Hochhäuser sind – hoch. Zugegeben, das ist eine Binse. Aber nur auf den ersten Blick: In der Höhendimension, auch Vertikale genannt, steckt nämlich ein ganzes Bündel aus rätselhaften Affekten. Eine Ahnung davon gibt etwa die engagierte Diskussion um die Neubebauung und -gestaltung des Berliner Alexanderplatzes. Dort nämlich drängt die Frage, wie sich das Areal mit einem noch näher zu bestimmenden Ensemble aus Riegeln, Sockeln und vor allem Türmen in einen geschützten, zur städtischen Umgebung abgegrenzten und zum Verweilen einladenden Ort verwandeln lässt. Einen Ort allerdings, der eine „Stadtkrone“ darstellen soll, mithin ein durch Höhenmeter markiertes Zentrum, einen durch Hochhäuser definierten Raum.

Dass Häuser in den Himmel wachsen, ist kein neues Phänomen, sondern ein altes Angstthema. Höhe lässt den Menschen klein erscheinen, eine mächtige Fassade schüchtert ein. Was sich emporstreckt, soll imponieren. Der alttestamentarische Turmbau zu Babel bietet das bekannteste Beispiel, bezeugt es doch den Höhenrausch des von allen guten Geistern verlassenen, eben unvorsichtig gewordenen Menschen und die daraus hervortretende Anmaßung, dem eigenen Schöpfer an die Pforten zu klopfen und ihm als seinesgleichen gegenüberzutreten. Gott straft diesen Frevel instantan und entlässt die Menschheit ins Sprachgewirr, stutzt sie, die nicht in die Höhe gehört, auf ein irdisches Maß. Und so bleibt das Machtgefälle bestehen, das auch heute so manche Konzernzentrale für sich in Anspruch nimmt.

Onkel Dagoberts Geldspeicher

Denn göttlicher Beistand ist nicht vonnöten, wo Geld ein passendes Äquivalent schafft. Hoch baut, wer es sich leisten kann. Wechseln wir kurz das Register und erinnern an den fabulösen Geldspeicher von Dagobert Duck, der hier vor allem deswegen Erwähnung verdient, weil kein anderes Gebäude die Wahrheit renditegetriebener Höhenmeter so anschaulich macht: Dagoberts Wohn-Tresor beschönigt nichts, er soll nicht einmal gute Architektur sein, sondern dem Entenhausener Gemeinwesen einfach nur die Stadtkrone aufsetzen – als dessen höchster Punkt und unbezwingbares (Macht-)Zentrum. Geld und seine irdischen, das heißt: Architektur gewordenen Stellvertreter halten die Menschen auf Abstand. Freiheit ist, von anderen nicht bedrängt zu sein. Oder: Je höher, desto einsamer.

Dennoch ist nicht alles schlecht. Und so darf, wer über Höhe redet, von Utopie nicht schweigen. Schon die fantastischen Konstruktionspläne, von denen sich die biblischen Turmbauer beflügeln ließen und die sich ja immer nur im Nachhinein als uneinlösbares Machbarkeitsversprechen darstellen, sollten Babylon zu einem besseren Ort machen. Bei einem anderen Bauensemble von ebenfalls biblischem Alter tritt der utopische Gehalt noch deutlicher zutage: den Lehmtürmen von Shibam. Die bis auf das 3. Jahrhundert zurückgehende Hochhausanlage im Jemen erscheint uns wegen ihrer rigiden, kubisch geprägten Modulbauweise nicht nur unerhört modern, sondern weist in zeitloser Gültigkeit auch alle wesentlichen Machtfunktionen auf, nämlich Reichtum anzuzeigen und Bedrohungen abzuwehren.

Wüste Einöde

Doch führt das „Manhattan der Wüste“ noch etwas ganz anderes mustergültig vor: das Wirtschaften mit knappen Ressourcen. Die schattenspendenden Fassaden und ein ausgeklügeltes Wasserleitsystem trotzen der wüsten Einöde ein menschliches Refugium ab – Shibam ist die antike Urszene eines städtischen Ballungsraums, eine hochverdichtete Infrastruktur des Überlebens und der Gemeinschaft unter verschärften Knappheitsbedingungen. Von Hochhäusern geht seitdem das Versprechen aus, möglichst vielen Menschen auf möglichst wenig Raum bei möglichst niedrigem Verbrauch eine Behausung zu bieten. Höhe könnte statt Protzen also auch Sparen heißen, eine schöne, vernünftige Utopie, allerdings gilt sie für die Wolkenkratzer unserer Tage schon längst nicht mehr.

Denn hier, zuletzt in Dubai und demnächst in Peking, treffen wir endlich auf das reine Übermaß: auf die sich der Kilometermarke unaufhaltsam annähernden Höhenmonster, das L’art pour l’art der Baukunst. Architektur ist eigentlich eine räumliche Verlängerung und Erweiterung des Menschen, er gibt ihr das Maß: Jedes Haus lässt sich verstehen als leibliche Ekstase in einen Bau-Körper hinein, aber auch als körperliche Zu- und Ausrichtung des Menschen – als pädagogischer Akt. Doch wohin führt ihn der Wolkenkratzer in seiner Maßlosigkeit? Die schiere Höhe macht das Gebäude zum Ding, zu einem Zombie, und die, die in ihm wohnen, gleich mit. Denn Höhe bedeutet Abstraktion, sie verwandelt das Unten in etwas Unwirkliches und Unwesentliches. Und sie lässt den Menschen mit sich selbst allein.

Der menschliche Wahrnehmungsapparat ist für die Höhe nicht gemacht. Die Vertikale führt zumeist schon ab wenigen Höhenmetern zum Schwindel, Abstände dehnen und strecken sich in dieser Richtung schnell zu bedrohlichen Dimensionen. Dabei ist der Höhenschwindel ein guter Reflex, eine Gefahrenanzeige bei allen Bodentieren, und so auch beim Menschen. Angst oder gar Panik angesichts der Höhe wirft ihn auf sich selbst zurück, auf seine nackte zitternde Existenz. Diesen Kitzel mag man suchen, mancher ist auch frei von aller Angst oder hat sie sich wegtrainiert. Dennoch beschreibt die Höhe für die meisten Menschen, die sich ihr aussetzten, einen unwirtlichen Ort von merkwürdiger Faszination. Einen Angstlustort, so wie er in dem Weltraumdrama „Gravity“ bislang Millionen von Kinobesuchern die Fassung geraubt hat.