Paris - So gesittet sind die Franzosen selten auf die Barrikaden gegangen. Seit einer Stunde wogt das Menschenmeer nun schon über den Pariser Boulevard Lannes, und ein Ende des Demonstrationszuges ist nicht absehbar. Noch immer dringt kein böses Wort ans Ohr. Niemand ist ausfällig, kaum jemand auch nur laut geworden. Die Transparente leuchten zartblau und rosarot. Sie tragen Aufschriften, wie sie in Kindergärten zu finden sind. „Wir sind alle Kinder einer Mama und eines Papas“, steht da zu lesen oder auch: „Ein Kind braucht Mama und Papa.“ Die Botschaft kommt nicht wuchtig daher, sondern diskret, auf Plakaten im A-4-Briefbogenformat zumeist. Auch in Gesangsform ist sie zu vernehmen. Bernard trägt sie vor und entlockt seiner Violine dazu fröhliche Klänge.

Und doch muss Frankreichs Staatschef François Hollande diese Kundgebung fürchten. Das „Mama, Papa, Kind“, zu dem sich Hunderttausende von Franzosen aus allen Teilen des Landes an diesem Sonntagnachmittag in Paris bekennen, richtet sich gegen seine Pläne, wonach künftig auch zwei Papas ein Kind adoptieren und großziehen dürfen oder auch zwei Mamas. Und so leise die Botschaft an diesem Winternachmittag auch erklingt, ist sie doch unmissverständlich: Weite Teile des Volkes sind dagegen, gleichgeschlechtlichen Paaren ein Recht auf Heirat und Adoption zuzugestehen.

Kaum jemand hatte mit derart massiver Gegenwehr gerechnet. Im liberalen Frankreich schien das Vorhaben, Schwulen und Lesben neben der eingetragenen Lebenspartnerschaft auch Ehe und Adoption zuzugestehen, ein Selbstläufer zu sein. Das traditionelle Familienbild ist überholt. Die Zahl alleinerziehender Mütter und Väter wächst, die der Patchwork-Familien ebenfalls. Selbst so katholisch geprägte Länder wie Spanien und Portugal haben die Homo-Ehe eingeführt. Warum also nicht Frankreich ?

Der Widerstand gegen die Pläne der Regierung wächst

Doch wo noch im Sommer allein katholische Geistliche Widerstand leisteten, protestierten bald auch Vertreter evangelischer, jüdischer und muslimischer Gemeinden, Politiker der rechtsbürgerlichen UMP, Bürgermeister unterschiedlicher politischer Couleur und Eltern, die sich für unpolitisch halten. Marie (37) und Bertrand (40) zählen zu ihnen. Noch nie in ihrem Leben hätten sie für oder gegen etwas demonstriert, versichern die beiden. Für die erste Protestkundgebung ihres Lebens haben sie dicke Daunenjacken angelegt, Schals um den Hals gewickelt, Wollsohlen in die Schuhe gesteckt. Plakate haben sie nicht mitgebracht. „Wir wollen nicht auffallen“, sagt Bertrand, der wie seine Frau in einer Pariser Anwaltskanzlei arbeitet. „Aber den Angriff der Sozialisten auf die Familie tatenlos hinnehmen, das wollen wir auch nicht.“ Der hinter dem Paar demonstrierende Vater mit dem dösenden Kind auf den Schultern will nicht einmal seinen Vornamen verraten. „Ich bin Beamter, ich bekomme sonst womöglich Ärger“, sagt er nur.

Das breite Bündnis ist nicht zuletzt das Werk der unorthodoxen Katholikin Virginie Merle. Verheiratet und Mutter zweier Söhne, nennt sie sich selbstironisch Frigide Barjot: frigide und durchgeknallt. Die Kabarettistin mit zerzaustem Haar und einer Vorliebe für Kleidung in pink hat sich an die Spitze der Widerstandsbewegung gesetzt und ihr Zulauf aus Kreisen verschafft, die der Kirche skeptisch gegenüberstehen. Sie war es auch, die auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner auf „Mama, Papa, Kind“ verfiel. „Es gibt nichts Besseres für ein Kind als eine Mama und einen Papa“, versichert die 50-Jährige.

Wer immer sich mit dem Leitspruch identifizieren kann, ist ihr willkommen. Trennendes klammert sie aus. Politische Slogans, Bekenntnisse zu Parteien oder gar Verächtliches über Schwule und Lesben sind auf der „Demo für alle“ tabu.
Aus dem Elysée-Palast verlautete, dass der Staatschef sich von der Straße nicht das Handeln diktieren lasse. „Reines Wunschdenken“ sei das, sagt der Sänger Bernard und verweist auf Meinungsumfragen, wonach der Widerstand gegen die Pläne der Regierung kontinuierlich wächst. Laut einer am Freitag veröffentlichten Erhebung des Instituts Opinion Way sind 43 Prozent der Franzosen gegen die Homo-Ehe. 55 Prozent lehnen ein Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare ab. Im Mai waren es noch 39 beziehungsweise 43 Prozent.