Er gehört zu jenen besonderen Bühnenkünstlern, die selbst in einem großen Konzertsaal jedem das Gefühl vermitteln, sie sängen und erzählten allein für ihn. Legendär sind seine Konzerte, in denen er kein Ende findet. Das Deckenlicht ist an, die Musiker machen Feierabend, und Herman van Veen kommt noch mal raus, im Bademantel, das Mikrofon in der Hand, und singt leise vor sich hin, als stünde er in seinem Hotelzimmer vor dem Spiegel. Sein Leben sei voll von solchen Momenten reinen Glücks, sagt er – und fügt mit der für ihn typischen Lakonie hinzu: „Ich kann mich echt nicht beklagen.“ Einmal nur, es war vor drei Jahren, durchlitt er öffentlich ein Unglück ganz ungeahnter Art. Er hatte sich politisch geäußert – und sich damit gefährliche Feinde gemacht.

Herr van Veen, erhalten Sie noch Morddrohungen von Rechtsextremen?

Nein, Gott sei Dank ist diese Geschichte vorbei. Nach ungefähr sechs Monaten hörte das wieder auf.

Sie hatten im Jahr 2009 die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kritisiert.

Das war bei einer Veranstaltung zum Jahrestag des Mauerfalls. Ich verglich die Art, wie seine Partei die Feindseligkeit gegen Muslime, Afrikaner und andere Minderheiten schürt, mit der niederländischen Nazi-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs. Zu Wilders selbst mag ich mich nicht mehr äußern: Wenn es ihn nicht gäbe, gäbe es einen anderen, der attraktiv ist für solche Fanatiker. Diese Leute, die behaupten, sie wollten unsere Gesellschaft schützen, respektieren nicht einmal die Meinungsfreiheit, das höchste Gut dieser Gesellschaft.

Sie mussten mit Bodyguards auftreten.

Ich wurde rund um die Uhr beschützt und bewacht. Manchmal standen meine Bodyguards sogar auf der Bühne. Mittlerweile habe ich keine Angst mehr.

Ihnen geht es also wieder rundum gut?

Mir geht es blendend. Ich habe vor Kurzem ein Konzert in London in der Queen-Elizabeth-Hall gegeben, einer grandiosen Halle. Das war sehr schön. Jetzt bin ich in Deutschland unterwegs. Ich bin glücklich.

Und Sie sind gesund wie eh und je?

Danke, alles funktioniert noch. Ich habe anscheinend gute Gene. Meine Eltern sind beide Mitte achtzig geworden, meine Großeltern sind auch nicht jung gestorben. Was meine Erbanlagen wert sind, sehe ich, wenn ich mich umschaue: Man verliert so viele Leute. Ironisch gesagt: Der größte Teil meines Publikums ist schon gestorben. Und ich bin siebenundsechzig und fühle mich nicht anders als mit dreißig.

Auch noch auf dem Fußballplatz?

Ich mache nicht mehr so viel Sport, ich verfolge ihn intensiv, aber da sitze ich auf der Couch. Im Sommer schwimme ich hin und wieder oder spiele Tennis oder Golf. Fußball spiele ich nur noch mit den Enkelkindern. Was mich in erster Linie schlank bleiben lässt, sind die Konzerte. Ich bin ja auf der Bühne sehr aktiv.

Ich habe gelesen, Sie seien ein schlechter Verlierer und auf dem Fußballplatz alles andere als sanftmütig gewesen.

Natürlich will man gewinnen, sonst wäre es langweilig, besonders für den Gegner. Ich habe bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr richtig Fußball gespielt, und selbst da war es noch so: Wer an mir vorbeikommen wollte, musste mich dreimal überrennen. Ich gebe nie auf, bin sehr ehrgeizig, aber immer mit einem Lächeln. Ich wollte schön gewinnen.

Ist das ihr Erfolgsrezept auch außerhalb des Platzes?

Es gibt kein Rezept, weil das meiste einfach so passiert ist. Die niederländische Zeitung de Volkskrant hat mich neulich darum gebeten, für eine Artikelserie einige Tage darüber nachzudenken, welche Pläne, welche Ziele ich mit achtzehn Jahren hatte. Ich habe intensiv überlegt – und kam zu dem Ergebnis, dass ich gar keine Pläne hatte. Ich habe in Utrecht Musik studiert, Geige, Gesang, habe in allerlei Stundentenorchestern und Streichquartetten gespielt, war im Verein des Konservatoriums aktiv. Ab und an kam ein Dirigent und hat zum Beispiel gesagt, ich solle in der Matthäus-Passion die oder die Partie spielen, dann habe ich das gemacht.

