Nijmegen/Lelystad - Ein bisschen lässt sich hier an der Zeit drehen, Jasper Stam kann den Juni zurückzaubern. Auf seinem Bildschirm erscheint eine Europakarte. Donau, Elbe und Oder sind als blaue Adern sichtbar. Die kleineren Flüsse Saale, Schwarze Elster und Mulde sind in feinen Verästelungen zu sehen. Dunkle Wolken schieben sich durchs Bild, und dann tauchen viele rote Punkte auf. „Da wussten wir, es braut sich was zusammen“, sagt Stam und fügt im Rückblick auf die Juni-Flut in Fischbeck, Magdeburg und Passau hinzu: „Wir hätten früher und eindringlicher warnen müssen. Gerade für Tschechien und die Elbe.“

Plan für eine Jahrtausendflut

Jasper Stam ist Hydrologe bei der Rijkswaterstaat (RWS), der zentralen Wasserbehörde Hollands. Im Städtchen Lelystad unterhält die RWS das zentrale Krisenzentrum. Stam und seine Kollegen beobachten das Wetter in Europa, füttern ihre Computer mit Regendaten, Temperaturen sowie Schneehöhen in den Alpen und berechnen die Pegel. Das ist Teil des europäischen Frühwarnsystems EFAS, das die EU nach der Elbflut 2002 einrichtete.

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Vierzig Experten arbeiten im Lagezentrum Lelystad, im Katastrophenfall können es vier Mal so viel sein. Aber von Katastrophe reden sie nicht so gern in Holland, lieber sprechen sie von Krise. Das Wetter können zwar auch Stam und seine Kollegen nicht beeinflussen. Wohl aber den Umgang der Menschen mit Sturm und Flut. Der Naturgewalt Wasser haben die Holländer nämlich stets ihr Ingenieurskunst entgegengesetzt. Das ist in Lelystad gut zu sehen. Die Stadt ist erst 1967 entstanden, sie liegt auf Land, das dem Meer abgerungen wurde - so wie die ganze Provinz Flevoland bei Amsterdam. Und wie die Hälfte der Niederlande liegt auch Lelystad unterhalb des Meeresspiegels.
1953 haben sie in Holland de letzte große Flut erlebt, bei der rund 1800 Menschen starben. Die Holländer haben sich danach mit einem gewaltigen Masterplan gegen das Wasser gestemmt und überall Deiche hochgezogen. Heute sagt Cor Beekmans: „Wir können die Deiche weiter erhöhen. Oder den Flüssen mehr Raum geben.“ Zurückweichen? Vor dem Wasser? Die Niederländer? „Es ist an allen Flüssen das Gleiche“, sagt Beekmans. „Wir haben Rhein, Elbe, Donau den Platz genommen. Den holen sich die Flüsse zurück.“

Auch Beekmans arbeitet für die RWS. Er steht in einem Baucontainer im Nijmegen, gleich hinter der Deichkrone am Waal. Sechs Tage braucht der Rhein vom Bodensee bis zum Meer in Rotterdam. An den Ufern leben zehn Millionen Menschen, sie fürchten die Kapriolen des Wetters und Überflutungen.

„Raum für den Fluss“, heißt das Programm, an dem Beekmans und seine Kollegen arbeiten. An 38 Stellen im Land erhalten die Flüsse mehr Platz. Und eine dieser Stellen ist Nijmegen. Waal heißt der Rhein-Arm, der die Stadt umfließt. 1995 stand das Hochwasser knapp unter Deichkrone, 250.000 Menschen mussten kurzzeitig ihre Häuser verlassen. Der Plan für Nijmegen sieht vor, dass der Deich um 350 Meter zurückverlegt wird. Dafür müssen auch Häuser weichen. Mitten im Rückzugsgebiet entsteht ein neuer Flutkanal, von Beekmans Bypass genannt.

Der Kanal soll ab 2015 das Hochwasser aufnehmen. Auf dem alten Deich werkeln schon die Bagger. In Nijmegen wird dieser Rückzug nicht als Kapitulation gesehen, sondern als Chance: Denn auf der anderen Flussseite in Lent soll ein neues Stadtviertel entstehen und eine zusätzliche Brücke die Waal überspannen.

In Deutschland setzt man an Elbe, Rhein und Donau noch immer auf Deichbau und Deicherhöhungen gegen eine große Flut, die statistisch alle 200 Jahre auftreten könnte - in der Realität aber in weit kürzeren Abständen, wie die Flutwellen 2002 und 2013 zeigten. Die Niederlande hingegen bereiten sich auf eine gewaltigen Flut vor, die statistisch gesehen nur alle 1250 Jahre kommt, so Beekmans.

Die Planungen für eine solche Jahrtausendflut aber hat schon jetzt Folgen, zum Beispiel für Bauer Nol Hooymayers im Overdiepse Polder südlich von Rotterdam. 2001 haben ihm die RWS-Experten ihre Prognosen gezeigt. Hooymayers Hof gleich hinter dem Deich der Maas lag in einem blauen Gebiet: Hochwasserzone. „Zunächst war ich sauer“, sagt Hooymayers. Der Unmut ist jedoch rasch abgeklungen. Die Bauern im Flut-Polder haben beraten. Manche wollten ohnehin weg, und verkauften ihr Land. Acht wollten bleiben. Sie zogen nach oben. Anhöhen wurden aufgeschüttet, darauf steht nun der neue Hof. So wie einst im Mittelalter. Warft nannten sie das in Friesland, Terp in den Niederlanden.

Diskussion mit den Bürgern

Hooymayers ist nun Terp-Bauer. Im vorigen Dezember ist er umgezogen. Hinter dem neuen Stall für die Kühe fällt das Gelände sechs Meter tief ab. Das Grün bis zur Maas ist Hochwasserzone. „Einmal alle 25 Jahre soll das Wasser kommen“, sagt Hooymayers und blickt zum Fluss. Dort wird der alte Deich ein paar Meter abgetragen, der neue verläuft weiter im Hinterland.

Zentrale Planung und eine offene Debatte, darin liegt das Geheimnis der neuen holländischen Wasserkraft. Wut-Bürger sucht man vergebens „Wir sind sehr früh auf Bürgerinitiativen zugegangen und haben Alternativen mit ihnen diskutiert“, sagt Cor Beekmans. Das hat sich gelohnt. Von den zweihundert Familien, die im ganzen Land für das Programm „Raum für Flüsse“ umgesiedelt werden mussten, haben nur fünf geklagt.

Die anderen haben mitgeplant. Wie Nol Hooymayers. Der blickt auf die Wiesen und sagt: „Der Polder hier wurde ja erst 1975 trockengelegt. Nun kehrt das Wasser eben ab und an zurück.“ Der Planer hat’s genommen, der Planer gibt’s zurück. Stadt, Land, Raum für den Fluss, lautet Hollands neue Devise.