Silke und Holger Friedrich mit Michael Maier, Margit Mayer, Jochen Arntz, Elmar Jehn.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak 

BerlinDie Berliner Silke und Holger Friedrich sind seit Freitag offiziell die neuen Eigentümer des Berliner Verlags, den sie von Dumont gekauft haben. Jetzt steht wieder "Berliner Verlag" in großen Lettern über dem Eingang des Verlagshauses an der Alten Jakobstraße. Im Gespräch mit der Redaktion reden sie über ihre Pläne, neue Personalien und den Spirit des Neuanfangs.

Vor sechs Wochen haben wir angekündigt, dass Sie, das Ehepaar Friedrich, den Berliner Verlag übernehmen. Wie hat es sich für Sie heute Morgen angefühlt, durch den Eingang mit dem Schriftzug „Berliner Verlag“ zu laufen?

Silke Friedrich: Ich fand es toll. Die Nachricht, dass wir den Namen „Berliner Verlag“ installieren, ging wie ein Lauffeuer durch das Gebäude. Von allen Etagen kamen Kollegen und haben fotografiert. Wir haben Selfies gemacht und Gruppenbilder, und es kamen Mitarbeiter vorbei und hoben den Daumen. Das hat Spaß gemacht. Ich hatte Gänsehaut. Wir haben uns in den letzten Wochen mit der Frage beschäftigt, ob wir bereit sind für diesen ersten Tag. Ja, wir sind bereit.

Heute wurden außerdem ein paar große Buchstaben ins Haus getragen. Zusammengesetzt ergeben sie die Buchstaben „Berliner Zeitung“. Was hat es damit auf sich?

Holger Friedrich: Es sind in der Vergangenheit einige Symbole geschleift worden. Das Haus am Alexanderplatz, in dem der Berliner Verlag früher saß, hieß Haus der Presse. Es gab das Haus der Elektrotechnik, das Haus des Reisens, das Haus des Lehrers, das war städtebaulich ein Ensemble. Auf dem Haus der Presse gab es auf dem Dach eine große Werbung für die Berliner Zeitung.

Eine unserer ersten Fragen nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages war, ob es diesen alten Schriftzug noch gibt. Glücklicherweise war das so. Ich habe darum gebeten, dass die Buchstaben ins Haus gebracht werden. Jetzt werden wir mit den Baubehörden verhandeln, wie wir sie über die Fassade des jetzigen Gebäudes hängen können.

Noch verpackt, aber wieder da: das Wappen der Berliner Zeitung.
Foto: Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Zufällig fällt Ihr Antritt in die Tage, in denen wir 30 Jahre Mauerfall feiern. Was planen Sie mit der Berliner Zeitung, mit dem Berliner Kurier?

Silke Friedrich: Ich glaube ja nicht an Zufälle. Aus meiner Sicht macht das alles einen Sinn. Ich habe das Gefühl, dass Puzzleteile zueinanderfinden. Heute Morgen bei der Mitarbeiterversammlung habe ich eine grundpositive Stimmung wahrgenommen. Mitarbeiter haben den Eingang fotografiert. Viele arbeiten an den Sonderausgaben der Zeitungen zum 8. und 9. November. Es hat einen Sinn, dass wir jetzt hier sind und eine andere Perspektive in diesen Diskurs einbringen. Ich habe das Gefühl, dass das alles zueinander passt. Das musste so sein.

Holger Friedrich: Ich sehe es nüchtern. Jetzt ist endlich die Zeit da, in der man ein paar Dinge korrigieren kann. Der Mauerfall wird gern thematisiert, ich finde den 4. November viel spannender, als die erste freie, ordentlich genehmigte Demonstration auf dem Alexanderplatz stattfand, mit mehreren Hunderttausend Menschen. Dort wurde eine Diskussion über die Zukunft des Landes geführt, in deren Folge sich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung dramatisch beschleunigte. Insofern schließen sich jetzt hier Kreise, und man kann Diskussionen, die damals beendet wurden, nun wieder aufnehmen.

