit durchgedrücktem Rücken zuhörte. Lammert fügte hinzu: „Wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie heute Realität ist, die friedliche Einheit unseres Landes in einem freien und befriedeten Europa.“ Dabei zitierte er den Schweizer Historiker Jacob Burckhardt: „Kein Mensch ist unersetzlich. Aber die wenigen, die es eben doch sind, sind groß.“

Freilich verhehlte Lammert Kohls Fehler nicht. „Legendär sind seine integrierende Kraft wie seine polarisierende Wirkung – im Übrigen zwischen den Parteien ebenso wie innerhalb der Union“, erklärte er. Und dass sein Abschied aus der aktiven Politik so geworden sei, wie es die „kreative Verschleierung von Parteispenden“ am Ende erzwungen habe, hänge „wieder mit der außergewöhnlichen, bisweilen auch außergewöhnlich sturen Persönlichkeit Kohls zusammen“.

Mehr als indirekt rügte Lammert Kohls zweite Frau und Witwe Maike Kohl-Richter. Denn die Würdigung einer solch herausragenden politischen Persönlichkeit sei „bei allem Respekt nicht nur eine Familienangelegenheit“. Von Kohl-Richter heißt es unter anderem, sie habe Merkel als Rednerin im Europaparlament nicht gewollt und sich mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán einen Merkel-Gegner gewünscht.

Gedenkminuten im Bundestag waren routiniert

Lammert lobhudelte nicht. Er zeigte einen Menschen in seinen Widersprüchen und machte ihn dadurch eher größer als kleiner. Eine führende SPD-Politikerin sagte anschließend: „Das kann er.“ Und der Korrespondent einer konservativen Zeitung erklärte: „Lammert werden wir auch vermissen.“

Die Resonanz auf die 30 Gedenkminuten war routiniert. Zwar waren das Kabinett und die Unionsfraktion fast vollständig angetreten. Doch die Reihen bei SPD und Linksfraktion waren bloß zur Hälfte gefüllt. Die Pressetribüne und die den Ministerpräsidenten vorbehaltene Bank blieben nahezu leer. Und alle Anwesenden verschwanden ebenso rasch wie die herbeigeholten Blumenbouquets.