Fischbeck/Magdeburg - Die Bruchstelle des Elbe-Deichs bei Fischbeck (Kreis Stendal) ist am Samstagabend mit Hilfe von zwei versenkten Lastkähnen fast vollständig geschlossen worden. Das sagte Innen-Staatssekretär Ulf Gundlach nach einem Inspektionsflug der MZ. Eine Schute (Lastkahn) sei komplett versenkt worden, die zweite Schute werde zurzeit durch den Abwurf von Bigbags aus Hubschraubern stabilisiert und weiter versenkt, sagte Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU).

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Um den Deichbruch vollständig abzudichten, soll in der Nacht zu Sonntag eine dritte Schute zur Deichbruchstelle transportiert und dort mit Sprengungen versenkt werden. Oberst Claus Körbi, der Chef des Bundeswehr-Landeskommandos Sachsen-Anhalt, sprach gegenüber der MZ von einem 75-prozentigen Erfolg. Die ursprünglich 90 Meter lange Lücke im Deich sei auf 20 Meter verkleinert worden.

Innenminister Stahlknecht sprach von einer operativen Meisterleistung, die der Bundeswehr, der Bundespolizei und dem Technischem Hilfswerk (THW) innerhalb von rund 24 Stunden gelungen sei. Sowohl Stahlknecht als auch Bundeswehr-Kommandant Körbi waren unheimlich erleichtert. „Das ist besser gelaufen, als gedacht“, sagte Körbi.

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Um die sinkenden Lastkähne schnell zu beschweren, wollen Bundeswehr und Bundespolizei mit neun Helikoptern gleichzeitig fliegen. Für den Fall, dass diese Maschinen nicht ausreichen, stünden weitere 20 Maschinen in Niedersachsen in Bereitschaft, sagte Marcus Bödefeld, der Kommandant der Einsatzgruppe „Drehflügler“. Zuvor hatten Einheiten der Bundeswehr damit begonnen, an der Deichbruchstelle aus Hubschraubern die ersten Panzersperren in der Elbe zu versenken. Nach Angaben von Oberst Claus Körbi wurden dazu bis zu 150 dieser kreuzförmigen Sperren aus Eisenbahnschienen benötigt. Die 250 Kilogramm schweren Sperren werden dazu aus dem Bundeswehrstandort Klietz in der Altmark herangeflogen.

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Die Sperren werden anschließend mit gewaltigen Netzen, gefüllt mit überdimensionalen Pflastersteinen, beschwert. Danach begann die kritischste Phase der Operation, das Heranführen der Lastkähne. Die sind zwischen 35 und 75 Meter lang und wurden von einem 1000-PS starken Schubschiff aus Magdeburg an die Deichbruchstelle gebracht. Ein zweites Schubschiff und ein Schlepper sollten die Lastkähne mit starken Stahltrossen am Abtreiben hindern. Nach Angaben des Chefs des Wasserstraßen- und Schifffahrtamtes Magdeburg, Friedrich Knoop, hatte der Verband aus Schuten und Schubschiffen gegen 15 Uhr Tangermünde erreicht. Gegen 17 Uhr wurde er in Position manövriert. Bereits für 17.30 Uhr war die Sprengung geplant, die sich dann bis gegen 20 Uhr verzögerte.

Geplant war, dass sich der gesamte Schiffsverband wie die Hypotenuse eines rechtwinkligen Dreiecks an den Deich und die künstliche Ankerstelle aus Panzersperren anlegt. Nachdem das gelungen war, wurden die Kähne mit gezielten Sprengungen versenkt. „Das ist der kritischste Moment der Aktion, wir haben nur einen einzigen Versuch", sagte der Leiter des Krisenstabes, Innenminister Holger Stahlknecht (CDU), Stunden zuvor. Die ausrangierten Schubkähne hat das Innenministerium am Freitag von einer Binnenrederei für den Schrottpreis gekauft – nach MZ-Informationen rund 400.000 Euro. Stahlknecht wollte sich nicht konkret zur Summe äußern, sagte aber: „Die Summe ist angesichts der Schäden, die noch drohen, lächerlich gering.“

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Weiter südlich im Salzlandkreis wurde den Wassermassen schon mit explosiver Ladung zu Leibe gerückt. Am Samstagvormittag sprengten Einsatzkräfte bei Breitenhagen den Saale-Deich, um das Hochwasser aus den dort überfluteten Gebieten schneller zurück in den Fluss zu leiten. Nur wenige Kilometer entfernt besuchte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) am Samstag in Barby und Nienburg (Salzlandkreis) vom Hochwasser betroffene Landwirtschaftsbetriebe. Sie sei sich mit Ministerpräsident Reiner Haseloff und Landwirtschaftsminister Hermann Onko Aeikens (beide CDU) einig darüber gewesen, dass die aktuelle Flutkatastrophe größere Schäden als das Hochwasser 2002 bei den Landwirten angerichtet habe, sagte ein Sprecher ihres Ministeriums.

Bereits am Samstagmorgen hatte der Krisenstab des Landes die Evakuierung der beiden Haverberger Ortsteile Jederitz und Kuhlhausen angeordnet. „Aufgrund eines erheblichen Anstiegs des Pegels von Umflutwasser muss in den nächsten Stunden mit einer Überflutung beziehungsweise Umflutung des Ringdeichs von Jederitz gerechnet werden“, hieß es dazu aus dem Krisenstab. Auch Kuhlhausen könne bei der erwarteten Wasserhöhe nicht mehr durch den Polderdeich gesichert werden, so dass mit einer Überflutung gerechnet werden muss.

Unterdessen hat der Katastrophenschutzstab des Landkreises Anhalt-Bitterfeld ab Sonnabend die Evakuierung für mehrere Orte aufgehoben. Für die Orte Kühren, Diebzig und drei Bungalowsiedlungen (Akazienteich, Löbitzsee und Neolithteich) bleibe die Evakuierung bestehen.

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Unterdessen wird immer klarer, mit welchen finanziellen Hilfen Hochwasseropfer rechnen können. Das Finanzministerium in Magdeburg kündigte an, dass die Soforthilfen für Flutopfer erweitert werden. Ein Vorschlag für das Kabinett am kommenden Dienstag sehe vor, dass Kommunen keinen Eigenanteil an den Soforthilfen mehr erbringen müssen. Hauseigentümer sollen bis zu 2.000 Euro für Flutschäden erhalten. Damit sollen sie das Auspumpen von Kellern und das Trocknen und Säubern von Wohnraum bezahlen können. Am Donnerstag hatten sich Bund und Länder auf einen Hilfsfonds von bis zu acht Milliarden Euro geeinigt.