Berlin - Die Rücktrittsforderung kommt handschriftlich, auf neun Zeilen. Krakelig steht der Appell auf einem Stück Papier mit dem Logo der Jungen Union. Für einen Erfolg bei der bayerischen Landtagswahl im kommenden Herbst „braucht es einen glaubwürdigen personellen Neuanfang“. Und weil das noch nicht so konkret ist, ein weiterer Satz: „Bei allen Verdiensten, die sich Horst Seehofer zweifellos in vielen Jahrzehnten für die CSU erworben hat, muss er jetzt den Weg bahnen für einen gesonderten Übergang an der Spitze der Staatsregierung.“

So eilig, so aufgeregt war der Antragsteller offenkundig, dass aus einem „geordneten Übergang“ ein „gesonderten Übergang“ ist. Besonders ist der Vorgang auf jeden Fall. Es ist ja nicht die SPD, die diese Forderung erhebt. Der Zettel steht zur Debatte auf dem Jahrestreffen der CSU-Jugendorganisation, der Jungen Union Bayern, die sich drei Tage lang in Erlangen versammelt. Die JU macht sich die neun Zeilen zueigen - nicht einstimtig, aber mehrheitlich. Zehn Jahre nach dem Sturz von Edmund Stoiber wird also in Erlangen der schon schwelende Aufstand gegen den CSU-Chef und Ministerpräsidenten Horst Seehofer erstmals schriftlich niedergelegt in einem offiziellen Parteidokument.

Söder vom Mut des Parteinachwuchses begeistert

Am Abend nach der Abstimmung schlägt Markus Söder beim Parteinachwuchs auf und sagt: „Toll gemacht.“ Er habe großen Respekt davor, „was ihr für Verantwortung zeigt, welchen Mut ihr habt, was ihr euch traut“. Zufällig zielen die Verantwortung und der Mut, die Söder lobt, darauf ab, ihn selbst in Seehofers Ämter zu hieven. Der derzeitige bayerische Finanzminister hat den Ministerpräsidentenposten schon seit langem als klares Karriereziel formuliert. 

Seehofer hat seinen eigenen Abschied herausgezögert, um Söder zu verhindern, der ihm zu egoistisch ist. Er hat im Frühjahr sogar seine Ankündigung wieder zurückgenommen, nicht erneut als Spitzenkandidat für die Landtagswahl zur Verfügung zu stehen. Darum geht es jetzt: die Spitzenkandidatur. Auf dem CSU-Parteitag in sechs Wochen soll darüber entschieden werden. Seehofer hat sich alles offen gehalten. Bei der Bundestagswahl ist die CSU auf ein historisch schlechtes Ergebnis von 38.8 Prozent abgesackt, die jüngste Umfrage des Insa-Instituts für die Bild-Zeitung sieht die Partei nur noch bei 37 Prozent. Das erhöht den Druck.

Weber präsentiert sich als Alternative

Und in dieser Konstellation verzichtet Seehofer auf einen Auftritt bei der JU und man kann den Eindruck haben, dass es dadurch nicht besser wird. Der Parteichef entziehe sich der Debatte, kritisieren die Nachwuchspolitiker. Seehofer verweist darauf, dass er in Berlin in den Sondierungsverhandlungen zu Jamaika stecke. Manfred Weber springt ein, Vize-CSU-Chef und Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament. Und er ist nicht nur ein Platzhalter, seine Rede ist eine Bewerbung: Weber präsentiert sich als Alternativkandidat zu Söder. Der gilt als   zwar durchsetzungsstarker, aber eben auch brutaler Rabauke. Weber gibt den ruhigen, überlegten Analytiker. Die Abgrenzung zur AfD, der Umgang mit Ausländern ist sein Hauptthema. Und er warnt: „Die CSU darf nicht die Partei der einfachen Antworten sein.“

Es gebe schließlich in Deutschland Pfarrer aus dem Kongo, Pfleger aus Polen und Handwerker aus Bosnien, die alle dringend gebraucht würden. Und es sei auch falsch, Terroranschläge mit der Flüchtlingszuwanderung in Verbindung zu bringen. „Es ist kein Krieg zwischen Islam und Christentum, sondern zwischen Humanität und Schwerverbrechern.“ Und an die JU appelliert er, sich nicht nur bürgerlich zu nennen, sondern damit verbundene Tugenden wie  Respekt und Anstand auch in der Nachfolgedebatte zu wahren. Die Form der Auseinandersetzung sei wichtig. „NIcht das Ich ist entscheidend. Das Wir ist entscheidend“, sagt Weber. Lächelnd schiebt er hinterher: „Ich wusste, dass es da ein bissl weniger Applaus gibt.“ 

Söder fordert einen Ruck

Ein bissl mehr Applaus gibt es für Söder, der am Sonntag seine Rede hält. Er durchpflügt alle Themen vom „Mobilfunk für jeden Winkel“ bis zu den Finanzen, er erzählt vom Tod seines Vaters und erwähnt den „Verein der Königstreuen“, der Bayern so wohltuend von Berlin mit seinen übriggebliebenen RAF-Sympathisanten unterscheide. Ernsthaftigkeit, Herz, und Ideolgie, alles dabei, also. Und dann kommt Söder zu dem, was er als „das große Thema“ bezeichnet.

Er macht eine Kunstpause. Und dann sagt er, es gehe nicht um persönliche Ambitionen, sondern um die CSU. Dass es auf die Mannschaftsleistung ankomme, betont er und verischert: „Für jede vernünftige Lösung reiche ich die Hand.“ Die Definition der vernünftigen Lösung liefert er nicht, dafür aber seinen möglichen Wahlkampfspruch: „Es muss ein Ruck durch die CSU und ganz Bayern gehen.“ Wen Söder sich als Ruckler vorstellt, dürfte klar sein.