Die Redaktion wird diesen Diskurs in zwei besonderen Ausgaben am 8. und 9. November nachzeichnen. Sie werden sich darin auch zu Wort melden. Was ist die Botschaft?

Holger Friedrich: Die erste Botschaft reagiert auf die Frage und die dahinterstehende Unterstellung, in wessen Auftrag wir handeln. Nein, wir handeln nicht im Auftrag von russischen Oligarchen oder rechtskonservativen Geheimniskrämern, sondern aus uns selbst heraus. Wir wollen einladen, das Potenzial dieser Stadt, dieses Landes und dieses Kontinents zu diskutieren. Dafür wollen wir einen ersten Aufschlag machen und erläutern, warum wir es getan haben – was wir für Potenziale sehen und wie wir denken, dass diese Potenziale gehoben werden können.

Das klingt geheimnisvoll. Was wird in den beiden Ausgaben zu lesen sein?

Holger Friedrich: Es wird anlässlich des Mauerfall-Jubiläums eine Menge Feiern und wohlgesetzte Worte geben mit einer sehr einheitlichen Rezeption dessen, was damals passierte. Vielleicht ist die Wirklichkeit heterogener. Ein Ziel ist es, dieser Heterogenität Raum zu geben. Das zweite Ziel ist, aus einer anderen Perspektive eine Bestandsaufnahme zu ermöglichen.

Des Landes?

Holger Friedrich: Ja, der Stadt und des Landes. Das dritte Ziel ist, zu fragen, was man anders und schneller angehen könnte. Denn wir sind langsam in dieser Stadt, in diesem Land und auf diesem Kontinent in Anbetracht der Dynamik an Veränderung um uns herum. Wir sind alle klug genug, die Informationen liegen uns vor. Aber wir haben ein Problem, in der Zivilgesellschaft, in der Politik, in der Verwaltung und in der Industrie, daraus notwendige Folgerungen zu ziehen – auch in der Medienindustrie. Wir wollen diesen Kanon aufreißen und dazu einladen, diese Fragen zu diskutieren.

Sie sind seit sechs Wochen dabei, sich in einen Verlag, also in eine Branche einzuarbeiten, die Sie vorher nicht kannten. Berlin wird als der härteste Markt Deutschlands und Europas gesehen. Haben Sie eine verlegerische Mission?

Holger Friedrich: Mit dem Begriff Mission kann ich nichts anfangen. Dieser Markt ist strukturell unterversorgt. Man sollte aber nicht den Markt beschimpfen, sondern sich fragen, warum das, was die Berliner Presselandschaft anbietet, keinen Widerhall findet. Wir haben eine Marktabdeckung, je nachdem worauf man schaut, von weniger als 7,5 beziehungsweise 5 Prozent. Was die Tageszeitungen betrifft.

Man sollte aber den Berlinern nicht Ignoranz vorwerfen, sondern wir sollten schauen, was die Berliner Zeitungen anbieten und warum das nicht ankommt. Das hat etwas mit Inhalten und mit der Lieferung zu tun. Wir sollten die Inhalte hinterfragen und deren Relevanz. Gleichzeitig sollten wir die Lieferung hinterfragen, also dorthin liefern, wo die Leser sind. Beziehungsweise deren Medien ansprechen. Was eine sehr viel stärkere Digitalisierung bedeutet.

Silke Friedrich: Unser Ansatz ist, vom Leser her zu denken. Medien unterschätzen, wie sehr Leser nach Informationen suchen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Wir müssen nicht die Meinung vorgeben, sondern Informationen zur Verfügung stellen. Das ist unsere Mission. Unabhängigkeit und Faktenorientierung, um den Leser einzuladen, sich selber eine Meinung zu bilden und Themen zu hinterfragen. Ich würde mich freuen, wenn wir in einem Jahr sagen können, dazu haben wir beigetragen. Am Ende geht es immer um die Kunden und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse.

