Am 27. September griffen aserbaidschanische Truppen mit massiver türkischer Unterstützung im Verbund mit Tausenden von der Türkei finanzierten islamistischen Söldnern aus Syrien die überwiegend von Armeniern bewohnte Republik Arzach (Berg-Karabach) im Südkaukasus an. Seitdem toben dort – drei umgehend gebrochenen Waffenstillstandsabkommen zum Trotz – erbitterte Kämpfe zwischen Aserbaidschanern und Armeniern aus Arzach und der Republik Armenien, denen auf armenischer Seite bereits über tausend Menschen, meist junge Soldaten, aber auch Zivilisten jeden Alters und Geschlechts, zum Opfer fielen. (Im autokratisch regierten Aserbaidschan verbietet die Militärzensur die Veröffentlichung von Opferzahlen.)

Damit ist der mit Abstand älteste Konflikt im postsowjetischen Raum, der über ein Vierteljahrhundert lang einigermaßen eingefroren war, in aller Härte wieder aufgeflammt. Die aserbaidschanische Seite geht mit großer Brutalität vor: Sie bombardiert gezielt Städte und Ortschaften, Schulen, Kindergärten, selbst Krankenhäuser und Kirchen, und setzt dabei auch international geächtete Streubomben und weiße Phosphorbomben ein. Gefangengenommene armenische Soldaten wurden gefoltert, vor laufender Kamera gedemütigt, die Filme ins Netz gestellt. Einigen gefallenen Armeniern hackte man sogar die Köpfe ab, aserbaidschanische Soldaten posierten mit ihnen und begingen Leichenschändungen.

Foto: Valery Sharifulin/TASS
Waffen der aserbaidschanischen Armee.

Der Konflikt könnte sich zu einem ‚zweiten Syrien‘ ausweiten

Zehntausende Bewohner Karabachs mussten ins benachbarte Armenien fliehen. Sollte Aserbaidschan siegen, droht ihnen im ‚günstigsten‘ Fall eine gewaltsame Massenvertreibung inklusive einer Vernichtung der jahrhundertealten armenischen Kulturgüter wie bereits in Nachitschewan und Ostanatolien. Die deutsche Berichterstattung über diesen Krieg, der angesichts der Bedeutung der (noch) indirekt involvierten Akteure – Russland, Türkei und Israel, das Aserbaidschan modernste Kampfdrohnen liefert –, ihrer gegensätzlichen Interessen und jeweiligen Bündnisverpflichtungen sich rasant zu einem ‚zweiten Syrien‘ ausweiten könnte, wird der geopolitischen Brisanz des Konfliktes in keiner Weise gerecht. Zudem dominiert in den deutschen Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen, die aserbaidschanische Sichtweise. Höchste Zeit, die armenische Perspektive ausführlicher darzustellen.

Berg-Karabach ist eine im östlichen Südkaukasus zwischen der heutigen Republik Armenien im Westen, der Republik Aserbaidschan im Osten und dem Iran im Süden gelegene Bergregion ungefähr von der doppelten Größe des Saarlands, die seit Jahrhunderten überwiegend von Armeniern bewohnt und, wie nicht zuletzt die zahlreichen uralten Kirchen und Klöster augenfällig machen, kulturell geprägt ist. Gegenwärtig leben dort um die 145.000 Armenier. Anfang des 19. Jahrhunderts, nach dem russisch-persischen Krieg, fiel das Gebiet unter die Herrschaft des russischen Zaren, der es, um ethnisch eindeutige Mehrheitsgebiete zu verhindern, nicht dem seit 1828 unter russischer Herrschaft befindlichen Ostarmenien, sondern dem mehrheitlich von Aseris bewohnten Gouvernement Jelisawetpol (heute: Ganja) zuschlug, das nach der Oktoberrevolution, Anfang der Zwanzigerjahre, Teil der Sowjetrepublik Aserbaidschan wurde.

