Deutsches Plakat zum Internationalen Frauentag 1914.
Grafik: Karl Maria Stadler

BerlinSeit 1921 wird der Internationale Frauentag am 8. März begangen. Dieses Jahr also zum 100. Mal. Warum ausgerechnet der 8. März, habe ich nicht herausfinden können. Das erste Mal hatten Frauen der Sozialistischen Partei der USA am 28. Februar 1909 zusammen mit bürgerlichen Frauenkämpferinnen einen Frauentag begangen. Im Zentrum stand die Forderung nach dem Frauenwahlrecht.

Im Jahr darauf fand im August in Kopenhagen die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz statt. Auf der griffen die Sekretärin der Sozialistischen Fraueninternationale, Clara Zetkin (1857–1933), und Käte Duncker (1871–1953) den Vorschlag der amerikanischen Delegierten May Wood Simons (1876–1948) auf und so verabschiedete die Versammlung in Kopenhagen folgende Erklärung: „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. (…) Der Frauentag muß einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Spaltung der Arbeiterbewegung

Der erste Internationale Frauentag wurde dann am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz gefeiert. Mit der Wahl des Datums sollte der revolutionäre Charakter des Frauentags hervorgehoben werden, denn der Vortag, der 18. März, war der Gedenktag für die Gefallenen während der Märzrevolution 1848. Außerdem hatte auch die Pariser Kommune 1871 im März begonnen.

Der Frauentag war innerhalb der sozialistischen Parteien nicht unumstritten. Die Idee, dem ersten Mai einen eigenen Frauentag zur Seite zu stellen, wurde immer wieder auch als Spaltung der Arbeiterbewegung betrachtet. Zumal der Internationale Frauentag immer wieder die Sozialistinnen mit den sehr beredten und kämpferischen Suffragetten der bürgerlichen Frauenbewegung zusammenbrachte. Es gibt keine Geschichte, die diese Zusammenarbeit und die Auseinandersetzungen darin beschreibt. Sie war ganz sicher immer wieder eine wichtige Praxis im Prozess der Selbstbewusstwerdung der Frauen.

Idee der Revolution

Die Frauenbewegung der Jahre debattierte – da viele der Frauen aus den sozialistischen Zirkeln der Studentenbewegung kamen – zu Beginn wieder, was Clara Zetkin 1889 gegen Helene Lange und Minna Cauer formuliert hatte: „Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem männlichen gleichen Unterricht – obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist – noch von der Gewährung politischer Rechte. Die Länder, in denen das angeblich allgemeine, freie und direkte Wahlrecht existiert, zeigen uns, wie gering der wirkliche Wert desselben ist. Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat. Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.“

Die Idee des einen Knotens, der zerschlagen werden müsse, um alle Fäden endlich richtig zusammenzuführen, die Idee der Revolution, war immer auch ein Hindernis, sich den konkreten Fragen zu stellen.

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Frauentag sprengte gewohnte Perspektiven

Der Internationale Frauentag, der das freie, geheime und gleiche Frauenwahlrecht auf die Tagesordnung setzte, befreite viele Kämpferinnen von einer Sicht, derzufolge sich die Welt in feststehende Haupt- und Nebenwidersprüche, in Reform und Revolution gliederte. Der Frauentag war ein Biotop, in dem sich das selbstbewusste Subjekt Frau herausbildete. Er war ein Ort, an dem Frauen Frauenpolitik machten. Von ihm aus konnten sie Männerpolitik als solche erkennen. Es gab noch einige andere derartige Orte. Aber der Frauentag war von Anfang an global und sprengte auch darum die gewohnten Perspektiven. Die Frauen ließen sich immer weniger an der Leine von Männern verfassten Parteitagsbeschlüssen führen.

Während und nach dem ersten Weltkrieg führten eine Reihe europäischer Staaten das Frauenstimmrecht ein: 1906 hatte als erstes europäisches Land das russische Großfürstentum Finnland den Frauen das Wahlrecht bereits gegeben, 1913 folgte Norwegen, 1915 Dänemark, 1918 Deutschland, Österreich und Polen, 1919 Luxemburg und die Niederlande, 1921 Schweden und erst 1928 Großbritannien.

Sozialistische Erfindung

Das erste muslimische Land mit Frauenwahlrecht war 1919 Aserbaidschan gewesen. Ein Jahr später erst waren die USA so weit. Es gibt eine kanadische Karikatur aus dem Jahre 1930. Auf ihr sieht man eine elegante Dame in Quebec vor einem Zeitungsaushang, dem sie entnimmt, dass die türkischen Frauen jetzt das Wahlrecht haben. In Quebec gab es das erst 1940. In Frankreich erst 1944.

