Greta Thunberg.
Foto: Getty/Michael Campanella

BerlinSie ist schmaler geworden im Gesicht. Die Pausbacken sind fast verschwunden. Auch das Kindliche in ihrem Gesicht zwischen den beiden langen Zöpfen, mal süß und verschmitzt, mal umwölkt und zornig ist weg. Aber das ist ja auch kein Wunder. Sie ist fast erwachsen jetzt und nicht mehr 15 wie ganz am Anfang im August vor zwei Jahren. Damals saß sie mit ihrem Plakat vor dem Stockholmer Reichstag. Drei Wochen lang. Im Schulstreik für das Klima.

Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Nicht nur im Leben eines Teenagers. Greta Thunberg aus Schweden hat seitdem Tausende und Abertausende Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt inspiriert, freitags die Schule zu schwänzen und lieber auf die Straße zu gehen, damit die Erwachsenen aufschrecken aus einem Dämmerschlaf. Damit sie auf wissenschaftliche Erkenntnisse hören und mehr tun gegen den Klimawandel. Damit sie vielleicht doch nicht kommt, die Klima-Katastrophe.

Zwei Jahre sind auch ein kleines Jubiläum. Es wird deshalb jetzt Bilanz gezogen. Je nach Standpunkt des Betrachters wird man zu dem Schluss kommen, dass Greta Thunberg und ihre Mitstreiter viel oder wenig erreicht haben. Um dann ein Urteil zu fällen. Ob man so etwas tun darf: Schule schwänzen für den guten Zweck, Politiker und Gesellschaftseliten herausfordern, aus kindlicher Perspektive immer wieder auf demselben Punkt beharren: Ihr wisst es besser, also tut endlich etwas. Dabei geht es gar nicht darum, ob das eine angemessene Form ist.

Greta Thunberg wollte jedenfalls einfach nur Feuer legen, damit sich etwas bewegt. Aufmerksamkeit schaffen für die Tatsache, dass die Weltgemeinschaft es aus tausend guten Gründen nicht hinbekommt, mehr zu tun. Aber eine Katastrophe ist aus tausend guten Gründen immer noch eine Katastrophe.

Eins ist jedenfalls gelungen: Das Klimathema hat noch nie mehr Aufmerksamkeit gehabt als heute. Es ist fester Bestandteil im öffentlichen Denkprozess geworden. Wie wollen wir in Zukunft leben? Die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft sprechen fortwährend darüber. Das ist Greta Thunbergs Verdienst. Ob Entscheidungsprozesse rechtzeitig und nachhaltig so beeinflusst werden, dass es hilft, bedrohliche Klimaszenarien zu verhindern, ist eine andere Frage. Aber um die soll es hier nicht gehen, sondern um das, was tatsächlich bewegt wurde. Die Menschen.

Meine Tochter ist vier Wochen älter als Greta Thunberg. Sie hat mich im Januar vor eineinhalb Jahren zum ersten Mal gefragt, ob sie zur Demo in Berlin gehen darf. Fridays for Future. Ich hatte noch nie davon gehört. Ich habe recherchiert und es dann erlaubt. Ich habe mich gefreut, dass eine 16-Jährige sich von einer anderen 16-Jährigen inspirieren lässt, wenn die mutig und entschlossen auftritt. Darüber, dass sich so viele Kinder und Jugendliche plötzlich für Politik interessierten. Ich habe mich geärgert, wenn Erwachsene sie dann herablassend behandelten, so wie Christian Lindner von der FDP, der ihnen einfach das Mitspracherecht verweigerte. Nur weil sie Kinder sind.

Erstaunlich reflektiert

Wir haben eine Gesprächskolumne in dieser Zeitung etabliert, Mutter-Tochter-Gespräche über Politik und die Gesellschaft, weil wir den Eindruck hatten, dass nicht nur das Klima ein Problem ist, sondern auch die Arroganz, mit der Erwachsene behaupten, alles richtig zu machen. Und dass Kinder einfach noch zu doof dafür seien, sich überhaupt zu äußern. Selbst wenn es eine Zukunft betrifft, die viele der Erwachsenen gar nicht mehr erleben werden.

Kinder sind erstaunlich reflektiert heutzutage. Oft wissen sie sehr gut Bescheid, manchmal, wenn sie sich dafür interessieren, besser als wir. Dann werden sie zu Spezialisten an Punkten, mit denen wir nicht gerechnet haben. Hebeln unsere Argumente aus, weil sie sich besser auskennen. Manchmal ist auch einfach nur ihr Blick klarer. Ein Blick, der Schwachpunkte entlarvt. Warum sollten wir davon nicht gemeinsam profitieren?

Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaft, hat in diesen Tagen eine Ad-hoc-Stellungnahme zur Energiewende veröffentlicht. Ad-hoc deshalb, weil die Zeit drängt. Nicht nur wegen des Klimawandels, sondern weil Deutschland gerade die Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union übernommen hat. „Energiewende 2030: Europas Weg zur Klimaneutralität“ ist das 15 Seiten starke Papier überschrieben. Es ist ein Arbeitsauftrag. Deutschland soll im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft einen neuen Aufbruch der europäischen Klimapolitik einleiten.

Dieser Text erfüllt den Wunsch nach konkreten Vorschlägen. Denn es hilft ja noch nicht weiter, wenn Greta Thunberg wieder und wieder sagt: „Hört auf die Wissenschaftler.“ Der Kern von Fridays for Future ist aber genau das und nicht mehr. Die Jugendlichen maßen sich nicht an, Lösungen für die Klimaprobleme zu haben. Sie machen Politik und Gesellschaft darauf aufmerksam, dass wir dank der Wissenschaft seit langem wissen, auf welch fatalem Kurs wir sind. Sie sagen. Hört auf, das zu verdrängen.

Für konkrete Vorschläge fühlen sie sich nicht zuständig und es ist eine freche Überforderung, das immer wieder von ihnen zu verlangen.

Wer sich wirklich dafür interessiert, was man machen kann, sollte vielleicht das Papier der Leopoldina lesen. Die Akademie und ihre Arbeitsgruppen, die sich zu verschiedenen Themengebieten bilden, zählen zu den wichtigsten Impulsgebern der Wissenschaft in Deutschland und Europa.

An dem Papier haben Dutzende Wissenschaftler mitgewirkt. Meeresforscher, Physiker, Spezialisten für Energietechnik, Ökonomen, Klima- und Energieforscher, Juristen. Die Forschergemeinschaft vertritt die These, Deutschland habe im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft „die Chance, einen neuen Aufbruch der europäischen Klimapolitik einzuleiten“. Die völlige Umstellung unserer Energiesysteme mit dem Ziel der Treibhausgasneutralität bis Mitte des Jahrhunderts sei dabei ein wichtiges und richtiges gesamtgesellschaftliches Projekt. Die Arbeitsgruppe macht konkrete Vorschläge, wie das erreicht werden soll – „auch und gerade angesichts der Herausforderung durch die Corona-Pandemie“.

Im Kern geht es dabei darum, auf dem Weg der Vermeidung von Klimagasemissionen schnell Klimaneutralität zu erreichen. Es geht um CO2, Methan und Lachgas. Und es geht um unerwünschte Folgen der Klimaerwärmung für die Artenvielfalt und für die Menschheit durch Hochwasser, Hitzewellen, Wasserknappheit, Extremwetter und Destabilisierungen für das globale Finanzsystem, Ernährungs- und Gesundheitssystem.

„Klimaneutralität kann nur mit einem grundlegend umstrukturierten Energiesystem gelingen“, schreiben die Forscher. Und diese grundlegende Transformation sei technisch möglich und zwingend. Der Staat müsse den Rahmen dafür setzen. Es sei entscheidend, die langlebige Industrie-Infrastruktur mit ihren Hochöfen, Steamcrackern, Zementöfen jetzt umzubauen. „Offenkundige technologische Notwendigkeiten (‚No regret‘-Maßnahmen) sollten ohne Verzögerung umgesetzt werden.“ Dies seien der Ausbau von Windenergie und Photovoltaik, leistungsfähige Übertragungs- und Verteilnetze, ausgestattet mit Speicher- und anderen Flexibilitätselementen, der Ausbau der Elektrifizierung, der Aufbau und Ausbau von Wasserstofftechnologien, Investitionen in Energieeffizienz.

Deutschlands Aufgabe im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft sehen die Forscher darin, die Energie- und Klimapolitik auf einige Punkte auszurichten. Dazu zählen eine politisch stabile europäische und globale Klima-Agenda, eine einheitliche Bepreisung von Treibhausgas-Emissionen in allen Sektoren, die Entwicklung eines europäischen Energiesystems, Partnerschaften mit ausgewählten außereuropäischen Staaten, der Ausbau und die lokale Gewinnung von erneuerbaren Energien, eine nachhaltige Finanz- und Kreditwirtschaft. Das wirksamste Element sehen die Forscher in einem einheitlichen CO2-Preis für Europa.