Die in Ostanatolien und anderen Teilen des Osmanischen Reichs lebenden Westarmenier wurden 1915 im Schatten des Ersten Weltkrieges – mit stillschweigender Billigung der Regierung des Deutschen Reichs – Opfer eines Genozids durch die sogenannten Jungtürken, bei dem bis zu anderthalb Millionen Armenier ermordet, ausgeraubt und buchstäblich in die mesopotamische Wüste getrieben wurden und den sich später Hitler zum Vorbild für die Vernichtung der europäischen Juden nahm. Dieser Völkermord und dessen Leugnung bis auf den heutigen Tag durch die Nachfahren der Täter sind seitdem das Trauma aller Armenier, und es gibt keine armenische Familie, die keine Opfer zu beklagen hätte.

Stalin spielte die kaukasischen Völker gegeneinander aus 

Den überlebenden Armeniern in den östlichen Siedlungsgebieten blieb nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nur noch die Wahl zwischen den verhassten Bolschewiki und den noch verhassteren Türken, und am 5. Juli 1921 beschloss das „Transkaukasische Komitee“ der jungen Sowjetunion unter Vorsitz von Josef Stalin, den Anschluss Berg-Karabachs gegen den Willen der lokalen Bevölkerung, die zu diesem Zeitpunkt zu 94 Prozent aus Armeniern bestand, an die Sowjetrepublik Aserbaidschan – nachdem dasselbe Komitee noch einen Tag zuvor (in Abwesenheit des späteren Diktators) den Beschluss gefasst hatte, das Gebiet der armenischen Sowjetrepublik anzuschließen. Ganze 24 Stunden hatte die Region zu Armenien gehört. Aber wie für die Zaren ein Jahrhundert zuvor war es auch Stalins Ziel, die kaukasischen Völker gegeneinander auszuspielen. Seit 1923 bildete Berg-Karabach fast die gesamte folgende Sowjetepoche über einen Autonomen Oblast innerhalb der Aserbaidschanischen SSR. Mehrfache Bitten um Anschluss an die armenische Sowjetrepublik wurden von Moskau abgewiesen.

Ende der Achtzigerjahre gerieten die Dinge in Bewegung. Nach blutigen antiarmenischen Pogromen zwischen Februar 1988 und Januar 1990 in den aserbaidschanischen Städten Sumgait, Kirowabad (heute: Ganja) und in der Hauptstadt Baku, bei denen gewalttätige Mobs insgesamt mehrere Hundert Armenier massakrierten, wurden die Forderungen nach einem Anschluss Karabachs an Armenien erneut lauter. Gleichzeitig kam die Logik ethnischer Säuberungen in Gang: Über 300.000 Armenier flohen aus Aserbaidschan ins benachbarte Armenien und andere Sowjetrepubliken und 200.000 in Armenien lebende Aseris nach Aserbaidschan. Es begannen Kampfhandlungen zwischen bewaffneten Einheiten Aserbaidschans auf der einen und Armeniern – aus der gleichnamigen Sowjetrepublik und Karabach – auf der anderen Seite.

Foto: Stanislav Krasilnikov/TASS
Berg-Karabach im Okober 2020. Eine Familie läuft auf den Straßen von Schuscha.

Die Moskauer Zentralgewalt, die Truppen schickte, konnte den Konflikt bestenfalls zeitweise eindämmen. Als dann am 30. August 1991 die aserbaidschanische SSR sich für unabhängig und ihren Austritt aus der Sowjetunion erklärte, spaltete sich drei Tage später, am 2. September, der Autonome Oblast Nagorny Karabach seinerseits von Aserbaidschan ab und erklärte sich zur unabhängigen Sowjetrepublik innerhalb der damals noch existierenden UdSSR. Karabach berief sich dabei auf das am 3. April des Vorjahres erlassene Unionsgesetz, das den Völkern der autonomen Republiken und Formationen das Recht gab, „selbstständig über ihren staatlichen Rechtsstatus zu entscheiden“. Das in dem Gesetz für solche Fälle geforderte Referendum wurde am 10. Dezember 1991 abgehalten, 82,2 Prozent der Bewohner Karabachs nahmen daran teil. 99,89 Prozent der abgegebenen Stimmen votierten für die Sezession von Aserbaidschan.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 mutierte der innerstaatliche Konflikt zwischen Armeniern und Aseris zu einem zwischenstaatlichen Krieg, der Mitte 1994 mit einem De-facto-Sieg Armeniens, das seitdem Schutzmacht Karabachs ist und aus strategischen Gründen sieben Anrainerprovinzen als Pufferzone besetzt hält, vorerst eingefroren wurde. Am 12. Mai 1994 unterzeichneten die kriegführenden Parteien in Moskau ein Waffenstillstandsabkommen. Der Krieg im Südkaukasus hatte Zehntausende Menschen das Leben gekostet, von beiden Seiten waren Massaker an der Zivilbevölkerung verübt worden und die bis dato in Karabach und den Anrainerprovinzen lebenden Aseris mussten ihre Heimat Richtung Aserbaidschan verlassen, wo die Mehrheit von ihnen seitdem in Flüchtlingscamps vegetiert. Stalins böse Saat war aufgegangen.

