Das vom Nagasaki Atomic Bomb Museum zur Verfügung gestellte Bild zeigt den Atompilz, der vom Boden aus beim Atombombenabwurf auf Nagasaki am 9. August 1945 fotografiert wurde.
Foto: dpa/epa/ Nagasaki Atomic Bomb Museum

BerlinAm 6. August 1945 warf der US-amerikanische Bomber „Enola Gay“ auf die japanische Stadt Hiroshima „Little Boy“ ab. So hieß die erste jemals in einem Krieg eingesetzte Atombombe. 90.000 bis 200.000 Menschen waren sofort tot. Die Perversion dieses Vorganges wird einem erst richtig klar, wenn man weiß, dass der Pilot der „Little Boy“ aus dem B-29 Bomber gleiten ließ, ihn nach seiner Mutter „Enola Gray“ benannt hatte. Die größte Vernichtungstat der Menschheitsgeschichte wurde als ein Geburtsakt inszeniert. Als am 9. August auch Nagasaki von einer Atombombe zerstört wurde – „Enola Gay“ war eines der Begleitflugzeuge dieser Vernichtungsaktion -, war ein neues Zeitalter geboren: das „Atomzeitalter“.

Man sah damals mit Entsetzen auf die Zerstörungskraft der neuen Technik. Aber man war auch stolz darauf, das Unteilbare (A-tom), teilen zu können. Die Atombombe erschien vielen als Sinnbild menschlicher Schaffenskraft. Was am Ende des Zweiten Weltkrieges zur Zerstörung genutzt worden war, würde helfen, Energien bereitzustellen für die Entwicklung einer glücklichen friedlichen Welt. Viele der Atomforscher, die in den USA und in Deutschland an der Entwicklung von Atombomben gearbeitet hatten, wandten sich in den 50er-Jahren gegen die atomare Aufrüstung, propagierten aber die friedliche Nutzung der Kernenergie.

Sie hatten gelernt, dass die Politik nicht beherrschbar war, aber sie waren sich sicher, dass Atom-Technologien zu meistern sein würden. Auch wenn ihr Einsatz voraussetzte, dass man Zehntausende Jahre lang Sicherheit gewährleisten können musste. Wer das Problem so formulierte, dem war allerdings klar, dass die „friedliche Nutzung der Kernenergie“ schon bei kleinen Unfällen nichts anderes hieß als ein Atomtod ohne Bombe.

Heute spricht niemand mehr vom Atomzeitalter. Dabei leben wir mehr als jemals darin. Nicht weil es 13.400 einsatzbereite Sprengköpfe gibt - in den Hochzeiten des Kalten Krieges waren es mehr als doppelt so viel - , sondern weil es heute mehr Staaten gibt, die welche zum Einsatz bringen können. Derzeit hat Russland etwas mehr als 6000 Sprengköpfe, die USA  etwas weniger. Dann folgen China, Frankreich, Großbritannien. Es gibt Beobachter, die als eine der größten Gefahren ansehen, dass Pakistan mit 160 Atomsprengköpfen und Indien mit 150 aufeinander einschlagen könnten.

Inzwischen ist die Menschheit nicht mehr darauf angewiesen, Tausende von Atombomben zu zünden, um den Planeten zu vernichten. Wir schaffen das auch mit einem ganz friedlichen CO2-Ausstoß. Wir haben gelernt, dass die Welt nicht mit einem Knall untergehen muss. Sie kann das auch, wie T. S. Eliot es uns 1925 vorhersagte, mit leisem Gewimmer tun. Vielleicht sind wir darum abgerückt vom Etikett „Atomzeitalter“.

Wir reden heute vom Anthropozän. Gemeint ist damit, dass der Mensch diese Epoche so sehr prägt, dass sie auch geologisch seine Signatur tragen wird. Uns ist freilich die Hoffnung abhandengekommen, dass das zum Guten sich wenden könnte. Darum gibt es keine tragenden Fortschrittsüberzeugungen mehr. Nur Idioten, die den Stand ihrer eigenen Bankkonten als Ausweis des gesellschaftlichen Fortschrittes betrachten, sehen zum Beispiel im Abholzen des brasilianischen Regenwaldes oder im Fracking einen Weg in eine menschenwürdige Zukunft. Das Anthropozän wird in düsteren Farben gemalt. Es erscheint als die Epoche, in der das Leben auf der Erde sich selbst abschafft.

Wir haben einander nicht ausgerottet, obwohl wir tausendfach dazu in der Lage waren und immer noch wären. Wir haben im Gegenteil die Möglichkeit dazu als die Grundlage der „friedlichen Koexistenz“ genommen. Wir werden in unserer neuen Situation ähnliche politische Techniken entwickeln müssen. Das Atomzeitalter ist inzwischen eines der ABC-Waffen geworden. Wir sind Klimakiller und wir setzen Viren frei. Wir tun das noch nicht gezielt. Aber wir nehmen das Risiko in Kauf. Wie Autofahrer, die mit hundertfünfzig Stundenkilometern durch die nächtliche Stadt brettern. Sie morden nicht, aber sie nehmen die Tötung in Kauf. So verhalten wir uns zum Planeten. „Wir“ - das sind nicht mehr nur die beiden Supermächte des Atomzeitalters, auch nicht nur die sieben weiteren Atomstaaten. Es sind fast alle Staaten der Welt und viele, die – wie der islamische Staat – bei dem Versuch einer zu werden, Hunderttausende ins Elend stürzen. Alles menschengemacht. Nirgends eine Kraft in Sicht, die uns herausreißt aus dem Wettlauf in den Untergang. Wie übersichtlich doch das Atomzeitalter noch war.