Einer Ihrer Kommilitonen war der Pianist Erik van der Wurff, der Sie bis heute begleitet. Wer von Ihnen beiden hatte die Idee zu dieser Mischung aus Liederabend, Tanz und Clownerie, die Sie berühmt gemacht hat?

Wir beide – aus Zufall. 1965 war das. Die Universität suchte Studenten, die zur feierlichen Diplomübergabe eine kleine Show machen sollten. Da sagten Erik und ich einfach so: „Okay, das machen wir.“ Wir führten dann eine kleine Rundreise durch die Studienzeit auf, mit eigenen Liedern, mit Ironie und Parodien. Danach kam ein Mann und sagte: „Meine Tochter heiratet nächste Woche. Könntet ihr Minute 27 bis 35 bei der Hochzeit zeigen?“ Da fragte Erik scherzhaft: „Wie viel Geld kriegen wir dafür?“ Der Mann sagte ernsthaft: „Wie viel verlangt ihr?“ Erik antwortete: „700 Gulden“ – was damals sehr viel Geld war. Der Mann sagte: „Einverstanden.“ Das fanden wir unglaublich. Auf der Hochzeit kam wieder ein Mann auf uns zu, der ein kleines Theater besaß. Der lud uns auch ein. In London haben wir neulich gespielt, weil die Chefin der Queen-Elizabeth-Hall uns darum gebeten hatte. Beim anschließenden Bier hat uns jemand gesagt, er kenne da wen in Melbourne, der wolle unbedingt mal was mit uns machen. Und dann ruft unsere deutsche Konzertagentur an und fragt: „Herman, haste nicht Lust, mal wieder zu uns zu kommen?“ So bin ich nun zum zehnten Mal innerhalb von 45 Jahren in Deutschland unterwegs.

Ein niederländischer Violinist und Clown begeistert die Menschen in aller Welt. Wundern Sie sich manchmal selbst darüber?

Nein, denn wissen Sie was: Wenn ich auftrete, bin ich von allen Leuten im Saal derjenige, der es am schönsten findet. Das spüren die Menschen. Es ist immer wieder aufs Neue ungeheuer spannend, zumal wir das Programm von Tag zu Tag ändern, damit es nicht Routine wird: Wie wird das Konzert verlaufen? Was passiert heute? Wird meine Geige einen besonders schönen Klang erzeugen? Werden in einem Lied Text, Musik und Gesang besonders gut zusammenpassen? Ich bin jeden Abend auf der Suche nach diesen Momenten, in denen es so klingt, wie ich es mir eigentlich wünsche. Und abends nach den Konzerten sitzen wir zusammen und reden darüber, was wir besser machen könnten, was wir mal ausprobieren sollten. Wenn es uns dann gelingt, ist das Glück.

Sie gelten als Melancholiker. Zu Recht?

Ich bin mit dieser Charakterisierung überhaupt nicht einverstanden.

„Ich hab ein zärtliches Gefühl“ – dieses Lied ist Ihr Markenzeichen.

Meine Kinderfigur, die Ente Alfred Jodocus Kwak, aber singt: „Warum bin ich so fröhlich?“

Eben! Die wundert sich über sich selbst. Ihr deutscher Übersetzer, sagte schon vor vielen Jahren, Sie brauchten eigentlich mal ein Lied mit dem Titel: „Ich hab ein fröhliches Gefühl“. Das Lied haben Sie immer noch nicht.

Aber wissen Sie, Melancholiker leben die Traurigkeit sehr aktiv, und das tue ich überhaupt nicht, im Gegenteil: Ich bin ein Erzrealist. Ich bin ein psychisch stabiler Mann, der sehr ernsthaft darüber nachdenkt und sich dazu äußert, was mit uns passiert, was in der Welt geschieht. Das Image des Melancholikers mag nun daher rühren, dass ich mich zum Beispiel auch dazu bekenne, wie sehr ich manche Menschen vermisse, die mir sehr wichtig waren, und die gestorben sind. Wenn ich im Konzert von meinen Eltern singe, wie sie den Krieg überlebt haben, wie sie alles dafür getan haben, damit wir eine schöne Kindheit hatten, eine gute Bildung, hat das nichts mit Melancholie zu tun, sondern mit Glück. Ich sehne mich nämlich nicht nach dieser Zeit, ich muss nicht mit Wehmut zurückblicken, sondern ich möchte mich daran erinnern. Es ist die Basis meines Lebens und meiner Kunst, es ist, wenn Sie so wollen, meine Insel.