Holger Friedrich: In den vergangenen sechs Wochen gab es überraschende Aspekte, und diese sind größer, als ich erwartet habe. Einer ist, dass innerhalb eines Verlages und einer Redaktion Arbeitsprozesse so ausmoderiert und ausgeschliffen sind, dass man spürt, dass da 440 Jahre Erfahrung sind. Dagegen stecken in der Digitalisierung 44 Jahre Erfahrung. Die Prozesse sind bei weitem nicht so exakt, das ist ein Kulturclash.

Als die Nachrichten über den Anschlag in Halle hereinkamen, war ich zufällig im Newsroom und habe beobachtet, wie eine Gruppe von Redakteuren binnen weniger Minuten eine unklare Informationslage in eine klare Nachrichtenlage übersetzt hat. Es wurde auf Basis einer Nullfehlertoleranz gearbeitet. In diesem Moment habe ich verstanden, warum die Digitalisierungsbemühungen in all den Medienhäusern, ob Spiegel, FAZ oder woanders, scheitern mussten, weil diese Güte an Prozessqualität aus 440 Jahren mit 44 Jahren Erfahrung nicht kompatibel ist. Noch nicht. Wir haben eine sehr spannende Aufgabe vor uns.

Als Journalisten müssen wir fehlerfrei arbeiten.

Holger Friedrich: Fragen Sie einen Softwareingenieur. Der wird Ihnen erklären, dass er lieber erst einmal inexakter und dafür schneller arbeitet, da Fehler in der Software unkompliziert korrigiert werden können. So sind wir in der Lage, die Komplexität der Welt schneller in Softwaresystemen abzubilden als in ordentlich durchgeplant ausgerichteten Systemen.

Wenn wir das auf Journalismus übersetzen, dürfen wir trotzdem keine Fehler zulassen. Wir müssen uns jedoch erlauben, Dinge in vielerlei Richtungen zu denken, und sie nochmals überprüfen. Das ist die Art Labor, die uns vorschwebt. Etwas, was wir uns mit Streitgesprächen auch für die Ausgaben des 8. und 9. November vorgenommen haben – um den Blick nach vorne zu richten. Was können wir tun, um wieder Mauern einzureißen?

Silke Friedrich: Ja, die Rückbesinnung ist wichtig, aber wir sollten nach vorne denken. Wir hatten eine einmalige Chance: Da war ein Land, es wurde getrennt, und es fand wieder zusammen. Aber was haben wir gelernt? Sind wir uns der Fehler bewusst, und wie können wir uns aufstellen, um die gleichen Fehler in der Zukunft zu vermeiden? Das diskutieren wir in unseren Streitgesprächen, wir gehen der Frage nach, wo wir stehen in unserer Gesellschaft und was das für die nächsten 30 Jahre bedeuten könnte.

Der Berliner Kurier wird die Ausgabe am 9. November unter die Stichworte Dankbarkeit und Respekt stellen. Empfinden Sie im Hinblick auf Mauerfall und 30 Jahre Einheit Dankbarkeit und Respekt vor den Menschen, die das ermöglicht haben?

Silke Friedrich: In jedem Fall. Ich empfinde uns als Gewinner der Wende. Ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die die Wende uns eröffnet hat. Ich habe Respekt vor den Menschen, die dies ermöglicht haben, auch vor den Menschen, die auf die Straße gegangen sind und sich engagiert haben. Es ist eine spannende Diskussion, inwieweit wir alle dankbar sind für das, was wir jetzt haben, die schönen Städte, die Infrastruktur, die Lebensqualität, den hohen Gesundheitsstandard. Gleichzeitig diskutieren wir, inwieweit der Osten respektvoll behandelt wurde für das, was geleistet wurde. Diese Frage zu moderieren, fällt allen schwer, dennoch sollte es viel mehr in der Öffentlichkeit stattfinden.

Holger Friedrich: Auch weil heute dieselben Fehler wie damals begangen werden und ein großes Potenzial vergeben wird. In dieser Ignoranz und westdeutschen Selbstvergewisserung, Sieger der Geschichte zu sein, wird auch heute den neuen Herausforderungen begegnet. Das ist der spannende Teil der Diskussion: Was hat der Osten damals ermöglicht, was haben wir nicht genutzt und warum nicht, und warum nutzen wir es heute nicht.