Der Internationale Frauentag war eine sozialistische Erfindung. Während des Kalten Krieges spielte er darum im Westen kaum eine Rolle. Es gab immer wieder Zeiten, in denen behauptet wurde, Frauen wären gleichberechtigt, sie brauchten keinen Kampftag mehr. Es fehlte nicht an Stimmen, die es lächerlich fanden, wenn Frauen Fahnen schwingend und Parolen skandierend durch die Städte zogen. Das war immer falsch und es ist es auch heute. Das Frauenstimmrecht ist erkämpft. Aber von gleichem Lohn für gleiche Arbeit, von Gleichstellung am Arbeitsplatz, von allgemeiner Gleichberechtigung in den Beziehungen kann noch lange nicht gesprochen werden.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“

Wir wissen inzwischen: Das Frauenstimmrecht brachte – da hatte Clara Zetkin recht – nicht die Gleichberechtigung. Nicht einmal die Aufnahme des Artikels 3, Absatz 2 ins Grundgesetz – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – schaffte das. Diese fünf Wörter hatte die Kasseler Rechtsanwältin Elisabeth Selbert (1896–1986) dem Parlamentarischen Rat 1948 auf den Tisch gelegt. Der FDP-Politiker Thomas Dehler (1897–1967) widersprach heftig. Er konstatierte völlig zu Recht, wenn man diesen Satz ins Grundgesetz schreibe, erkläre man einen Großteil des  Bürgerlichen Gesetzbuches für verfassungswidrig.

Thomas Dehler vergaß, darauf hinzuweisen, dass das Bürgerliche Gesetzbuch ganz bewusst sich 1896 gegen die Gleichberechtigung der Frauen gewandt hatte. Schon 1876 hatte im Zentrum der politischen Arbeit des Bundes Deutscher Frauenvereine die Forderung gestanden, dass im neu zu schaffenden Bürgerlichen Gesetzbuch zum Beispiel im Familienrecht Frau und Mann gleichberechtigt sein sollten.

Alle sollen gleichberechtigt sein

Die Frau sollte selbstständig über ihre Güter verfügen und ein eigenes Einkommen haben dürfen. Der Gesetzgeber entschied sich lauthals dagegen. Es dauerte fast einhundert Jahre, bis das Bürgerliche Gesetzbuch, eine der großen bleibenden Sünden des Wilhelminismus, in diesen Punkten einknickte.

Und der Internationale Frauentag? „Each for Equal“ („Jede*r für Gleichberechtigung“) ist 2020, so die Uno, sein Motto. Das ist natürlich keine Tatsachenbehauptung, sondern ein Wunsch, ein Kampfziel. Es reicht auch weit über den Gegensatz von Frau und Mann hinaus. Gleichberechtigt sollen alle sein. Jede Einschränkung soll behoben werden. Es geht dabei, das hat man aus dem Kampf um die Frauenrechte gelernt, nicht nur darum, bisher Benachteiligten die gleichen Rechte zuzugestehen.

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Eigenständige Organisationen nötig

Eine Gesellschaft von Gleichberechtigten wird fähiger sein, mit den riesigen Herausforderungen der Gegenwart, mit Klima- und Migrationskrise, mit globalen Finanz- und Virentransfers fertig zu werden. Je mehr Menschen involviert werden in die Entscheidungsprozesse, je unterschiedlicher ihre Voraussetzungen sind, desto schwieriger werden diese Prozesse anzugehen sein, desto wahrscheinlicher ist aber auch, dass wir zu Lösungen kommen, mit denen alle leben können.

Aber wie vor mehr als einhundert Jahren ändern die gemeinsamen Interessen nichts daran, dass man eigenständige Organisationen braucht. Tatsächlich sitzen wir alle in einem Boot, tatsächlich gibt es keinen Ersatzplaneten. Tatsächlich hängt alles davon ab, dass wir zusammenfinden. Aber es ist ebenso zentral, dass wir jeder auf seinem Weg zu dem, was uns eint, finden. Sonst sind wir nicht einig, sondern wurden nur vereinigt.

Wir müssen einander zurechtweisen

Der Frauentag, der sich vor 110 Jahren neben den ersten Mai stellte, erinnert uns daran, dass zum Widerstand Zusammenschluss und Selbstständigkeit gehören. Jede der Frauen, die sich zusammenschlossen, hatte sich trennen müssen von den Vorstellungen, in denen sie aufgewachsen war, die man ihr eingetrichtert hatte. „So etwas macht eine Frau nicht! Schäme dich, so etwas auch nur zu denken!“, riefen ihnen Väter, Pfarrer und Gesetzgeber zu. Das galt immer und das gilt auch heute.

„#MeToo“ ruft nur die Frau, die ihre Lage erkannt hat und die bereit ist, sie zu ändern. Sie ruft es manchmal erst Jahre später. So sehr hielt sie sich daran, dass sie und nicht der Täter sich zu schämen hätte. Diesen Ruf hört die Gesellschaft, die nicht länger bereit ist, wegzuhören und wegzusehen. Wir tun das nicht aus lauter allumfassender Menschenliebe von selbst. Wir müssen einander wachschütteln und zurechtweisen. Laut und leise. Allein und gemeinsam. Auf der Straße und im Schlafzimmer.