Berlin - Hillary Clinton lächelt am Anfang und am Ende ihres Auftritts professionell. Aber während ihrer Rede muss sie einige Male schlucken. „Donald Trump wird unser Präsident sein“, sagt sie am Mittwoch vor Anhängern in New York. Und sie beweist auch mit den folgenden Sätzen, dass sie weiß, was sich für eine Wahlverliererin gehört: „Wir schulden es ihm, dass wir ihm offen gegenüber treten und ihm die Chance geben zu führen.“

Sie gibt zu, dass das Ergebnis sie schwer getroffen hat. „Das ist schmerzhaft“, sagt sie. „Und es wird für lange Zeit schmerzhaft sein.“

Dreifache Niederlage für Clinton

Wie niederschmetternd die Niederlage für sie sein muss, lässt sich auch daran erahnen, dass Clinton in der Wahlnacht selbst noch nicht zu ihren Anhängern sprach. Stattdessen schickte sie ihren Wahlkampfmanager John Podesta, der – trotz aussichtsloser Lage – die Arme wie ein Sieger hochriss. „Danke“, rief er Clintons Anhängern zu, behauptete das Rennen sei noch nicht gelaufen und schickte die Leute nach Hause ins Bett. Kurz später wurde bekannt, dass Clinton Trump angerufen und ihm zum Wahlsieg gratuliert hat.

Clintons Niederlage ist eine dreifache: erstens eine ganz persönliche für die Kandidatin, zweitens eine politische – für die demokratische Partei, aber auch für die Anhänger eines liberalen, weltoffenen Amerikas. Drittens ist es auch eine Enttäuschung für alle, die gehofft hatten, in den USA werde es nach dem ersten schwarzen Präsidenten nun die erste Präsidentin in der Geschichte des Landes geben.

Im Schatten ihres Mannes Bill

Noch am Vortag der Wahl hatte Clinton im roten Kostüm in Raleigh, North Carolina, ihren Anhängern zugejubelt. „Ich glaube, es ist die wichtigste Wahl in unser aller Lebenszeit“, rief sie. Es sei die Wahl zwischen starker, aber beständiger Führung oder einer „losen Kanone“, setzte Clinton selbstbewusst hinzu. Sie wirkte siegessicher.

Und jetzt? Clintons Lebenstraum ist geplatzt. Schon an der Seite ihres Ehemanns Bill, von 1993 bis 2001 US-Präsident, spielte sie eine für die First Lady außergewöhnliche politische Rolle. Ihr Mann hatte sie an die Spitze eines Teams gestellt, dass die Details für das zentrale Vorhaben einer Gesundheitsreform erarbeiten sollte – ein Projekt, das gnadenlos scheiterte.

Schon damals schlug ihr, die von vielen als Karrieristin empfunden wurde, teils ungebremster Hass entgegen. Vielleicht hat das dazu beigetragen, dass Clinton es nie gelernt hat, so offen und einnehmend auf Menschen zuzugehen wie ihr Mann Bill. Oder wie Barack Obama, gegen den sie im Jahr 2008 den Kampf um die US-Präsidentschaftskandidatur verlor.

Ganz offensichtlich gegen Regeln verstoßen

Clinton legte sich in der Öffentlichkeit einen Panzer zu, der ihr den Weg zu ihrer langen Karriere erst geebnet haben mag. Sie wurde Senatorin, Außenministerin und schließlich im zweiten Anlauf Präsidentschaftskandidatin. Doch genau dieser Panzer ist mit Schuld daran, dass Clinton auf viele so unnahbar und abgehoben wirkte.

Clinton, die Erfahrene, die Qualifizierte – so wollte sie gesehen werden. Doch das reichte nicht. Wer Präsident der USA werden will, muss den Menschen das Gefühl geben, er würde den amerikanischen Traum neu beleben. Hinzu kommt: Wer Erfahrung hat, macht Fehler. Er stimmt über die Jahre dann und wann widersprüchlich ab. Im schlimmsten Fall hat er ganz offensichtlich gegen Regeln verstoßen. Wie Clinton, die als Außenministerin entgegen den Sicherheitsbestimmungen dienstliche E-Mails über ihren privaten Server verschickt hat.

„Sie würde alles sagen, um gewählt zu werden“ – das war der Tenor vieler Anti-Clinton-TV-Spots der Trump-Kampagne. Eine Botschaft, die wirkte. Insbesondere auch in einigen Staaten, in denen die Demokraten früher die Arbeiter für sich gewinnen konnten. Doch diese Menschen – vor allem die Weißen ohne Uni-Abschluss – fühlen sich von den Demokraten offenbar nicht mehr vertreten, weil sowohl unter Obama als auch in den Regierungsjahren von Bill Clinton vom Wirtschaftswachstum wenig bis nichts bei ihnen ankam. Die Demokraten stehen damit erneut vor der Richtungsfrage, die bereits das knappe Vorwahl-Duell zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders dominiert hat: Müssen die Demokraten ein stärker linkes, wohlfahrtsstaatliches Angebot machen? Oder glauben sie, mit einem solchen Kurs erst Recht Wahlen zu verlieren?

Republikaner behalten Mehrheit im Senat und Repräsentantenhaus

Dieser Richtungsstreit muss nun vor dem Hintergrund eines Desasters ausgetragen werden. Die Präsidentschaft ist weg, die Republikaner behalten sowohl die Mehrheit im Senat als auch die im Repräsentantenhaus. Und Neubesetzungen am obersten Gerichtshof könnten auf Jahrzehnte zu einem konservativeren Kurs des Gerichts in Fragen von Abtreibung und Homo-Ehe führen.

Wann in der Zukunft die USA das erste Mal von einer Präsidentin regiert werden, bleibt ungewiss. Angela Merkel (CDU) ist in Deutschland seit 11 Jahren Bundeskanzlerin. Theresa May soll für die Briten den Brexit verhandeln. Doch Hillary Clinton wird nicht in die Riege mächtiger Regierungschefinnen aufrücken. Sie hat jetzt ausgerechnet gegen einen Mann verloren, der im Wahlkampf Tonbandaufnahmen von eigenen sexistischen Ausfällen als „Gerede von Jungs in der Umkleidekabine“ herunterspielte.

Es ist wirklich der Tag der vollkommenen Niederlage für Hillary Clinton.