Homeoffice im Krieg: Die ständige Angst vor dem kompletten Blackout

Der Krieg trifft die Digitalbranche in der Ukraine empfindlich. Ein IT-Spezialist erzählt, wie es ist, in den Pausen zwischen den Luftalarmen zu arbeiten.

Russland zerstört mit Raketen die ukrainische Infrastruktur. Stromausfälle sind die Folge.
Russland zerstört mit Raketen die ukrainische Infrastruktur. Stromausfälle sind die Folge.IMAGO / NurPhoto

Der IT-Spezialist Dmytro Lobach hat sich mit Taschenlampen und Kerzen eingedeckt. Er müsste ansonsten in Lwiw in der Westukraine im Dunkeln auf seinen Bildschirm starren. Lobach arbeitet für den Berliner Spieleentwickler Softgames. Sobald der Strom fließe, lade er seinen Laptop auf. Dann setze er sich an die Arbeit. Wenn das Licht in seiner Wohnung wieder ausgehe, hoffe er auf die Ausdauer seiner Batterie. „Gott sei Dank habe ich einen leistungsfähigen Rechner gekauft“, sagt er.

Seine Arbeitszeit verteile sich auf den ganzen Tag und auch die Wochenenden. „Mein Pensum an Aufgaben ist ja gleich. Ich muss aber schauen, wann ich Internet und Strom habe, um alles abzuarbeiten“, meint er.

It-Spezialist unterstützt Familie

Er bleibe bei Luftalarm in der Regel mit seiner Frau in der Wohnung. Sie suchten nur nach Explosionen das Erdgeschoss auf. Dann muss er seine Arbeit wieder unterbrechen. „Ich schaffe es dennoch, mich vor dem Rechner zu konzentrieren“, sagt er. Lobach schildert, dass viele Verwandten kein Einkommen mehr hätten. Ihre Betriebe hätten aufgrund des Strommangels ihre Mitarbeiter nach Hause geschickt. „Ich brauche den Job auch, um meiner Familie zu helfen“, meint er.

Lobach freut sich über die Unterstützung durch seinen Berliner Betrieb. „Kollegen aus der ganzen Welt erkundigen sich danach, wie es mir geht. Das sind ganz herzliche Reaktionen“, schildert der Ukrainer.

Die Russen bombardieren Kraftwerke

Lwiw gehört zu den Städten in der Ukraine, in denen am 15. November russische Raketen explodierten. Sie zielten wie bei mehreren Angriffswellen im Oktober auf die Energieerzeugung in der Ukraine. Zehn Millionen Ukrainer haben derzeit keinen Strom. Der IT-Entwickler erinnert sich an die Dunkelheit in den Straßen von Lwiw nach den Einschlägen. „Das einzige Licht kam von den Autos auf den Straßen. Es war gespenstisch“, sagt der 37-Jährige. 

Lobach fürchtet nun einen kompletten Blackout im Land. Die Russen bombardierten Leitungen und Kraftwerke erneut, die von ukrainischen Ingenieuren nach Angriffen intakt gesetzt worden seien. Er hofft nun auf einen Platz in einem Co-Working-Space. Diese verfügten über Generatoren und würden über Elon Musks Satellitennetzwerk Starlink mit Internet versorgt. Viele Co-Working-Spaces seien aber bereits ausgebucht. „Es gibt so viele IT-Fachkräfte in Lwiw“, sagt Lobach.

Die Ukraine, aber auch die Nachbarländer Belarus und Russland hatten sich in den vergangenen Jahren zum Reservepool für die immer stärker auf IT-Spezialisten angewiesene deutsche Wirtschaft entwickelt.

Der IT-Sektor entwickelte sich rasant

Eine Viertelmillion Entwickler gibt es laut dem IT-Branchenverband DOU in der Ukraine. Belarus machte sich einen Namen als Standort für Entwickler von Computerspielen. Belarussen tüftelten unter anderem an dem Kassenerfolg „World of Tanks“.

Deutsche Firmen holten nicht nur Fachkräfte aus den drei Ländern in die Bundesrepublik. Sie praktizierten auch das sogenannte Nearshoring in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Damit ist die Verlagerung bestimmter betrieblicher Aktivitäten wie den IT-Abteilungen ins nahegelegene Ausland gemeint. Die Vorteile lagen auf der Hand. Anders als beim Offshoring in entfernte Länder wie Indien spielt die Zeitverschiebung von einer Stunde nach Kiew oder Minsk für die Zusammenarbeit keine große Rolle.

Firmen verlieren Mitarbeiter

Der Krieg hat der deutschen Wirtschaft den Reservepool an IT-Fachkräften in der Ukraine, Belarus und Russland nun weitgehend genommen. Auch in der Ukraine ist der Anteil von Männern in IT-Berufen höher als der von Frauen.

Männer zwischen 18 und 60 Jahren können aber aufgrund des Kriegsrechts das Land nicht verlassen, um etwa in Berlin einen Job anzunehmen. Die Armee zog außerdem viele IT-Spezialisten ein. Sie verschaffen den ukrainischen Streitkräften digitale Vorteile etwa bei der Abwehr russischer Cyberangriffe.