Denken Sie oft an Ihre Eltern?

Täglich.

Ändert sich die Erinnerung?

Meine Sichtweise auf meine Eltern hat sich nach deren Tod häufiger und stärker verändert als jemals zuvor. Ich habe im Alter festgestellt, dass meine Mutter im Bezug auf mich häufiger recht hatte, dass sie viel mehr über mich wusste. Als junger Mann habe ich das nicht wahrhaben wollen, da war es mir enorm wichtig, Entscheidungen für mich allein zu treffen, nur weil es meine eigenen Entscheidungen waren. Die Gedanken und Vorschläge meiner Eltern habe ich oft aus Prinzip überhört, anstatt darüber nachzudenken, was sie eigentlich bewirken wollten. Heute, wo ich selbst Kinder habe und meine Enkelkinder aufwachsen sehe, objektivieren sich meine Eltern.

Was heißt das?

Ich sehe heute ganz klar, wer meine Eltern faktisch waren. Dieser Blick wird nicht mehr belastet durch Sentiments. Man ist auch freier, weil man sich ja nicht mehr beweisen und behaupten muss gegenüber den Eltern.

Sind Sie als Vater entsprechend verständnisvoll mit der pubertären Dickköpfigkeit Ihrer Kinder umgegangen?

Das hoffe ich, obwohl: Die waren gar nicht sehr dickköpfig.

Sie haben zwei Söhne und zwei Töchter. Ihre Älteste hat mal in einem Fernsehinterview gesagt, Sie seien ein strenger Vater gewesen.

Meine Kinder sollten sich ausprobieren, sollten selbst herausfinden, worin ihre Talente liegen, ihre Leidenschaften, was ihnen Freude bereitet. Sie sollten sich aber Mühe geben, es richtig zu machen, gut zu machen, mit Ernsthaftigkeit und Eigenverantwortung. Das war es, worauf meine Eltern immer Wert gelegt haben, und wofür ich heute sehr dankbar bin. Ich denke, dass ich meinen Kindern auf ihrem Weg den einen oder anderen nützlichen Gedanken mitgegeben habe, auch wenn meine Kinder das damals nicht so gesehen haben mögen. Manchmal habe ich bestimmt streng gewirkt, weil ich auch ermahnt habe. Meine Älteste ist übrigens Schauspielerin geworden, sie ist sehr gut und in Holland sehr erfolgreich.

Ist sie der kleine Fratz auf dem Kinderrad, den Sie in Ihrem berühmten Lied aus den Siebzigerjahren besingen?

Sie ist der kleine Fratz.

Warum haben Sie ihr das nie gesagt?

Sie meinen, sie weiß das nicht?

Das sagte sie jedenfalls in dem Interview vor zehn Jahren.

Ah ja. Also mittlerweile weiß sie es – ganz sicher.

Wenn Sie die Kindheit Ihrer Kinder mit der Ihrer Enkel vergleichen, was fällt Ihnen besonders auf?

Das sind andere Welten. Ich staune zum Beispiel darüber, wie viel mein zwölfjähriger Enkelsohn weiß. Wenn ich etwas herausbekommen möchte, nehme ich mir einen Zettel und einen Bleistift und suche im Regal nach dem passenden Buch. In der Zeit hat mein Enkel das schon dreimal im Internet gefunden und ruft zu mir herüber: „Schau Opa, so und so ist es!“ Und dann diese Computerspiele, die die ständig spielen. Für mich als Zwölfjähriger war das Fahrrad das Größte, jede Woche bin ich zum Laden und habe mein Taschengeld abgeliefert für dieses neue Fahrrad. Es ist wirklich eine andere Welt! Ich bin kein Pädagoge, kein Psychologe, deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, ob es gut ist oder nicht.

Medienkompetente Erziehung wird von den Eltern heute erwartet. Dabei sind wir selbst noch Lernende im Computerzeitalter.

