Berlin - Der Anspruch der Familie Hohenzollern, für jene Vermögensverluste entschädigt zu werden oder die immobilen Kulturgüter zurückzuerhalten, die seit 1945 im Bereich der einstigen Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR enteignet wurden, erregt seit zwei Jahren die deutsche Öffentlichkeit. Der Bundestag ließ sich informieren, der Brandenburgische Landtag desgleichen, Gerichte und Anwaltskanzleien werden beschäftigt.

Nun hat die Grünen-Bundestagsfraktion eine Online-Anhörung veranstaltet, die auf deren Internetseite nachzusehen ist. Ihre Kernfrage war nicht die moralische, ob es der Familie Hohenzollern angesichts ihrer Geschichte sittlich zustehe, Vermögensforderungen zu stellen, sondern ob diese eine juristische Grundlage haben.

Ausweislich eines 1994 verabschiedeten Gesetzes muss zwischen 1945 und 1990 enteignetes mobiles Eigentum zurückgegeben werden, entzogene Immobilien sind zu entschädigen. Doch gibt es eine Einschränkung: Wenn der Enteignete der Herrschaft Hitlers, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Holocaust „willentlich Vorschub“ geleistet hat, bleibt die Enteignung bestehen. Es ginge also im Kern darum, so die Düsseldorfer Juristin Sophie Schönberger: Wusste Wilhelm Prinz von Preußen, um das, was Hitler anstrebte, hat er ihn trotzdem unterstützt und sich dann nicht wie etwa Claus Graf von Stauffenberg im Verlauf der Jahre 1933 bis 1945 in irgendeiner Weise so eindeutig distanziert, dass die vorherigen Taten aufgewogen worden seien?

Wilhelm Prinz von Preußen war seit 1918 faktischer „Chef“ der Hohenzollern in Deutschland, da sein ins niederländische Exil geflohener Vater Kaiser Wilhelm II. von Königin Wilhelmina und ihrer Regierung zu strikter politischer Enthaltsamkeit verpflichtet wurde. Es ginge bei der Beurteilung seines Tuns keineswegs um abstrakte Moral, so die Frankfurter Rechtshistorikerin Marietta Auer: „Das Recht funktioniert nicht ohne den moralischen Konsens einer Gesellschaft“ und zu dem gehöre in Deutschland die „schwerste Verdammung“ des Nationalsozialismus: Das Gesetz sei also „eine ganz simple Verwirkungsordnung“. Auch der Begriff der „Vorschubleistung“ sei keineswegs juristisch vage. Im Fall Hugenberg etwa wurden Vermögensansprüche zurückgewiesen, weil der nationalistische Verleger eindeutig zum Aufstieg der Nazis beigetragen habe, ohne ihnen anzugehören. Das Verwaltungsgericht Cottbus habe es kürzlich auch als durchaus relevant für den Bestand einer Enteignung angesehen, dass eine eher kleine Zeitung auf ihrer Titelseite damit für Hitler warb, dass auch „der Kronprinz“ zu seiner Wahl aufgerufen habe.

Der Adels-Historiker Stephan Malinowski stellte fest, Wilhelm Prinz von Preußen habe, als „Brückenbauer“ zum Adel und zur Armee sowie als „Signalgeber“ gedient. Dessen Aktionen seien von der nationalen und internationalen Presse „gierig aufgesaugt" worden. So habe er im März 1933 von allen seinen Beamten und Angestellten gefordert, sich der „nationalen Bewegung“ Hitlers anzuschließen, mit der Drohung: „Abweichendes Verhalten werde ich nicht dulden.“ Schon 1932 habe er vorgeschlagen, Hitler zum Reichskanzler zu berufen, wenn dieser ihn bei der Wahl zum Reichspräsidenten unterstütze. Und nach 1933 verteidigte Wilhelm Prinz von Preußen die antisemitischen Boykotte der Nazis. Damit gab er, so Malinowski, den Isolationisten in Großbritannien und den USA das Stichwort. Vor allem aber sei eine der wichtigsten Wirkungen Wilhelms gewesen, die konservative Kritik an Hitler „zu ersticken“, sagt der Historiker, „die Quellenlage ist unvereinbar mit jedem Versuch aus dem Kronprinzen einen konservativen NS-Gegner zu destillieren.“

Zahlreiche Klagen gegen Journalisten und Historiker

Wie stark übrigens der für Wilhelm Prinz von Preußens Einfluss zentrale „Mythos vom Thron“ bis heute wirkt, zeigte ein Detail in der Debatte: Nur Malinowski nutzte die seit der Reichsverfassung von 1919 einzig korrekte Bezeichnung. Nur er sprach konsequent von „Wilhelm Prinz von Preußen“ oder von Georg Friedrich als „Herrn Prinz von Preußen“, vermied dagegen das „Haus Hohenzollern“, „der Kronprinz“, „der Prinz“ oder ähnlich ehrende Formulierungen.

Der Marburger Historiker Eckart Conze konstatierte, dass die Forschung zur Zerstörung der Weimarer Republik seit Jahrzehnten die Rolle der Konservativen und die des einstigen Kronprinzen herausgearbeitet habe. Er sei „im gesamten konservativen Lager orientierend“ gewesen, habe mit Hitler den Antiparlamentarismus und Antisemitismus geteilt: „Es gibt keinen neuen Historikerstreit“, sondern eine konsolidierte Fachmeinung, dass das Ziel des Kronprinzen die „Zerstörung der Demokratie“ gewesen sei: „Wenn er keinen Vorschub geleistet hat – wer denn dann?“

Einig waren sich alle Befragten in der Verurteilung der vielen Abmahnungen und Unterlassungsaufforderungen sowie Klagen gegen Journalisten und Historikerinnen, die von der Familie Hohenzollern seit zwei Jahren angestrengt worden seien. Zwar betonen die Anwälte der Familie immer wieder, sie seien nur an der Korrektur von Fehlinformationen interessiert. Doch drehten sich, wie Malinowski, Conze und Schönberger mitteilten, die Abmahnungen oft um kleinste Details. Sophie Schönberger, sieht den freien Austausch der Meinungen gefährdet. Vor Prozessdrohungen würden viele Angegriffene zurückweichen, weil sie nicht die Zeit, die Energie oder das Geld hätten, um sich lange mit den Hohenzollern um Formulierungsdetails zu streiten. Conze forderte, dass eine Einigung über diese Klagen zum Teil der Verhandlungen des Bundes mit der Familie Hohenzollern werden müssten.