Unternehmen wollen Mitarbeiter halten

Bitkom, der Verband der deutschen IT- und Telekommunikationsbranche, betont, dass deutsche Unternehmen ihre in der Ukraine beschäftigten Softwareentwickler trotz widriger Umstände unbedingt halten wollten. Doch die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur und die verursachten Ausfälle von Strom und Internet schaffen neue Probleme. „Wir können die Auswirkungen der Stromausfälle noch nicht absehen“, meint Lydia Erdmann, Referentin für Arbeitsrecht bei Bitkom. 

Die gegen Russland und Belarus verhängten Sanktionen machen es deutschen Unternehmen so gut wie unmöglich, Mitarbeitern in den beiden Ländern Löhne anzuweisen. Russische Fachkräfte, die gerne in Deutschland arbeiten würden, stehen vor den verschlossenen Toren der EU. 

Die Visa-Bestimmungen wurden verschärft

Deutschland und andere Staaten hatten sich im September zwar gegen ein generelles Einreiseverbot für russische Staatsbürger in der EU ausgesprochen. Die Visa-Bestimmungen wurden aber verschärft. Russen können auch nicht mit dem Flugzeug in die EU reisen. Auch die Grenzen nach Polen, Finnland und in die baltischen Staaten und damit die Landwege in die EU sind für sie geschlossen.

Über genaue Zahlen wie viele Mitarbeiter aus den drei in den Krieg involvierten Ländern als IT-Kräfte für deutsche Unternehmen vor dem Beginn des Krieges arbeiteten, verfügt der Bitcom nicht. Der Verband setzt sich aber umgekehrt dafür ein, nun für IT-Spezialisten aus Russland und Belarus eine erleichterte Einreise zu ermöglichen. 59.000 der 137.000 offenen IT-Stellen in Deutschland könnten mit Fachkräften aus den mit Sanktionen belegten Ländern besetzt werden, erklärt der Verband. 

Der Fachkräftemangel nimmt zu

Bitkom veröffentlichte Mitte November eine Studie zum IT-Fachkräftemangel. Der Verband befragte 854 Unternehmen aus allen Branchen. Trotz Krieg und Katerstimmung in der Wirtschaft fehlten mit 137.000 offenen Stellen mehr IT-Spezialisten als im Vorpandemiejahr 2019. Damals waren 124.000 Stellen unbesetzt.

Besserung ist der Studie zufolge nicht in Sicht. Denn auch die Zahl der Studienanfänger im Fach Informatik ist 2022 mit circa 72.000 niedriger als in den Vorjahren. 

Der Bedarf ist groß

Bitkom-Präsident Achim Berg erklärt die Personalflaute in Deutschland mit dem demografischen Wandel. Immer weniger IT-Spezialisten stünden einem wachsenden Bedarf an Digitalisierung in der deutschen Wirtschaft gegenüber. „Wir erleben auf dem IT-Arbeitsmarkt einen strukturellen Fachkräftemangel. Der Mangel an IT-Fachkräften macht den Unternehmen zunehmend zu schaffen und wird sich in den kommenden Jahren dramatisch verschärfen“, warnt Berg.

Der Branchenverband geht davon aus, dass nur qualifizierte Einwanderung den Mangel an IT-Fachkräften überwinden kann. Sie unterstützt das von der Bundesregierung geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Es soll Verfahren zum Erhalt eines Aufenthaltstitels in Deutschland beschleunigen.

Verband plädiert für erleichterte Einreise

Kurzfristig sollten laut Bitkom die Hindernisse für die Einreise von IT-Spezialisten aus Belarus und Russland gesenkt werden. Der Forderung schließt sich auch der Geschäftsführer von Softgames und Chef von Dmytro Lobach, Alexander Krug, an. Sein Unternehmen sei auf hoch qualifizierte und motivierte IT-Fachkräfte unter anderem aus der Ukraine angewiesen, um den Bedarf an Personal zu decken. „Wir würden es begrüßen, wenn die Visa-Freiheit für ukrainische Staatsbürger auch nach dem Krieg beibehalten wird und im besten Fall auf weitere osteuropäische Länder, auch Russland und Belarus, ausgeweitet wird“, meint Krug.

Lukas Breitenbach, Sprecher der landeseigenen Wirtschaftsförderagentur Berlin Partner, verweist auf umfassende Sicherheitsprüfungen, die eine Einreise von Fachkräften aus Russland und Belarus erschwerten. Die Sorge vor Spionage in den digitalen Herzkammern deutscher Unternehmen sei groß, erklärt Breitenbach. 

Russen suchen lieber Jobs in der Türkei

„Viele Spezialisten aus Russland gehen inzwischen lieber in die Türkei“, sagt er. Ankara hat bisher keine Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger beschlossen. Deutsche Firmen suchten sich neues Personal dagegen in Indien, Südamerika oder Afrika. Doch bislang gilt der Weg zum Aufenthaltstitel für neue Mitarbeiter aus diesen Regionen als aufwendig. „Das macht die Sache vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels für die Betriebe nicht einfacher“, sagt er.