Armut hat viele Gesichter. Hier ein Obdachloser in einer U-Bahn-Station.
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BerlinWas ist der Preis der Würde? Die Bundesregierung hat ihn kürzlich wieder neu ermitteln lassen. Um 14 Euro soll er 2021 steigen auf dann 446 Euro – diesen Betrag erhalten die knapp vier Millionen Hartz-IV-Beziehenden. Die Berechnung ist ein beeindruckendes Beispiel des sozialen Ingenieurwesens. Die Statistikämter lassen Haushalte darüber Buch führen, was sie denn so ausgeben für Essen und Trinken, Kügelchen und Pillen, Benzin und Kondome. Dann nehmen die amtlichen Rechenfüchse die Aufzeichnungen der Ärmsten, streichen heraus, was sie für nicht lebensnotwendig erachten – und am Ende ergibt sich der Regelsatz für das Arbeitslosengeld II, das vermeintliche Existenzminimum.

Die Linksfraktion hat nun mit ebenso beeindruckender Akkuratesse die Schwächen des scheinbar so objektiven Hartz-Rechenwerks herausgearbeitet. Ihr Ergebnis: Der Regelsatz müsste fast um die Hälfte höher liegen, bei exakt 657 Euro und 55 Cent.

Ein radikaler Gedanke, Sozialträumerei? Nur auf den ersten Blick.

Die Sozialingenieure in den Hartz-Behörden und Ministerien sollten bedenken, dass auch Ungleichheit immense Kosten verursacht. Sie schaffen Krankheit und Kriminalität, deren Schäden nur mühsam zu reparieren sind. Sie hemmt das Wirtschaftswachstum, wie die OECD auch für Deutschland vorrechnet. Sechs Prozentpunkte an Wirtschaftswachstum kostete die gestiegene Ungleichheit die Bundesrepublik demnach alleine zwischen 1990 und 2010.

Wer damit brechen will, muss radikale Wege gehen. Der Staat muss viel mehr in Bildung investieren, um die Ursachen der Armut zu bekämpfen. Er muss ökonomisch Schwächeren helfen, ihre Rechte zu verteidigen – gerade auf dem Arbeitsmarkt, wo ihnen das immer schwerer fällt. Und ja, er muss denen auch mehr Mittel geben, die selbst keine erwirtschaften können – damit Armut keine Norm mehr ist. Den bisherigen Kurs wird sich Deutschland auf Dauer nicht leisten können.