Das Hohenzollernschloß in Sigmaringen (Baden-Württemberg)
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BerlinEs geht um Schlösser, Gemälde und mancherlei königliches Gut, was die Dynastie der Hohenzollern vom deutschen Staat zurückhaben möchte – oder zumindest eine Entschädigung. Der Bundestag könnte das per Beschluss beenden, meint zumindest Erhard Grundl.

Grundl, ein Niederbayer, ist Grünen-Abgeordneter. Er will, dass der Bundestag feststellt, dass der Sohn des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., Preußen-Kronprinz Wilhelm, die Nazis mit an die Macht gebracht hat. Das ist die entscheidende Frage, nicht nur für Historiker. Auch der Satiriker Jan Böhmermann hat sich mit den Preußen beschäftigt. In seinem „Neo Magazin Royale“ nannte er den Preußenprinzen einen „adligen Hohenzollern-Schlawiner“ und   veröffentlichte kurzerhand auf der Website „hohenzollern.lol“ vier bisher teilweise geheim gehaltene Historiker-Gutachten zur Rolle der Hohenzollern in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.

Erhard Grundl erfreut die neue Dynamik in der Debatte um Schuld und Verantwortung des Hauses Hohenzollern. Er selbst ist als Kulturpolitiker der Grünen schon seit Monaten mit den Preußen und ihrer Vergangenheit befasst. Kulturstaatsministerin Monika Grütters führt hinter den Kulissen Verhandlungen, in denen das Parlament jetzt ein gewichtiges Wort mitreden will. „Eine politische Einschätzung der Schuldfrage fällt in die Kompetenz des Bundestags. Diese Verhandlungen kann nicht Frau Grütters alleine führen“, sagt Grundl.

Ein grüner Bayer gegen das Haus Preußen?

Zentrale Streitfrage ist eine Regelung im sogenannten Ausgleichsleistungsgesetz. Demnach sind Zahlungen ausgeschlossen, wenn ein eigentlich Berechtigter „dem nationalsozialistischen System … erheblichen Vorschub geleistet hat“.

Ein grüner Bayer also gegen das Haus Preußen? „Ich bin nicht auf einem Feldzug gegen die Hohenzollern“, sagt Grundl. Aber, sagt der Abgeordnete, „das Gesetz gilt in Deutschland für alle, auch für Nachkommen eines Kaisers. Und das Gesetz ist in diesem Fall eindeutig: Wer dem NS Vorschub geleistet hat, hat kein Recht auf Ausgleichsleistungen.“ Der Kulturpolitiker ist überzeugt: „Der Kronprinz war Hitlers Steigbügelhalter, er hat aktiv mitgeholfen, den Nationalsozialismus an die Macht zu bringen.“

So sehen es auch die Historiker Stephan Malinowski und Peter Brandt in ihrem Gutachten. Der australische Preußen-Experte Christopher Clark aber widerspricht: Wilhelm sei politisch zwar äußerst rechts einzuordnen, habe aber bei Hitler keine Rolle gespielt.

Clark spricht von der „Unfähigkeit des Kronprinzen, in einem komplexen und sich schnell verändernden politischen Umfeld effektiv zu handeln.“ Der vierte Gutachter Wolfram Pyta wiederum schreibt in seinem bisher geheimen Gutachten für das Haus Hohenzollern, Wilhelm habe aktiv verhindern wollen, Hitler an die Macht zu bringen – und sei ab 1934 sogar in der Nähe des Widerstands zu finden gewesen.

Im Frühjahr könnte der Bundestag ein Urteil fällen

Es war offenbar so, dass Wilhelm sich eine wichtige Rolle in einer Allianz mit Hitler erträumte – aber wie real war diese Vorstellung, und welche öffentliche Wirkung hatten die Hohenzollern damals tatsächlich noch? Grundl zweifelt nicht: „Die Hohenzollern waren zwölf Jahre nach der Abdankung des Kaisers noch wirkungsmächtig im Deutschen Reich, sie waren gesellschaftlich höchst relevant“, sagt er. Der Kronprinz hat meiner Meinung nach Hitler die Stimmen gesichert, die er brauchte, um den Reichstag aufzulösen. Das war das Ende von Weimar.“ Und er geht noch weiter: „Kronprinz Wilhelm war nach meinem Eindruck ein Role Model für den Hitler-Kult.“

Im Januar werden die Abgeordneten Gutachter und weitere Experten laden. Im Frühjahr könnte dann das Urteil der Republik fallen. Grundl ist optimistisch, die Koalition zu überzeugen. Die SPD sei bereits auf seiner Seite, sagte der Haushalts-Experte Johannes Kahrs: „Ich verstehe nicht, warum noch verhandelt wird. Ich bin dagegen, den Hohenzollern auch nur noch einen Euro zu geben. Und wenn sie klagen wollen, sollen sie klagen.“