Verbena Bothe (30) war als Ärztin an Bord der „Sea-Watch 3“, die vor Weihnachten 32 Flüchtlinge aus einem Schlauchboot holte, das vor der libyschen Küste in Seenot geraten war. Seit mehreren Tagen sitzt nun das Schiff der Berliner Hilfsorganisation Sea Watch im Mittelmeer fest. So wie die „Professor Albrecht Penck“ der deutschen Organisation Sea-Eye, die kurz vor Jahreswechsel 17 Menschen aus einem kleinen Holzboot rettete.

Beiden Hilfsschiffen wurde es von Anrainerstaaten untersagt, einen Hafen anzulaufen, um dort die Geretteten von Bord zu lassen. Keiner will die Menschen. Nun treiben sie auf den Hilfsschiffen vor der Küste von Malta in eine ungewisse Zukunft. Dass die Neuköllner Ärztin der „Sea-Watch 3“ wieder in Berlin ist, verdankt sie einem Crew-Wechsel mittels eines Versorgungsschiffes.

„Es ist ein blödes Gefühl, dass ich die Menschen verlassen musste“, sagt Bothe. Doch der Austausch der Mannschaft war notwendig. „Wir brauchten ein frisches Team. Die Situation an Bord ist nicht nur für die Flüchtlinge dramatisch, sie zerrt auch an unseren Kräften.“

Psychischer Zustand der Geretteten immer schlechter

Wegen des schlechten Wetters und des starken Wellengangs litten viele Flüchtlinge an der Seekrankheit. „Bei gesunden Menschen wäre das kein Problem“, sagt die Ärztin. „Bei den geschwächten Flüchtlingen kann das ständige Übergeben zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.“ Ähnlich sei die Lage auf dem Sea-Eye-Schiff.

„Dort muss wegen der defekten Trinkwasseraufbereitungsanlage das Trinkwasser rationiert werden“, sagt Sprecher Erik Marquardt. Dank eines Versorgungsschiffes wurden am vergangenen Wochenende die Vorräte auf den Hilfsschiffen notdürftig aufgefüllt.

Die Flüchtlinge an Bord der „Sea-Watch 3“ seien aus libyschen Flüchtlingslagern geflohen, so Bothe. „Sie berichteten mir von Folter und Misshandlungen.“ Die Ärztin erklärt, dass sich bei den Geretteten vor allem der psychische Zustand verschlechtert habe. Einige hätten auf beiden Hilfsschiffen kurzzeitig die Nahrung verweigert. „Viele kommen mit der Situation nicht klar: Sie sehen, dass die Schiffe vor einer sicheren Küste stehen, sie dürfen aber nicht an Land“, sagt Verbena Bothe.

Lage sei beschämend

Sie berichtet, dass am 4. Januar offenbar ein Flüchtling von Bord gesprungen sei, weil er keinen Ausweg mehr sah. Der Mann wurde gerettet. Auch Philipp Hahn (41) ist wieder in der Heimat. Der Berliner Bootsbauer arbeitet seit 2015 ehrenamtlich bei Sea Watch, leitete den jetzigen Rettungseinsatz. Hahn berichtet, wie er verzweifelt die europäischen Seenotrettungsstellen kontaktierte, damit die „Sea-Watch 3“ einen sicheren Hafen anlaufen kann.

„Es ist beschämend: Wir stehen vor Malta, doch die Regierung lässt uns nicht an Land“, sagt Hahn. „Zum ersten Mal erleben wir, dass EU-Staaten, auch Deutschland, uns jede Hilfe verweigern. Dabei haben Städte wie Berlin sich gerade bereit erklärt, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir reden hier nicht von Milliarden von Menschen, sondern von gerade einmal 49.“

Aber die politische Lage ist komplizierter als gedacht. Zunächst stellte Deutschland die Bedingung, dass sich bei der Aufnahme der Flüchtlinge auch andere EU-Staaten beteiligen sollten. Dazu erklärten sich bei einem Treffen der EU-Botschafter am Montag in Brüssel auch Frankreich, die Niederlande, Luxemburg, Italien, Irland, Portugal und sogar Malta bereit. Problem nur, dass Malta nun fordert, dass auch 250 von seiner Küstenwache gerettete Flüchtlinge mit verteilt werden – also insgesamt 299 Menschen. „Die bisherigen Angebote der neun Mitgliedstaaten sind zwar deutlich höher als 50 Flüchtlinge“, sagt ein EU-Diplomat. „Aber sie reichen nicht an die 299 heran.“