Foto: Adrien Vautier/Le Pictorium
Berg-Karabach im Oktober 2020: Eine Frau räumt die Wohnung ihres Sohnes aus, der an die Front musste. 

Die Sezession Berg-Karabachs war legal

Und dies gilt bis auf den heutigen Tag, denn die zum Teil willkürlich gezogenen Grenzen der damaligen Sowjetrepubliken wurden nach dem Zerfall der UdSSR unter Ausblendung des Unionsgesetzes vom April 1990 ‚völkerrechtlich‘ legitimiert. Dass damit das geltende Völkerrecht, genauer: dessen voluntaristische Interpretation, zum posthumen Apologeten stalinistischen Unrechts mutierte, ist eine besonders schräge Kapriole der Geschichte. Aber halten wir fest: Die Abspaltung Berg-Karabachs war nicht nur legitim, sie war legal, denn sie vollzog sich konform zum damals geltenden sowjetischen Staatsrecht.

Wenn unsere Medien nahezu unisono wiederholen, Karabach gehöre „völkerrechtlich zu Aserbaidschan“, dann ignorieren sie - im Gegensatz zum Fall Kosovo- das Selbstbestimmungs- und Schutzrecht der Bevölkerung Karabachs und bedienen so das aserbaidschanische Narrativ. Wobei die armenische Perspektive überhaupt meist ausgeblendet wird. So berichteten etwa die „Tagesthemen“ vom 25. Oktober zum Thema „Krieg in Berg-Karabach“ ausschließlich über die von Armenien beschossenen Wohngebiete in der ostaserbaidschanischen Stadt Ganja. Unerwähnt blieb, dass aus Aserbaidschan berichtende Korrespondenten – im Gegensatz zum demokratischen Karabach, wo sie frei berichten können – einer strengen Kontrolle durch die Staatsmacht unterliegen. Direkt aus Karabach, gar über aserbaidschanische Kriegsverbrechen, wurde in der Sendung nicht berichtet. 

Die moralische Indifferenz des Westens ist unerträglich 

Besonderer Beliebtheit erfreut sich in unseren Medien auch der sogenannte ‚Both-Sideism‘, der sich einer Stellungnahme scheinbar enthält und nach dem pseudo-objektiven Motto „Armenien und Aserbaidschan werfen sich gegenseitig vor ...“ Angegriffene und Angreifer moralisch auf gleiche Stufe stellt. Ausgeblendet wird dabei, dass ein durch Petrodollars steinreich gewordenes diktatorisch regiertes Land mit massiver externer Unterstützung Krieg gegen zwei arme, selbst vom angeblichen Verbündeten Russland weitgehend im Stich gelassene, aber demokratische Länder – die Republik Arzach und das sie unterstützende Armenien – führt. Allein der aserbaidschanische Militäretat ist ungefähr so groß wie der gesamte Staatshaushalt Armeniens. In Aserbaidschan leben um die zehn Millionen Menschen, in Armenien knapp drei Millionen und in Karabach/Arzach, wie erwähnt, um die 145.000.

Für die schwerst traumatisierten Armenier in Karabach und der benachbarten Republik Armenien ist nicht nur die aserbaidschanisch-türkisch-djihadistische Aggression, sondern auch die moralische Indifferenz der meisten westlichen Staaten unerträglich. Oder in den verzweifelt-verbitterten Zeilen einer Frau aus Jerewan: „Würde es hier um diskriminierte LGBT*-Menschen gehen – Ihr hättet schon längst aufgeschrien!“

Der Autor ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“.