Berlin - Der Richter von morgen sucht mit Analyseprogrammen nach relevanten Daten zu einem Fall. Er findet mittels einer Software alles Wichtige in Urteilen zu früheren Fällen. Und mit Unterstützung von Algorithmen lässt er sich potenzielle Bausteine für sein Urteil zusammenstellen.

Alles Quatsch? Von wegen – meinen jedenfalls der Stifterverband für die deutsche Wirtschaft und die Unternehmensberatung McKinsey. Die Digitalisierung verändere auch die technikfernen Berufe und genau darauf seien die deutschen Hochschulen noch nicht ausreichend eingestellt, halten sie in ihrem Hochschul-Bildungs-Report fest. „Unsere Hochschulen bereiten Akademiker nicht ausreichend auf die Arbeitswelt 4.0 vor“, sagte Volker Meyer-Guckel, der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

Die Grundlage für diese Diagnose ist folgende Einschätzung: Rund ein Viertel der Tätigkeiten, die Akademiker in ihren Berufen ausüben, könnten automatisiert werden. Stifterverband und McKinsey berufen sich dabei auf eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, wobei Meyer-Guckel zugibt, dass sich ein solcher Wert nur annäherungsweise ermitteln lässt. Das heiße übrigens nicht, dass Jobs wegfielen, sagte McKinsey Senior-Partner Jürgen Schröder. Vielmehr entstünden Freiräume für eine hohe Qualität der Arbeit. So habe der Richter mit der Hilfe digitaler Werkzeuge künftig mehr Zeit, sich dann tatsächlich mit dem Fall zu beschäftigen.

Studenten brauchen mehr Wahlmöglichkeiten

Diese sehr optimistische Einschätzung mag man teilen oder auch nicht – haben doch technische Veränderungsprozesse in der Vergangenheit immer wieder auch zu Jobverlusten geführt. Da die Entwicklung sich jedoch nicht einfach aufhalten lässt, ist es vernünftig, sich mit den Vorschlägen im Hochschulbildungsreport zu beschäftigen. Und da lassen sich drastische Abweichungen von der Realität erkennen.

Fallen in Zukunft vor allem akademische Routinetätigkeiten weg, so führte Meyer-Guckel aus, dann werde mehr selbstständiges und kollaboratives Arbeiten verlangt. Deshalb sollten Hochschulen ihren Studierenden mehr Wahlmöglichkeiten und Raum für individuelle Schwerpunkte bieten – also etwas, was vielen Studenten in Zeiten verschulter Bachelor-Studiengänge oft fremd geworden ist. Wichtig für ein solches individuelles Studium sei ein „begleitendes Kompetenzcoaching“. Auch das dürften die wenigsten Studenten an Massenuniversitäten bislang erlebt haben.

„Akademiker benötigen mehr und tiefergehende digitale Kompetenzen als bisher, beispielsweise in der Auswertung von Statistiken oder in der digitalen Analyse und Beurteilung großer Datenmengen“, sagte McKinsey-Berater Schröder. Meyer-Guckel vom Stifterverband forderte einen generellen Kulturwandel an den Hochschulen: „Wir müssen weg vom konsumierenden, hin zu einem aktiven, kreierenden und auch forschenden Lernen.“

Auf dem Weg hin zu Hochschulen, die sich in die beschriebene Richtung bewegen, gibt es zwei offensichtliche Probleme. Erstens ist die Einführung von stärker individuellen Lernformen an den Universitäten auch davon abhängig, dass es dort genug Personal für die Betreuung der Studenten gibt. Zweitens sind die Beharrungskräfte an den Lehrstühlen nicht zu unterschätzen. Sind es doch etwa die Historiker, Physiker oder Juristen selbst, die sich jetzt überlegen müssten, wie sie ihre Studenten im Zeitalter der Digitalisierung anders ausbilden wollen.

Es sollte also niemand damit rechnen, dem Richter 4.0 schon allzu bald zu begegnen. „Bei den Juristen werden wir noch ein paar Jahre warten müssen“, glaubt auch Meyer-Guckel.