Ungewisse Zukunft

Die Komplexität der Vorschläge lässt erahnen, wie schwierig es sein wird, sie in der Welt der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und unterschiedlichen Prioritäten durchzusetzen. Das steht in einem offensichtlichen Gegensatz zur Klarheit der Botschaften von Greta Thunbergs Fridays for Future. Aber das ist kein Problem, sondern ein Vorteil, setzt man voraus, dass hier zwei Akteure an einem Strang ziehen. Die Jugendlichen und die Wissenschaftler.

In den zurückliegenden zwei Jahren ist es der Klimabewegung, und dazu zählen mehr Akteure als Fridays for Future, gelungen, Maßnahmen zum Schutz des Klimas nicht nur als notwendig, sondern als alternativlos in der Debatte zu verankern. Was wissenschaftliche Fakten allein nicht vermochten, ist über Emotionen gelungen. Unschuldige Kinder haben durch die Schuld von Erwachsenen eine ungewisse Zukunft. All das liegt in den Auftritten des Mädchens mit den Zöpfen, wenn sie den Führern der Welt entgegenschleudert: „How dare you“ und „I want you to panic“.

Niemand möchte, dass sich Politiker und Wirtschaftslenker schuldbewusst verkriechen oder in Panik Entscheidungen treffen. Aber diese Auftritte hatten eine gewaltige Wirkung. Der Erwartungsdruck auf die Handelnden ist deutlich gestiegen.

Es ist zuletzt ein bisschen still geworden um Fridays for Future. Das liegt an der Corona-Pandemie, natürlich. In diesen Tagen kann man mit massenhaftem Auftreten keine Punkte machen. Aber es wäre vielleicht ohnehin jetzt ein wenig stiller geworden um die Streikaktivitäten. Mit immer gleichen Auftritten und Forderungen lässt sich nicht dauerhaft Aufmerksamkeit erregen.

Greta Thunberg sitzt neben einem Plakat mit der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“ vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm.
Foto: dpa/Mickan Palmqvist

Es wird spannend  zu beobachten, wie sich diese Generation jetzt entwickelt. Wir Erwachsenen haben mittlerweile auch hohe Erwartungen an die Kinder und Jugendlichen. Es hat uns sehr überrascht, bei so jungen Menschen eine so klare politische Haltung zu finde. Und das Durchhaltevermögen ist bei vielen auch überraschend groß. Wir stellen fest, dass diese jungen Menschen auch zu vielen anderen gesellschaftlichen Themen etwas zu sagen haben, und wir fragen uns, warum wir das bisher übersehen haben. War es die Arroganz der Erwachsenen, das Desinteresse von Jugendlichen früherer Jahrgänge, eine Entfremdung von Jüngeren und Älteren?

Die Shell Jugendstudie trug das Phänomen im vergangenen Jahr in ihrem Titel: „Eine Generation meldet sich zu Wort“. Mehr als 40 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich der Studie zufolge als politisch interessiert. Das sind deutlich mehr als in den knapp 20 Jahren davor. Und durch die „Fridays for Future“-Initiative, die medial stark von jungen Frauen repräsentiert wird, scheint sich noch etwas verändert zu haben: Mädchen und junge Frauen melden sich häufiger zu Wort. Auch das sollte man als Verdienst verbuchen.

Fast drei von vier Jugendlichen nennen laut der Studie von 2019 die Umweltverschmutzung als das Hauptproblem, das ihnen Angst macht, gefolgt von der Angst vor Terroranschlägen (66 Prozent) sowie dem Klimawandel (65 Prozent). Die wirtschaftliche Lage mit steigender Armut wird hingegen nur noch von etwas mehr als jedem zweiten Jugendlichen benannt, die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust oder davor, dass man keinen Ausbildungsplatz findet, sogar nur von etwas mehr als jedem dritten.

Die Befragung fand von Januar bis März 2019 statt. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Einschätzungen durch die Corona-Krise und die wirtschaftlichen Folgen verändern werden. Es werden vermutlich neue Ängste hinzukommen. Zum ersten Mal seit dem letzten Krieg wurde Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit genommen, zur Schule zu gehen, Freunde zu treffen, zu verreisen, die Freizeit nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Wird das eine neue Unsicherheit hinterlassen oder ein neues Selbstbewusstsein? Was werden die Prioritäten, Berufswünsche, Zukunftspläne nach Corona sein?

Es ist nicht zu erwarten, dass die Jugendlichen ihre mit Greta Thunberg gewonnene politische Stimme so schnell wieder aufgeben werden. Sie werden sich auch als junge Erwachsene behaupten. Die Älteren werden sich daran gewöhnen müssen, ihnen ab und zu auch mal zuzuhören. Das wäre ja vielleicht nicht das Schlechteste. Eine neue politische Stimme ist da, nachdem jahrelang vom Politikverdruss die Rede war.