WARSCHAU - Irgendwann fasste sich Adam Kieloch ein Herz und lief mit einem Bekannten händchenhaltend die ganze Krakowskie Przedmiescie hinab. Sie wollten sehen, was passiert, hier auf der Flaniermeile direkt im Zentrum von Warschau. Gar nichts passierte: „Niemand drehte sich um“, erzählt er und lacht laut auf. Sicher, nicht allen habe der Anblick gefallen, aber es sei auch kein böses Wort gefallen. Warschau, „das ist Freiheit“, sagt der 24-Jährige. Und langsam gewöhnt er sich daran, frei zu sein.
Adam ist in Fletnowo aufgewachsen, einem 150-Seelen-Dorf bei Grudziadz. Homosexuelle gab es dort nicht, konnte es gar keine geben. Denn in Fletnowo lebten nur gute Menschen, wie die Nachbarn und der katholische Pfarrer wussten. Und ein Schwuler konnte kein guter Mensch sein, in Fletno-wo nicht und auch nicht in Grudziadz. In ganz Torun, der nächstgelegenen Großstadt, gebe es einen einzigen Club, in dem Gays sich treffen könnten, in einem Keller, mit Kontrollen am Eingang, berichtet Adam. Die polnische Provinz ist kein guter Ort zum Leben, wenn man anders liebt als die meisten.

Lieber verrückt als Homo

Umfragen hätten ergeben, dass vier von fünf Homosexuellen in der Provinz sich nicht öffentlich zu bekennen wagten, sagt Tomasz Baczkowski von der „Aktion gegen Homophobie“ in Warschau. Die Situation sei seit Jahrzehnten unverändert. „Abseits der Großstädte, dort, wo der konservative Katholizismus noch überwiegt, werden Schwule als Sünder betrachtet“, beschreibt Baczkowski die Lage. Wer in der Provinz ein Coming-Out wage, stoße meist auf totale Ablehnung, sogar in der eigenen Familie: „Es kommt einem gesellschaftlichen Tod gleich.“

So gesehen, kann Adam sich noch glücklich schätzen. Er war 17, als ihn seine Mutter beim Kuscheln mit einem Freund erwischte. Sie warf ihn nicht aus dem Haus, sondern drängte ihn nur, einen Psychologen aufzusuchen. Zwar gingen nur „Psychiczni“, geistig Kranke, zu einem Psychologen, wie man im Dorf sagte, doch: Lieber verrückt als Homo. „Der Arzt wird dir schon helfen, das kann man ja heilen“, sagte die Mutter. Adam lehnte ab.

In der Nachbarschaft begannen Gerüchte zu kreisen. Im Dorfladen wurde die Verkäuferin frech. Auf dem Dorffest wurde getratscht, über Adam, aber auch über einige andere. Nicht einmal unbegründet, doch das fand er erst später heraus. Denn die, um die es ging, fanden nie den Mut, miteinander zu sprechen, so groß war die Angst. Adam wartete, bis er 19 wurde, dann verließ er sein Dorf und zog in die Hauptstadt. „Ich wollte studieren“, sagt er. „Und mich nicht das ganze Leben lang verstecken.“

Dass das Leben in Warschau für ihn einfacher sein würde, darauf hatte er gehofft. Dass der Unterschied so groß sein würde, darauf war er nicht vorbereitet. Nachdem er sich zum ersten Mal einen Internet-Anschluss besorgt hatte, entdeckte er Chaträume für Homosexuelle, er schloss Bekanntschaften, verliebte sich zum ersten Mal. Auch in der Ausbildung – Adam studiert Tourismus – lernte er einige Schwule kennen. Sie trafen sich zufällig in einem Club, nicht alle waren homosexuell, denn in Warschau – und das war für Adam vielleicht die größte Überraschung – sind „gay-friendly“ Clubs auch unter Heteros richtig angesagt. „Eine ganz andere Welt tat sich für mich auf.“