Berlin - Bei Gerhard Schröder war das ganz normal: Der räkelte sich sogar auf dem „Wetten, dass?“-Sofa neben Thomas Gottschalk und zwischen allerlei Hollywood-Prominenz. Schröder liebte die Inszenierung und trug bald den Beinamen des Medienkanzlers. Seine Nachfolgerin legt ihre Prioritäten dagegen anders: Angela Merkel traf mal den Facebook-Chef Mark Zuckerberg, mit dem sie über Hassparolen im sozialen Netzwerk sprach, mal U2-Sänger Bono beim UN-Gipfel 2015 in New York, um über Hilfe für Afrika zu reden. Aber insgesamt sind Show-Auftritte bei Merkel rar.

An diesem Donnerstag ist es erneut soweit: Merkel empfängt Richard Gere im Kanzleramt, freilich in politischer Mission. Der Schauspieler, der als Charmeur in „Pretty Woman“ oder „Ein Offizier und Gentleman“  bekannt wurde, trifft die Kanzlerin in seiner Rolle als Vorsitzender der International Campaign for Tibet. Der 1988 gegründete Verein setzt sich für Demokratie und die Sicherung der Menschenrechte in Tibet ein, sowie für den Schutz von Kultur und Umwelt auf dem „Dach der Welt“.

Die Bergregion gehört offiziell zur Volksrepublik China. Jedoch ist die Zugehörigkeit umstritten, für viele Tibeter ist ihr Land von China besetzt. So floh etwa der Dalai Lama, geistliches Oberhaupt der Tibeter und ein persönlicher Freund von Richard Gere, 1959 nach Indien. Dort residiert die tibetische Exilregierung, die nicht müde wird, die Souveränität der Region zu verlangen.

Aufmerksamkeit schaffen

So kommt mit Geres Audienz unverhofft ein gerade aus den Schlagzeilen verschwundenes Thema wieder in den Blick. Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte bei der Bekanntgabe des Termins, auch die Bundesregierung setze sich für die Achtung der Menschenrechte in China und der Minderheitenrechte der Tibeter ein – so wie eben auch Richard Gere seit den frühen 1980er Jahren.

Politischer Aktivismus von Hollywoodstars ist stets umstritten geblieben: reine Imagepflege, zu oberflächlich, wirkungslos – so die Vorwürfe. Gere spricht immerhin schon seit Jahrzehnten mit internationalen Gremien über die Situation in Tibet, jüngst etwa mit dem Europäischen Parlament. Das habe durchaus seine Wirkung, ist sich der deutsche Geschäftsführer der Campaign for Tibet, Kai Müller, sicher. „Wir rufen Politik und Öffentlichkeit dazu auf, auf die chinesische Regierung einzuwirken“, sagt Müller dieser Zeitung. „Die in Berlin stattfindenden Gespräche sind in diesem Sinne ein ermutigendes Zeichen.“

Solche Treffen schaffen nämlich vor allem eins: Aufmerksamkeit. „Wenn sich Prominente für Menschenrechte einsetzen und ihre Prominenz dafür nutzen, sich mit hochrangigen Politiker zu treffen, bringt das das Thema wieder in die Medien“, bestätigt Wolfgang Büttner, Sprecher von Human Rights Watch. „Natürlich ist es auch eine Unterstützung für diejenigen, die sich in dem jeweiligen Land für Menschenrechte einsetzen.“ Zudem bestehe die Möglichkeit, dass das jeweilige Thema wieder auf die Agenda des kritisierten Regimes komme.

Noch mehr Lobby-Arbeit als George Clooney

Gere traf bereits am Mittwochnachmittag Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, wobei er die politischen Gespräche freilich mit dienstlichen verbindet: Auf der Berlinale stellt er seinen neuen Film „The Dinner“ vor.

So hatte es vor einem Jahr auch Kollege George Clooney gehalten. Er traf Merkel mit seiner Frau, der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney, im Kanzleramt und redete mit ihr über Flüchtlinge. Auf der Berlinale lobte er zuvor die Politik Merkels.

Dass auch einer seiner Nachfolger im Amt des „Sexiest Man Alive“ nach seinem Kanzlerinnentreff deren Politik in seinem Feld lobt, ist jedoch fraglich. Tibet ist kein drängendes Thema auf Merkels Agenda. Zudem stehe Berlin grundsätzlich zur Ein-China-Politik, wie Regierungssprecherin Demmer im Vorhinein ebenfalls betonte. „Das gilt natürlich auch in Bezug auf Tibet.“ Da hat Gere noch mehr Lobbyarbeit vor sich als seinerzeit George Clooney.