Alma Mustafic reagierte verstört. „Ich wundere mich, wann der niederländische Ministerpräsident seinen Respekt an Rizo Mustafic erweist?“, twitterte sie am Wochenende. Da hatte Hollands Premier Mark Rutte gerade für die Versäumnisse von Srebrenica „im Namen der niederländischen Regierung eine Entschuldigung angeboten“ – nicht bei den Opfern des Völkermords, sondern beim niederländischen Militär.

Die niederländische Einheit Dutchbat war 1995 im jugoslawischen Bürgerkrieg in Bosnien stationiert und sollte in Srebrenica im Rahmen einer UN-Mission bosnische Muslime schützen.

Von Serbien unterstützte Einheiten eroberten das Gebiet im Juli 1995 und töteten rund 5000 bosnische Muslime. Das niederländische Militär schaute zu – weitgehend tatenlos. Eine der dunkelsten Stunden in der Nachkriegsgeschichte der Niederlande.

„Es geht immer nur um Dutchbat“, hatte Alma Mustafic schon im vergangenen Herbst geklagt. Damals kam in Tilburg das Stück „Gefährliche Namen“ über das Morden von Srebrenica auf die Theaterbühne. Mit Alma Mustafic in der Hauptrolle. Sie war beim Fall von Srebrenica 14 Jahre alt. Ihr Vater Rizo Mustafic war 41. Er arbeitete als Elektriker für das niederländische Militär. Doch auch das half nichts. Rizo Mustafic wurde von seiner Familie getrennt und von bosnisch-serbischen Einheiten unter Führung Ratko Mladics ermordet.

dpa/epa
Der Screenshot vom niederländischen Fernsehen zeigt holländische UN-Soldaten in Potocari, Bosnien-Herzegowina, vor Hunderten von muslimischen Zivilisten, die aus dem nahe gelegenen Srebrenica vor serbischem Terror geflüchtet waren.

Soldaten der Dutchbat-Einheit wurden nach Srebrenica geschnitten und beschimpft

Umso mehr müssen Alma Mustafic die Worte erregen, die Premier Rutte am Wochenende aussprach. „27 Jahre sind seither vergangenen, aber manche Worte sind immer noch nicht ausgesprochen“, sagte Rutte vor Dutchbat-Veteranen und bot seine „excuses“ an – seine Entschuldigung.

Die Soldaten wurden nach ihrer Rückkehr im Land geschnitten und beschimpft. Viele kämpfen bis heute mit psychischen Problemen. Bereits vor zwei Jahren hatte eine Kommission eine Rehabilitierung der Soldaten gefordert, das UN-Mandat sei unzureichend, die Betreuung der Rückkehrer mangelhaft gewesen. Die Pandemie verzögerte eine öffentliche Umkehr. Am Wochenende folgte in sengender Hitze eine kleine Feier. Dabei überreichte Rutte das Ehrenzeichen der niederländischen Armee – in Bronze.

„Wofür ich kämpfe, ist ein Schuldeingeständnis. Noch immer“, sagte Alma Mustafic schon vor mehreren Monaten der Zeitung Algemeen Dagblad. Vor neun Jahren hat sie gegen den niederländischen Staat geklagt und recht bekommen. Dieser hatte sogar verneint, dass ihr Vater je für das niederländische Militär tätig gewesen war.

Srebrenica hat in der holländischen Gesellschaft ein doppeltes Trauma ausgelöst

Alma Mustafic arbeitet heute als Pädagogik-Dozentin. Sie kam mit Mutter, Schwester und Bruder in die Niederlande. In Tilburg stand sie nicht allein auf der Bühne. Mit ihr spielte Roy Jonkergouw, ehemaliger Berufssoldat. Der Niederländer war damals als 19-Jähriger in Bosnien stationiert. Auch ihn plagen die Verbrechen bis heute. Und so geht es in Tilburg auch über unbewältigte Traumata – auf beiden Seiten.

„Ich würde mir wünschen, dass das, was Ray und ich hier auf der Bühne machen, auch außerhalb des Theaters gelingt“, wirbt Mustafic für einen offenen Dialog. Es geht um doppelte Verwundungen. Der niederländische Regierungschef Mark Rutte verneigte sich am Wochenende nur zur einen Seite.