Ein dritter Corona-Test am Montag zeigte bei Angela Merkel erneut ein negatives Ergebnis.
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BerlinAngst ist kein guter Ratgeber, so lautet einer der Leitsätze von Angela Merkel. Nun aber leben wir in einer Krise, die von der Angst vieler geprägt ist. Um die Gesundheit, die Existenz, die Wirtschaft, die Demokratie, überhaupt die Zukunft. Die Kanzlerin würde das so nicht formulieren. Politiker dürfen in solchen Lagen keine Angst haben, sie zumindest nicht zeigen. Sie müssen sie den Menschen nehmen, auch, wenn sie selbst große Sorgen haben.

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Eine Sorge muss sich Angela Merkel immerhin wohl nicht mehr machen: dass sie mit dem Coronavirus infiziert wurde. Auch ein dritter Test hatte am Montag ein negatives Ergebnis, was natürlich überaus positiv ist. Gleichwohl werde sie „auch in den nächsten Tagen die Dienstgeschäfte aus ihrer häuslichen Quarantäne wahrnehmen“, teilte ihr Sprecher Steffen Seibert mit.
Elf Tage dieses auf zwei Wochen angelegten Rückzugs sind vergangen. „Ich muss sagen, mir ist kein großer Unterschied aufgefallen“, bemerkte dazu der Spötter Oliver Welke in seiner „heute-show“ im ZDF. Und so ist das wohl auch.

Erste Fernsehansprache

An diesem Mittwoch wird zum zweiten Mal Angela Merkels Stuhl im Kanzleramt leer bleiben, wenn das Kabinett tagt. Aber Vizekanzler Olaf Scholz muss gar nicht einspringen, sie leitet die Sitzung eben per Telefon. So wie auch die folgende Beratung mit den Ministerpräsidenten über die Lage im Land nach einer guten Woche ziemlichen Stillstands. Da wird es auch um die Frage gehen, wie es nach Ostern weitergehen wird, wann und wie die Menschen wieder in ihren Alltag zurückkehren können. Wie immer in Krisenzeiten ist die Lösung der Probleme die eine Herausforderung. Die andere, oft noch schwieriger zu handhabende ist die Kommunikation darüber. Man weiß, dass das nicht eine der großen Stärken Angela Merkels ist.

Diesmal wollte sie es besser machen. Gerade erst hatte die Kanzlerin sich einen Ruck gegeben und sich erstmals in ihren bald 15 Amtsjahren in einer Fernsehansprache direkt an die Bevölkerung gewandt, um die einschneidenden Maßnahmen zur Begrenzung der Corona-Epidemie zu begründen. „Das gehört zu einer offenen Demokratie: dass wir die politischen Entscheidungen auch transparent machen und erläutern“, sagte sie da. „Dass wir unser Handeln möglichst gut begründen und kommunizieren, damit es nachvollziehbar wird.“

Ein Einkauf für die Volksberuhigung

Dann griff sie zu einem von ihr schon früher erprobten Mittel der Volksberuhigung: Sie ging einkaufen. Am Sonnabend nach ihrer Rede erschien sie in einem Supermarkt nicht weit von ihrer Wohnung in der Mohrenstraße und schob ihren Einkaufswagen wie alle durch die Regalreihen, legte Gemüse, Schattenmorellen, Seife, zwei Rollen Toilettenpapier und vier Flaschen Weißwein hinein. An der Kasse achtete sie auf Abstand und zahlte mit der Karte. Sie kann sicher sein, dass solche Szenen zuverlässig von Mitbürgern gefilmt und ins Netz gestellt werden. Die perfekte Krisenkommunikation, die Normalität vermittelt.

Aber nun ist die größte Vertrauensfigur der deutschen Politik, denn das ist sie jetzt wieder geworden, erst einmal aus der Öffentlichkeit verschwunden. Aber das heißt nicht, dass wir gar nichts von ihr hören. Sie meldet sich sozusagen aus dem Off. Olaf Scholz grüßte die Bundestagsabgeordneten von der Kanzlerin, deren Sitzung sie am Fernseher verfolgte.

