Berlin - Kondolenzbücher, ein Blumenmeer am Wohnhaus von Helmut Kohl in Oggersheim, Flaggen auf halbmast, Beileidsbekundungen: Auch am Wochenende rief der Tod des Altkanzlers breite Anteilnahme hervor. Am Freitag war Kohl im Alter von 87 Jahren in seiner Heimat im rheinland-pfälzischen Oggersheim gestorben. Politiker fordern nun einen besonderen Staatsakt, den es so zuvor noch nicht gegeben hat.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker möchte Kohl mit einem europäischen Staatsakt ehren. „Schon zu Lebzeiten wurde Helmut Kohl mit der Ehrenbürgerschaft Europas ausgezeichnet, um seine außerordentlichen Verdienste zu würdigen. Deshalb gebührt Helmut Kohl nun auch ein europäischer Staatsakt, für den ich mich persönlich einsetzen werde“, sagte Juncker der Bild am Sonntag.

Dem Bericht zufolge soll der Staatsakt mit EU-Spitzenvertretern sowie Kohls politischen Weggefährten voraussichtlich im französischen Straßburg stattfinden, dem Sitz des Europäischen Parlaments.

Überführung auf dem Rhein

Danach soll der Leichnam mit einem Schiff über den Rhein nach Speyer transportiert werden, wo eine öffentliche Totenmesse im Dom stattfinden soll. Auch Konrad Adenauers Sarg wurde 1967 in einem Schiffskonvoi auf dem Rhein überführt. Der engste Familien- und Freundeskreis soll in der Traukapelle Abschied von Kohl nehmen können.

Der Staatsakt solle möglichst binnen zwei Wochen stattfinden, der genaue Termin und weitere Details seien aber noch offen, sagte eine Kommissionssprecherin. Die Überführung auf dem Rhein wollte die Sprecherin nicht bestätigen.

Am Sonntag stellte sich der EU-Kommissar Günther Oettinger hinter den Vorschlag von Juncker. Kohl sei nicht nur Bundeskanzler, sondern auch der wichtigste Mann im europäischen Rat gewesen, erklärte er. Er habe die Erweiterung und die Einführung des Euro entscheidend mitgeprägt. „Daher ist die Idee eines Unionsaktes als Zeichen einer demokratischen Kultur eine sehr gute“, sagte Oettinger.

„Ein großer Visionär für Europa“

Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz begrüßte am Sonntag am Rande der Vorstellung seines Buches „Was mir wichtig ist“ in Berlin die Idee. Er sagte: „Ich kann das nachvollziehen, dass Jean-Claude Juncker über die Idee nachdenkt, diesen großen Europäer in dieser Form zu ehren.“

Für Bürger gibt es auch jetzt schon die Möglichkeit, Abschied von Altkanzler Helmut Kohl zu nehmen. Sie können sich noch bis Freitag im Kanzleramt und in der Berliner Senatsverwaltung im Roten Rathaus in Kondolenzbücher eintragen.

Die CDU hat ein Kondolenzbuch in der Parteizentrale im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin eingerichtet und auf ihrer Internetseite freigeschaltet. „Danke für die Deutsche Einheit“, „Er schreibt Geschichte“, „Ein großer Visionär für Europa“, „Ich verneige mich vor seiner Lebensleistung“, heißt es da zum Beispiel.

Fußball-Nationalmannschaft lief mit Trauerflor auf

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schrieb am Sonntagnachmittag in das Kondolenzbuch im Kanzleramt: „Mit Helmut Kohl verlieren wir einen großen Deutschen und großen Europäer. Er hat sich um die Wiedererlangung der Einheit unseres Vaterlandes und die Europäische Einigung wie kaum ein anderer verdient gemacht.“ Sie fügte hinzu: „Wir Deutschen verdanken ihm viel. Ich verneige mich vor seinem Angedenken.“

Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), und – in seiner Funktion als Bürgermeister – Kultursenator Klaus Lederer (Linke) werden sich am Montagmorgen im Roten Rathaus eintragen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) befindet sich noch auf einer Dienstreise in Montreal.

Der Tod des Altkanzlers rief nicht nur in Deutschland große Anteilnahme hervor. Papst Franziskus würdigte Kohl als „großen Staatsmann und überzeugten Europäer“. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird beim Auftaktspiel beim Confed Cup am Montag im russischen Sotschi mit Trauerflor auflaufen. Einem entsprechenden Antrag des Deutschen Fußball-Bundes gab der Weltverband Fifa statt, berichtete der Sportinformationsdienst.

Monika Grütters forderte eine Stiftung für Kohl

Helmut Kohls Erbe soll aber auch langfristig und sichtbar bewahrt bleiben. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien und CDU-Landesvorsitzende in Berlin, forderte eine Stiftung in Gedenken an Helmut Kohl.

Dem Tagesspiegel sagte sie: „Helmut Kohl sollte durch eine Gedenkstiftung, wie es sie für andere herausragende Politiker gibt, geehrt werden.“ Als Ort komme da zuerst Berlin in Frage. „Er war immer ein glühender Vertreter der Idee der Hauptstadt Berlin“, fügte Grütters hinzu. Dies schließe nicht aus, auch eine Straße oder einen Platz in Berlin nach ihm zu benennen. (mit AFP/dpa)