Ich glaube, dass es nie zuvor so schwierig war, Eltern zu sein. Man weiß gerade mal, wie es funktioniert, aber man weiß nicht, wie sich diese Informationsflut, die Spiele, die Videos, die sozialen Netzwerke auswirken werden, emotional, intellektuell. Mir fällt auf, dass die Kinder die Informationen nicht mehr interpretieren, nicht mehr einordnen. Für meinen Enkelsohn ist ein Auto ein Auto, und das fährt.

Er fragt nicht nach dem Warum?

Was ja bekanntermaßen die beste Frage ist, die man stellen kann. So wie es meine Ente Kwak immer tut. „König, warum schwimmen Sie in einem Limonaden-Schwimmbad?“ – „Das hat meine Familie schon immer getan!“ – „Warum?“ -– „Ja das weiß ich auch nicht.“ – „Warum wissen Sie das nicht?“ – „Ich habe nie darüber nachgedacht!“ – „Warum haben Sie nie darüber nachgedacht?“ Und so weiter. Das ist eine Kinderfigur, natürlich, aber ich bin nicht sehr anders. Ich frage heute noch nach dem Warum, weil ich ein neugieriger Mensch bin, weil ich verstehen möchte, wie es wirklich ist. Warum sagt einer etwas so und nicht so? Warum sagt er es gerade jetzt? Was sagt er nicht? Neulich habe ich mich mit meinem Sohn über die Kuba-Krise unterhalten, über die Herren Chruschtschow und Kennedy, und bei diesem Gespräch fiel mir auf, dass nur noch selten von den amerikanischen Raketen berichtet wird, die damals in der Türkei stationiert waren, ausgerichtet auf die Sowjetunion. Mich treibt dann sofort die Frage um, warum das in so gut wie allen Artikeln zur Kuba-Krise unerwähnt bleibt. Die Story von der Schweinebucht und von Herrn Chruschtschow mit dem Schuh wird immer wieder erzählt, in allen Variationen.

Wenn man sich für Geschichte interessiert, wird man leicht die entsprechenden Informationen erhalten. Gerade im Internet.

Aber nicht in den gewöhnlichen Artikeln und Fernsehsendungen. Deshalb müssen wir alles hinterfragen. Ich finde es gerade deswegen schlimm, wenn wir die Neugier unserer Kinder abwehren, wenn wir sie nicht dazu ermutigen, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Wenn Ihr Enkel Sie löchert, antworten Sie immer geduldig?

Der Zwölfjährige fragt nicht mehr so viel. Wie gesagt: Der hat das Internet. Aber mein Sechsjähriger! Neulich wollte er wissen: „Opa, woran erkennt man, wann eine Blume stirbt?“ – „Wenn ihre Blüten abfallen.“ – „Und wann müssen Menschen sterben?“ – „Wenn sie sehr alt sind.“ – „Und wann wird Mama alt sein?“ – „Wenn sie dich nicht mehr fragt, ob du deine Ohren gewaschen hast.“ – „Opa, können Kinder auch sterben?“ – „Ja.“ Und dann musste ich ihm ganz viel erklären. Kinder stellen sehr ernsthafte Fragen, man sollte sie ernsthaft und ehrlich beantworten.

Wir schützen unsere Kinder manchmal zu sehr?

Was verständlich ist. Ich glaube, wenn ein Kind über den Tod nachdenkt, darüber, dass Mama und Papa irgendwann nicht mehr da sein werden, dass es selbst sterben kann, dann zeigt das nur, wie glücklich dieses Kind ist. Wenn wir glücklich sind, wollen wir, dass es nie aufhört. Im Flugzeug denke ich auch jedes Mal: „Hoffentlich stürzt dieses Scheißding nicht ab.“ Man sollte sich als Eltern also nicht fürchten vor diesen Fragen.

Sind Kinder heute noch frei?

Ich kann das schlecht beurteilen. Sicher, heute haben Kinder viele Termine, und besonders in den Großstädten, glaube ich, ist es schwierig geworden für Kinder, sich frei zu bewegen. Meine Enkel haben da mehr Glück, die waren jetzt sogar sieben Monate lang bei uns auf dem Land. Ich bin ja ein Naturmensch, ein Amateurbauer. Ich nehme die Kinder mit aufs Feld, in den Wald, in den großen Garten.