Große Koalition strahlt Tatkraft aus

Am Sonntag kam ihr wöchentlicher Podcast – diesmal nicht als Video, sondern nur zum Hören. Es ist nicht klar, ob das an der mangelnden technischen Ausrüstung in ihrer Wohnung lag oder ob aus Gründen der Sicherheit und des Schutzes ihrer Privatsphäre niemand einen Blick hinter ihre Wohnungstür werfen sollte. Angela Merkel schützt ihr Zuhause wie keiner ihrer Vorgänger. Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, sie alle empfingen ausländische Politiker gern in ihren Häusern, als Geste besonderer Nähe und besonderen Vertrauens. So etwas hat Angela Merkel noch nie getan.

Freilich ist Deutschland auch noch nie aus einer Etagenwohnung heraus regiert worden. Jedenfalls teilte sie ihren Hörern mit, dass man, wenn man nicht krank ist, doch auch daheim „viel Arbeit schaffen kann“, sie habe per Konferenzschaltung sogar stundenlange Verhandlungen mit den Regierungschefs der G20 und der Europäischen Union geführt. Darüber hatte sie auf einer telefonischen Pressekonferenz – auch so eine noch nie dagewesene Veranstaltung – schon Journalisten informiert, die zudem erfuhren, dass sie „sehr, sehr gut beschäftigt“ sei.

Ansonsten dankte sie den Bürgern von ganzem Herzen für die Akzeptanz der Einschränkungen: „Sie ziehen mit!“ Nun aber müssten sie auch noch weiter geduldig sein.
Man muss sagen, dass nicht nur die Kanzlerin souverän in der Krise auftritt. Die ganze große Koalition strahlt Tatkraft aus, und ihre wichtigsten Minister tun dies auf eine ebenso entschlossene wie seriöse Weise.

Geballte Kraft der Koalitionäre

Es erweist sich jetzt als Glücksfall, dass Olaf Scholz als Vizekanzler an Merkels Seite steht. Keinen anderen der heute führenden Sozialdemokraten kennt sie so gut. Bereits in der Finanzkrise 2008 gehörte er zu ihrem Kabinett und wirkte als Arbeitsminister eng mit ihr zusammen, als es schon einmal darum ging, drohende Rezession und Massenarbeitslosigkeit zu verhindern. Als Finanzminister hat Scholz nun wieder eine zentrale Rolle, die Auswirkungen der Krise zu meistern. Die beiden Norddeutschen mit dem gedämpften Temperament können gut miteinander und vertrauen dem jeweils anderen. Mit dem jetzigen Arbeitsminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey erweisen sich zwei weitere Sozialdemokraten als veritable Krisenmanager.

Auch die Union hat mit Gesundheitsminister Jens Spahn, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder ein starkes Dreierteam im Einsatz, was für Balance in der Koalition sorgt.

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Als am vergangenen Wochenende die Debatte um einen möglichst baldigen Ausstieg aus dem Stillstand des Landes hochkochte, auch durch eine ungeschickte Bemerkung von Kanzleramtsminister Helge Braun ausgelöst, zogen die Koalitionäre mit geballter Kraft in die Talkshows, um dem ein Ende zu machen.

Altmaier, Scholz, dazu Braun und der als gelernter Mediziner besonders glaubwürdige Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher argumentierten geschlossen gegen eine zu frühe Lockerung der Auflagen. Die Krisenkommunikation läuft ohne die Kanzlerin, aber gewiss nicht ohne ihr Zutun.

Kanzlerin erlebt Renaissance ihrer Popularität

Doch natürlich geht es nicht allein um die Krisenbewältigung. Allen Beteiligten ist klar, dass jetzt auch über die Startbedingungen und Kräfteverhältnisse für die Zeit danach entschieden wird. Das ist die zweite, die parteipolitische Ebene dieser aufgewühlten Wochen, über die niemand offen spricht, die aber gewiss alle mitdenken. Angela Merkel erlebt in der Spätphase ihrer Kanzlerschaft noch einmal eine Renaissance ihrer Popularität. Sie steht wieder mit Abstand ganz oben im Politbarometer, an die zweite Stelle hat sich der CSU-Vorsitzende Söder geschoben. Er ist jetzt ganz klar der starke Mann der Union, der auch die anderen Bundesländer vor sich hertreibt. Man könne gar nicht mehr von Föderalismus reden, daraus sei ein Söderalismus geworden – noch so ein Kommentar des Spötters Welke. Die Stärke des Bayern rührt auch aus der neu entdeckten Loyalität zu Merkel. „Ohne die Bundeskanzlerin hätten wir ernste Probleme“, stellte er gerade im Spiegel-Interview fest. Sollte er nicht doch Kanzlerkandidat der Union werden wollen, wird es gewiss niemand, der nicht seinen Segen hat.