Die Welt um uns herum ist sehr viel schneller geworden, sehr viel komplexer. Politik, Technologie, Gesellschaft, Umwelt, Medizin, das ist alles in Bewegung. Was verändert sich, wie ist unser Standpunkt, was sind unsere Möglichkeiten, zu welchem Preis, und was müssen wir dafür tun, um diese Möglichkeiten zu nutzen? Der Fakt, dass wir den Palast der Republik abgeräumt haben, um uns eine Schlossattrappe hinzustellen, ist noch das geringste Problem. Denn die Veränderungen, die jetzt auf uns zukommen, wird das jetzige Westdeutschland in seiner aktuellen Konstitution nicht überleben. Und da sind wir an einem Punkt, wo weder eine ordentliche Analyse noch eine Ableitung oder eine Neuausrichtung stattfindet.

Reden wir über die Umsetzung. Wir haben uns auch Gedanken gemacht, wie wir die Inhalte besser liefern können. Ist es schwer, eine neue digitale Plattform für die Berliner Zeitung in wenigen Wochen aufzustellen?

Holger Friedrich: Nein, das geht auch in wenigen Tagen. Schwer ist es, die dahinter liegenden Systeme zu integrieren. Aber auch das ist nicht schwer, wenn man die Aufgabe angstfrei und mit Profis angeht. Man muss bereit sein, organisatorische Orthodoxien aufzubrechen. Wir werden unsere interessanten Inhalte zum 8. November auf einer neuen digitalen Infrastruktur ausspielen.

Normalerweise dauern solche Umstellungsprozesse Monate bis Jahre. Muss sich die Redaktion auf diese neue Geschwindigkeit einstellen?

Silke Friedrich: In jedem Fall. Veränderungen benötigen ein gewisses Druckmoment. Die Zeit ist aber reif. In diesem Haus herrscht ein großer Veränderungswille. Wir zwei wollen nicht verlieren, und ich habe das Gefühl, dass hier eine Menge Kollegen sind, die auch nicht verlieren möchten. Insofern rennen wir durch offene Türen. Wir haben uns gefunden.

Holger Friedrich: Es ist verblüffend, wie viele Menschen von außerhalb Hilfe anbieten. Google zum Beispiel. Sie sind nicht Konkurrenten, sondern Technologielieferant und somit unsere Partner. Es gibt eine Interessenkongruenz, gleiches gilt für andere Unternehmen wie beispielsweise Nepos. Denn es geht um gesellschaftlichen Fortschritt auf Basis moderner Technologie.

Neben neuer Technik haben Sie auch Menschen hereingeholt, die helfen sollen. Michael Maier, der in den 90er-Jahren Chefredakteur der Berliner Zeitung war, wird Geschäftsführer des Berliner Verlags. Erzählen Sie, wie es dazu gekommen ist.

Silke Friedrich: Michael Maier hat mir eine E-Mail geschickt. Wir haben uns zum Abendessen verabredet. Schon bevor wir bestellt hatten, waren wir in einer anregenden Diskussion. Wir ticken bei vielen Themen sehr ähnlich. Es war uns wichtig, jemanden als Geschäftsführer zu positionieren, der journalistische Erfahrung mitbringt. Wir wollen ein Signal in Verlag und Redaktion senden, dass Inhalte und journalistische Qualität wichtiger sind als Klicks. Herr Maier steht für höchsten journalistischen Anspruch, und zudem ist er ein Pionier im Digitalen.

Daneben gibt es noch eine weitere Personalie im Bereich Mode und Stil. Wer kommt da?

Silke Friedrich: Da kommt Margit J. Mayer. Mayer mit y, sie sagt, das steht für Style. Das ist ein wichtiges Thema für die Berliner Gesellschaft. Die Repräsentanz dieses Themas für Berliner und darüber hinaus obliegt ab sofort Frau Mayer. Daher freuen wir uns auf die Zusammenarbeit.