Ist es vor allem das, was Sie von Ihren Eltern mitbekommen haben: das gute Beispiel?

Ganz bestimmt. Mein Vater hat mir dieses Gemeinschaftsgefühl vorgelebt. Er war sehr gesellig und sozial, in allen möglichen Sportvereinen und in der Gemeinde war er aktiv. Ein typischer niederländischer Sozialdemokrat, so ein Mann war mein Papa. Vor allem war er ein leidenschaftlicher Erzähler und Zuhörer, er genoss es, zusammenzusitzen und miteinander zu reden, Ideen zu erörtern, Gedanken auszutauschen, gemeinsame Werte zu schaffen. Ich genieße das genauso. Mir geht es dabei gar nicht darum, mich persönlich mitzuteilen, auch nicht auf der Bühne. Es geht mir um die Anregung, weil die Gemeinschaft mein Denken beflügelt, ich finde dann auch die besten Worte. Im Niederländischen gibt es den Begriff Uns-Gefühl, den finde ich sehr gemütlich. Alles wie mein Vater – den ich übrigens jeden Morgen rasiere.

Wie das?

Ich sehe ihm erstaunlich ähnlich.

Herr van Veen, Sie kümmern sich seit fünfzig Jahren um die Rechte der Kinder. Zu dieser Zeit waren Sie fast selbst noch ein Kind.

Mit siebzehn habe ich mich bei der Unicef als Helfer gemeldet. Kinder haben mich schon immer interessiert, ich wollte ja mal Lehrer werden. Schauen Sie, Kinder vertrauen uns Erwachsenen, sie sind unheimlich loyal. Vor allem natürlich gegenüber ihren Eltern. Sie spüren oft sehr genau, dass etwas nicht gut ist, dass man sie nicht gut behandelt, dass man ihre Eltern nicht gut behandelt. Aber sie würden sich nie dagegen auflehnen. Es braucht mehr Menschen, die etwas für die Kinder tun.

Seit 1989 gibt es die UN-Kinderrechtskonvention. Was hat die bewirkt?

Leider nicht genug. Als sie in New York unterzeichnet worden ist, gehörte ich zu einer niederländischen Delegation, ich habe sozusagen im Hinterzimmer mitgewirkt. Ich war damals voller Hoffnung. Denn auch wenn das naiv erscheint: Ich glaube bis heute fest daran, dass unsere Welt friedlicher und harmonischer wäre, wenn diese Rechte ernsthaft geschützt würden. Die Kinderrechte geben uns viele Möglichkeiten. Aber: Wer klagt sie im Namen der Kinder ein? Es gibt keine Anwälte, die sich darauf spezialisiert haben, keine wirklich aktiven Institutionen. Wir haben genügend Lebensmittel, um die Welt zu ernähren. Aber jährlich sterben weltweit mehr als acht Millionen Kinder unter fünf Jahren.

Eine aktuelle Statistik besagt, dass die Kindersterblichkeit in den vergangenen 20 Jahren um 50 Prozent zurückgegangen sei.

Ich weiß, es gibt kleine Fortschritte. Auf der anderen Seite werden nach wie vor auch in Ländern wie den Niederlanden die Kinderrechte vergewaltigt. Zum Beispiel dürfte ein Kind einer Flüchtlingsfamilie gar nicht ausgewiesen werden, weil das Kind das Recht hat, dort zu sein, wo es geschützt ist, ganz gleich, wie es dorthin gekommen ist. Warum wird dieses Recht missachtet? Wieder: Weil es keinen Anwalt gibt, der den Eltern das erklärt.

In manchen EU-Ländern ist das Bildungsniveau der Kinder unmittelbar vom Einkommen der Eltern abhängig. Von Chancengerechtigkeit sind auch wir Deutschen weit entfernt. Wie ist das in Holland?

Es ist ein Problem. Am Beispiel Bildung kann man übrigens verdeutlichen, wie wichtig und manchmal auch einfach es wäre, Kindern zu erklären, was es bedeutet, auf etwas ein Recht zu haben. Wir sagen: „Du musst in die Schule gehen! Du musst lernen!“ Wir sollten aber sagen: „Du hast das Recht, in die Schule zu gehen! Du hast das Recht auf Unterricht!“

Zum Wohle des Euro werden wir unseren Kindern einen enormen Schuldenberg hinterlassen. Wir glauben, keine andere Wahl zu haben. Was bedeutet das für die Zukunft unserer Kinder?

