BerlinWann bin ich ein Corona-Verdachtsfall? Wo kann ich mich testen lassen? Wen muss ich informieren? Unter welchen Bedingungen darf ich zur Arbeit gehen? Schon für Muttersprachler ist es mitunter kompliziert, in der sich schnell ändernden Pandemielage zu verstehen, wann welche Regeln gelten. Doch wie erreichen die Informationen die Bürger, die kein oder nur schlecht Deutsch sprechen?

Beim Integrationsgipfel am Montag nun erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, man habe beschlossen, mehr Informationen der Regierung in andere Sprachen zu übersetzen, um möglichst alle Menschen im Land zu erreichen. Der Video-Podcast der Kanzlerin war am Wochenende bereits mit arabischen und türkischen Untertiteln versehen.

„Ich glaube nicht, dass es zu der tatsächlichen Bedrohungssituation flächendeckend zu wenig Informationen gab“, sagt Güner Balci, Integrationsbeauftragte des Bezirks Neukölln. „Es hat sich im Laufe der Zeit eher eine gewisse Nachlässigkeit eingestellt, was die Einhaltung der Regeln angeht. Das hat aber nichts mit Migrationshintergrund zu tun – das beobachte ich generell, auch zum Beispiel bei jüngeren Leuten.“

Viele Menschen, die kein Deutsch sprechen, informierten sich außerdem über Medien in ihrer Muttersprache, sagt Balci. Ein Problem sei hier allerdings die Qualität der Nachrichten. „Beim türkischen Staatsfernsehen etwa kann man nicht unbedingt davon ausgehen, dass die Informationen stimmen.“ Insofern begrüßt die Neuköllner Integrationsbeauftragte den Vorstoß der Bundeskanzlerin, die Informationen der Bundesregierung in mehr Sprachen zu übersetzen. Wichtig sei aber, dass sie dann auch wirklich bei den Menschen ankämen. „Natürlich ist auch denen, die kein Deutsch können, klar, dass wir eine gefährlich Pandemie erleben. Aber was zu tun ist, wenn jemand in der Familie mit Corona infiziert ist oder war oder jemand Kontakt zu einem Verdachtsfall hatte – das ist lange nicht so präsent. Auf dieser Ebene die richtigen Informationen zu finden, das ist schon deutlich schwieriger.“

Am effektivsten sei Aufklärungsarbeit in den Milieus selbst, sagt Balci. „Im Zuge der Pandemie haben wir in Neukölln ein internationales Aufklärungsteam zusammengestellt. Es besteht aus sechs Leuten, die 13 Sprachen beherrschen. Das Gesundheitsamt kann auf diese Gruppe permanent zurückgreifen.“

Güner Balci ist klar, dass ein Team von sechs Aufklärern noch lange nicht ausreicht. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Solche Angebote müssen viel struktureller werden. Das gilt auch unabhängig von der Pandemie: Besonders um Menschen zu erreichen, die neu nach Deutschland kommen, brauchen wir diese Brückenbauer. Anders geht es gar nicht.“

Balci sieht in der Pandemie aber noch ein weiteres Problem: Sich in Quarantäne zu begeben, könne für viele Menschen existenzbedrohend sein. „Das gilt besonders für Migranten, die eben oft in der Bau- oder Reinigungsbranche arbeiten – und oft auch schwarz“, sagt Balci. „Jemand, der es auf diese Weise geradeso schafft, die Familie durchzubringen, schreckt natürlich davor zurück, sich zu melden, wenn er Kontakt zu einem Infizierten hatte. Denn es hat sich rumgesprochen: Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich 14 Tage zuhause bleiben – und dann bin ich meinen Job los.“ Das gelte auch für Leute, die zwar einen Arbeitsvertrag hätten, aber in Jobs im Niedriglohnsektor arbeiteten – auch das beträfe besonders Migranten. „Diese Menschen wissen, dass sie im Zweifel austauschbar sind. Dementsprechend wollen sie nicht in Quarantäne, weil auch sie um ihren Job fürchten.“