Köln - Angst. Frust. Empörung. Immer wieder fallen diese Worte, wenn man Polizeibeamte fragt, was sie während der Hooligan-Ausschreitungen am Sonntag empfunden haben. Bei der Planung seien Fehler gemacht worden, „die einer einsatzerfahrenen Großstadt-Polizei nicht passieren dürfen“, kritisiert ein leitender Beamter, der am Breslauer Platz in vorderster Reihe stand.

Unterstützung und Zuspruch bekommen er und seine Kollegen von Politikern, Polizeigewerkschaftern und verschiedenen Bündnissen gegen rechte Gewalt. Ihr Hauptvorwurf: 1300 Polizisten waren zu wenig für 4800 teils gewaltbereite Hooligans.

„Ich habe mich unsicher gefühlt“, erzählt ein Kölner Hundertschaftsbeamter, der in seiner Laufbahn Dutzende Großdemonstrationen erlebt hat – aber nie eine ähnlich „bedrohliche Situation“ wie am Sonntag. Ein Abschnittsleiter einer anderen Hundertschaft berichtet, er habe gehofft, dass endlich ein Spezialeinsatzkommando (SEK) komme und die Lage bereinige. Die Elitebeamten sind trainiert und ausgerüstet für Fälle schwerster Gewaltkriminalität. „Die Jungs in Schwarz hätten die große Keule ausgepackt und uns entlastet“, ist der Polizist sicher. Bei der WM 2006 etwa, als knapp 300 Hooligans auf dem Alter Markt randalierten, hätten SEK-Kräfte mit ihrer „Durchzugskraft“ großen Eindruck bei den Gewalttätern gemacht. Beim „Anti-Islam-Kongress“ (AIK) 2008 habe allein die Präsenz eines SEK autonome Gegendemonstranten zurückweichen lassen.

Kein SEK

Nur: Am Sonntag war kein SEK da. Die Einsatzleitung hatte keines angefordert, auch keine Hundertschaften aus anderen Bundesländern. Warum nicht? „Es lagen keine Erkenntnisse vor, die einen Einsatz von Kräften der Spezialeinheiten erforderlich gemacht hätten“, lautet die offizielle Stellungnahme der Polizei. Stattdessen setzte die Behörde zum ersten Mal seit Jahren wieder Wasserwerfer in NRW ein. Das sollte die fehlende Manpower kompensieren, glaubt mancher Beamter. Hat die Polizeiführung das Ausmaß unterschätzt? „Die Massivität der Veranstaltung hat mich schon überrascht“, räumt zum Beispiel ein hochrangiger Polizist ein.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), Polizeipräsident Wolfgang Albers und Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt betonen, man sei angemessen und gut aufgestellt gewesen. Mehr Beamte hätten Ausschreitungen und Verletzte wohl auch nicht verhindern können.

„Mit mehr Kollegen hätten wir die Hooligans aber durchgängig mit einer geschlossenen Polizeikette begleiten können“, erklärt der Abschnittsleiter. So fanden Gruppen von Gewalttätern auf dem Weg zum Ebertplatz immer wieder Lücken in der Kette und konnten – zumindest kurzfristig – ausbrechen. Mit mehr Polizisten, so der Beamte, wären wohl auch mehr als 17 Festnahmen gelungen.

Unverständlich erscheint, warum die Polizei den Versammlungsort nicht weiträumig abgesperrt hat. Man habe das nicht als erforderlich betrachtet, sagt Rüschenschmidt. Passanten, Reisende, Geschäftsleute und Flohmarktbesucher am Rheinufer bekamen die Gewalt hautnah mit.

Tatenlos sollen Polizisten auch zugesehen haben, wie Chaoten einen Polizeibus umwarfen. Er sei „kein Hardliner“, betont der Abschnittsleiter. „Aber Deeskalation ist fehl am Platz bei Hooligans, für die Gewalt zum elementaren Bestandteil der Bewegung gehört.“

Nicht nachvollziehen kann er, warum die Einsatzleitung die Versammlung nicht früh aufgelöst hat, nachdem Teilnehmer entgegen der Auflagen schon früh vermummt, betrunken und gewalttätig waren.

Ob die Polizei bei der Vorbereitung oder während des Einsatzes Fehler gemacht hat, verrät die Behörde nicht. Nur so viel: Der Einsatz werde „umfassend“ nachbereitet. Wie lange das dauern wird, ist derzeit nicht absehbar.