Das muss man doch nicht erklären. Ich finde diese Politik, die nur die Gegenwart im Blick hat und den ökonomischen Zwängen gehorcht, extrem opportunistisch, links wie rechts. In Holland gibt es nur zwei kleine Parteien, die linken Grünen, die ich wähle, und die Tierpartei, so absurd es klingt, die sich in ihren Programmen intensiv der Frage widmen, was unsere gegenwärtige Politik für die Zukunft bedeutet, ökonomisch, vor allem aber auch ökologisch. Schon die Gegenwart ist teilweise schlimm: In den Schulen mangelt es an vielem, es gibt nicht genügend Spielplätze in den Städten, in der Gesundheitsversorgung wird gespart. Und wie erhalten wir unsere Erde?

Bei den Parlamentswahlen im September haben die Niederländer den EU-kritischen Parteien eine klare Abfuhr erteilt. Was bedeutet Europa Ihnen?

Europa ist eine Tatsache, die uns seit vielen Jahren den Frieden bewahrt. Zum Glück sehen das die allermeisten meiner Landsleute auch so.

Akzeptiert man die starke Rolle Deutschlands?

Ich weiß nicht, ob Deutschland wirklich alles bestimmt, wie manche glauben. Aber historisch betrachtet versteht es Deutschland besser als jedes andere Land, wie wichtig es ist, dass dieses Europa dieses Europa ist, so banal das klingt. Das wird in den Niederlanden erkannt, wir stehen da an Deutschlands Seite, unser Regierungschef sieht sich als ein Partner von Frau Merkel. Man kann sagen: Wir haben Vertrauen. Jetzt in der Krise offenbar noch mehr als sonst. Die Populisten und Utopisten, die gegen dieses Europa sind, haben zurzeit wenig Chancen. Was mir persönlich fehlt, ist ein europaweites ökologisches Projekt.

Herr van Veen, in welcher der vielen Sprachen, die Sie auf den Bühnen Europas sprechen, fühlen Sie sich am wohlsten – abgesehen vom Niederländischen natürlich?

Meine Frau ist Belgierin, Französisch ist mir daher sehr vertraut. Es ist eine schöne, melodische Sprache, die Tradition des Chansons spricht für sich. Englisch ist dagegen sehr rhythmisch, sehr kommunikativ.

Mögen Sie Deutsch?

Deutsch ist grandios, für mich als Sänger ist es die beste Sprache, sie kommt aus der Brust, aus der Tiefe. Es ist kein Wunder, dass die Deutschen so viele hervorragende Liedkomponisten hervorgebracht haben. Das Niederländische kommt mehr aus der Kehle, ist sehr scharf.

Warum gibt es keinen niederländischen Komponisten von Weltrang?

Weil wir ein Land der Maler sind, wir sind Augenmenschen. Unser Land ist so flach, dass wir sehen können, wenn in London jemand ins Flugzeug steigt. Deutschland mit seinen hohen Bergen und dunklen Wäldern ist ein Land des Hörens.

Haben Sie ein Lieblingslied?

Ich denke schon. Von allen Liedern, die mir sehr viel bedeuten, ist es am Ende doch eines, das oben steht: „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel.

Warum?

Weil da ein Mann seine ganze Kraft und Leidenschaft aufbringt, um ihr zu sagen: Ich bin gerne bei dir! Ich lebe gerne mit dir! Bitte, verlass mich nicht! Das ist sehr mutig.

Und umgekehrt: Was verachten Sie?

Apathie. Wenn Menschen sagen: Was soll ich schon tun? Ich kann es ohnehin nicht ändern. Was geht es mich an.

Wovor haben Sie Angst?

Vor Schmerzen. Ich fürchte manchmal: Wann geht es auch bei dir los, dass dir erst das weh tut und dann das und so weiter.

Ist es auch die Angst vor einem Zustand, in dem man nicht mehr leben will?

Ich möchte mir diesen Zustand nicht vorstellen, weil ich mir vorgenommen habe, nicht zu sterben. Wenn der Tod zu mir kommt, werde ich dafür sorgen, dass ich nicht zu Hause bin. Ich will ewig leben.

Für den fliegenden Holländer war das ein Fluch.

Ich werde ein glücklicher fliegender Holländer sein.