Bekannt wird er als Westernheld, groß, breitschultrig, ein Bild von einem Mann. Als die Homosexualität von Hollywood-Star Rock Hudson öffentlich zu werden droht, schickt ihm sein Agent Henry Willson seine Sekretärin vorbei. Hudson heiratet Phyllis Gates, die Gerüchte verstummen, der Schwarm ist für die Frauen gerettet.

Das war 1955. Lavender marriage, Lavendelehe, nennt man bis heute eine solche in Hollywood durchaus übliche Scheinehe. Zwar hat sich vieles getan in Sachen homosexueller Emanzipation. Doch lesbische und schwule Schauspieler sind weiterhin vorsichtig und halten ihr Privatleben unter Verschluss.

2014 ergab eine Umfrage unter 5?700 Mitgliedern der US-amerikanischen Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA, dass 33 Prozent der befragten bisexuellen oder schwulen Schauspieler bereits Diskriminierung erfahren hatten bei ihrer Arbeit, bei den bisexuellen oder lesbischen Frauen lag der Anteil bei 19 Prozent. Insgesamt 53 Prozent zeigten sich überzeugt, dass Regisseure und Produzenten ihnen gegenüber negativ eingestellt seien. Und während noch 53 Prozent von ihnen bereit waren, ihren Kollegen gegenüber offen über ihre Homosexualität zu sprechen, so waren es nur 36 Prozent, die die gleiche Bereitschaft gegenüber Produzenten bekundeten.

Die Angst vor einem Karriereknick nach einem Coming-Out

In Deutschland sieht die Situation nicht besser aus. Die Zahl der renommierten Schauspieler, die als Lesben oder Schwule nicht die Öffentlichkeit scheuen, ist erstaunlich gering. Clemens Schick gehört dazu, Maren Kroymann, Matthias Freihof, Ulrike Folkerts, Georg Uecker oder Gustav Peter Wöhler. Gemeinsam mit dem schwulen Hochglanzmagazin Männer starteten einige von ihnen die Kampagne „Wir spielen alles – außer Verstecken!“ Darin fordern sie Kolleginnen und Kollegen auf, „offen zu ihrer Sexualität zu stehen“, und wenden sich gleichzeitig an Casting-Agenten, Produzenten, Regisseure und TV-Redakteure, „Schauspieler nicht auf ihre Sexualität zu reduzieren“. Die Angst vor einem Karriereknick nach einem Coming-Out sei unberechtigt, heißt es weiter, und dass sich das Publikum von einem abwende sobald es von der Homosexualität seiner Idole erfahre, sei nicht ausgemacht.

Die Aktion, im September begonnen, ist bislang ohne jegliche Resonanz geblieben. Weder bei dem Magazin noch bei den Erstunterzeichnern meldete sich jemand für ein offenes Wort. Auch Agenturen und Produzenten winkten ab, kein Gesprächsbedarf. Unterm Strich großes Schweigen auch auf Nachfrage der Berliner Zeitung. Regisseure und Produzenten, Schauspieler und Casting-Agenturen sehen keine Notwendigkeit, darüber zu reden, und öffentlich gleich gar nicht. Es zähle nur, argumentieren die meisten, die Qualität der Arbeit, die sexuelle Orientierung spiele keine Rolle. „Aber zitieren Sie mich nicht namentlich!“ Diese Ansage ist die einzig sichere bei allen Statements.

Bei der Recherche wird immer wieder ein erfolgreicher Schauspieler namentlich genannt. Der sei doch schwul, heißt es, das wisse jeder in der Branche. Und trotzdem würde ihm niemand empfehlen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Damit wäre ja wohl seine Karriere zu Ende. Was für eine Heuchelei! Einerseits zählt nur die schauspielerische Qualität, und dann scheint es doch große Bedenken zu geben, ein lukratives Image zu korrigieren. Auf diesen Widerspruch hingewiesen, folgte unisono die gleiche Antwort: Das sei schließlich die Privatangelegenheit. Das also ist das letzte Abwehrargument in einem Metier, das davon lebt, neben der Arbeit auch das Privatleben seiner Stars und Sternchen konsequent zu vermarkten.

Ein Thema, das immer wieder auf die Agenda gehört

Wer bislang den Profi-Fußball für die größte Baustelle eines Homosexuellen-Tabus hielt, hat sich noch nicht in der bundesdeutschen Film- und Fernsehindustrie umgehört.

Die Sängerin und Schauspielerin Maren Kroymann, seit über 30 Jahren im Geschäft und nach einem Stern-Interview 1993 als Lesbe bekannt, ist nicht überrascht, dass bislang niemand auf die Aktion des Schwulenmagazins reagiert hat. „Die Angst ist weiterhin groß.“ Natürlich sei die Situation anders als noch vor 20 Jahren, ein Fortschritt sei zu erkennen. „Keiner will mehr zeigen, dass er Vorurteile hat, die Fassade der Verantwortlichen ist politisch korrekt. Dahinter sieht es unter Umständen dann doch ganz anders aus.“ Eine Einschränkung macht die Schauspielerin: „Junge Regisseure und junge Kollegen haben deutlich weniger Probleme damit.“

Ihr Coming-Out 1993 habe ihr Leben radikal verändert, sagt die 66-Jährige mit dem Image einer ladyliken Aktivistin: „Und vielleicht macht auch das den jungen Kolleginnen und Kollegen Angst, dass sie mit ihrem Coming Out in die Rolle eines Aktivisten geraten, die sie gar nicht erfüllen wollen.“ Sie selbst fühlt sich pudelwohl in der lesbisch-schwulen Gemeinde, viele Preise, zuletzt der Maneo-Award für ihr „herausragendes Engagement“, beweisen ihre hohe Beliebtheit unter den Homosexuellen hierzulande.

Auch Kriss Rudolph, Chefredakteur des „Männer“-Magazins, ist nicht wirklich erstaunt über die mangelnde Resonanz auf den Aufruf seiner Zeitschrift: „Man muss das Thema aber immer wieder auf die Agenda setzen, damit es bei den Betroffenen weiter im Hinterkopf arbeiten kann.“