Land im Nachkrisenmodus

Die Sozialdemokraten müssen derweil wieder einmal erleben, dass ihre Minister viel zum Ansehen der Koalition beitragen – 89 Prozent der Bundesbürger bescheinigten der Regierung im letzten Politbarometer gute Arbeit in der Coronakrise – , dass dies aber allein bei der Union einzahlt. Sie nahm bei der jüngsten Sonntagsfrage um sieben Punkte auf 33 Prozent zu, die SPD fiel um einen Punkt auf 15 Prozent. Ein Grund ist offensichtlich: Die Union hat mit Merkel und Söder gleich zwei in den eigenen Reihen unumstrittene Zugpferde, die SPD-Mitglieder haben ihren stillen Star Olaf Scholz bei der Vorsitzendenwahl im vergangenen Jahr durchfallen lassen. Doch wie man ihn kennt, wird er seine Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur im kommenden Jahr nicht aufgeben. Im Unterschied zu den beiden gewählten, aber weitgehend unbekannt gebliebenen SPD-Vorsitzenden, wird er dann etwas vorzuweisen haben. Bei der Wahl 2021 wird erstmals kein amtierender Kanzler antreten und es wird ein Land in einem wie auch immer gearteten Nachkrisenmodus sein – da ist alles offen.

Kein Wort über Europa

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Diese Fragen dürften die Kanzlerin derweil wenig umtreiben. Auf sie kommt ab Juli wohl noch eine letzte große Herausforderung zu, wenn Deutschland für ein halbes Jahr die Präsidentschaft der Europäischen Union übernimmt. So zerrupft und hilflos wie jetzt hat die Gemeinschaft lange nicht dagestanden. Sollte es Angela Merkel gelingen, diesen Zustand zu überwinden, würde sie ein noch bedeutenderes Vermächtnis hinterlassen. Doch derzeit sieht es eher nicht danach aus.

In ihrer in Deutschland als so zugewandt erlebten Fernsehansprache hat die Krisenkanzlerin kein einziges Wort über Europa und die große Not in unseren Nachbarländern Frankreich und Italien verloren. Und in der anstehenden Debatte um sogenannte Coronabonds, die die neue Schuldenlast der südlichen EU-Länder mindern sollen, zeigt sich Merkels Regierung wenig kompromissbereit. Mit einer deutschen Ratspräsidentin und einer deutschen EU-Präsidentin dürften sich manche Länder ab dem Sommer schwertun, wenn da keine anderen Signale kommen. Angela Merkel wird das wissen und sicher noch manche Telefonate führen.

Ein Anruf bei der Feuerwehr

Dass die auch nicht immer gleich zum Ziel führen, konnte sie jüngst bei einem Anruf auf der Wache der Freiwilligen Feuerwehr in Bergen auf Rügen erleben. Die Kanzlerin hatte gehört, dass sich dort eine komplette Wachmannschaft in gemeinsame Quarantäne begeben hat, um jederzeit einsatzbereit zu sein und nicht womöglich durch einen Coronafall in den eigenen Reihen außer Gefecht gesetzt zu werden. Das könnte auf der Insel im Ernstfall gefährlich werden. Dafür wollte sie sich bedanken, zumal Bergen in ihrem eigenen Wahlkreis liegt.

Als sie sich dann aber bei Wehrführer André Muswieck meldete, hielt der das für einen Streich, berichtete der Nordkurier. Für solche Scherze sei er jetzt nicht zu haben, beschied er die Anruferin und legte auf. Aber Merkel gab nicht auf und ließ eine Mitarbeiterin anrufen, die erfolgreich die Verbindung herstellte. Und so plauderte sie dann doch noch mit den Feuerwehrleuten. Man tauschte Erfahrungen über die Quarantäne aus, die bei den Männern im Feuerwehrhaus auf Rügen freilich unterhaltsamer sein dürfte als bei Merkel. Von ihr weiß man nicht einmal, ob sie eigentlich allein in ihrer Wohnung am Kupfergraben die Stellung hält oder Gesellschaft von ihrem Ehemann Joachim Sauer hat.