Berlin - Als Schüler hat Wolfgang-Hubertus Heil mit großem Interesse im Deutschunterricht Gerhart Hauptmanns Theaterstück „Die Weber“ gelesen. Das Thema: die Ausbeutung und unmenschliche Arbeitsbedingungen in Folge eines Epochenbruchs, in Folge der Industrialisierung.

Heute ist Heil 45 Jahre alt und Bundesarbeitsminister. Der SPD-Politiker trägt damit eine besondere Verantwortung dafür, dass ein erneuter Epochenbruch für die Arbeitnehmer im Land möglichst erträglich verläuft: die Digitalisierung.

Schneller Fortschritt ist ein Muss

Mit Vertretern von Geschäftsführung und Betriebsrat sitzt Heil auf seiner Sommerreise als Minister beim Ingenieursdienstleister IAV in seinem Wahlkreis im niedersächsischen Gifhorn zusammen. Das Unternehmen arbeitet für Kunden in der Autoindustrie, vor allem für VW, dem der Dienstleister zu fünfzig Prozent gehört. Die 7000 Angestellten von IAV sind hochqualifiziert. Doch das, was ihr Unternehmen anbieten muss, wandelt sich gerade in einem schnellen Tempo. Neue Antriebsformen, autonomes Fahren, Apps für das Auto wie für das Handy – es tut sich viel, die Branche steht vor Umwälzungen.

Mark Bäcker ist Betriebsrat in dem Unternehmen. Bäcker, selbst ein Ingenieur, malt ein Koordinatensystem mit einem Graphen an ein Wandplakat – weil man in seinem Beruf Sachverhalte so nun einmal darstelle. Durch den Graphen zieht er in der Mitte eine gerade, senkrechte Linie. Es ist ein dicker Strich, einer, der trennt. 

Diese mathematische Darstellung zeigt aus Bäckers Sicht, wie die Unternehmensleitung die Sache sieht. Auf der rechten Seite der Linie sei der Teil der derzeitigen Mitarbeiterschaft, der für das Unternehmen besonders wertvoll sei. Auf der linken Seite sei dagegen der Teil, deren derzeitige Tätigkeit künftig nicht mehr gebraucht werde.

„Ein ganz stark emotionales Problem“

„Die Konstrukteure waren früher im Unternehmen vom Ansehen her die absoluten Topleute“, sagt Bäcker. Heute gälten sie als Problemfälle. Die angestrebte Lösung: Die Menschen sollen nach den Bedürfnissen des Unternehmens neu qualifiziert werden. Nämlich so, dass einige von ihnen künftig als Softwareentwickler arbeiten können. Andere sollen sich stärker auf Projektmanagement konzentrieren.

Über viele Jahre zu den gefragtesten Menschen im Unternehmen zu gehören und jetzt zu denen gezählt zu werden, die Nachholbedarf haben – das sei für viele auch „ein ganz stark emotionales Problem“, sagt Bäcker. Der Arbeitgeber müsse sich Zeit nehmen, mit den Mitarbeitern zu reden, um für jeden eine passende Lösung zu finden. Das Unternehmen wiederum, vertreten durch Arbeitsdirektor Kai-Stefan Linnenkohl, weist darauf hin, dass die Veränderung das Unternehmen ziemlich viel kosten werde.

Rund 90.000 Euro Kosten pro weitergebildetem Konstrukteur fielen an, sagt er – zusammengesetzt aus Kosten für Kurse, aber vor allem auch für den Wegfall der Arbeitskraft während der Fortbildung. Das Unternehmen sei aber entschlossen, mit der bisherigen Belegschaft weiter zu machen – man wolle nicht einfach den einen kündigen und dafür dann andere anstellen.

Unternehmen können Kosten nicht alleine tragen

IAV macht – wenn der Arbeitsminister schon einmal zu Besuch ist – kein Hehl daraus, was es sich von der Politik am meisten wünscht: eine Kostenbeteiligung an teuren Qualifizierungen. „Die Herausforderungen der Transformation kann der Mittelstand ohne politische Unterstützung schwer bis nicht bewältigen“, heißt es in einer Präsentation, die Linnenkohl dem Minister vorführt.

Und wie reagiert Heil? Er sagt, „dass auch wir unser Geschäftsmodell als Bundesarbeitsministerium weiterentwickeln müssen“. Er verweist zwar auf die eigene Verantwortung der Unternehmen. Klar ist aber: Der Minister möchte tatsächlich, dass die Politik die Frage von Weiterbildung und Qualifizierung für das digitale Zeitalter stärker anpackt.

Der SPD-Politiker steht dabei vor vielen Fragen: Was kann die Bundesagentur für Arbeit für qualifizierte Menschen tun, die plötzlich aufgrund des digitalen Wandels ihren Job verlieren? Und: Wie kann Unternehmen geholfen werden, Menschen rechtzeitig zu qualifizieren – bevor es zu Arbeitslosigkeit kommt? Lässt sich eine Kooperation von Firmen organisieren? Das wäre hilfreich, wenn ein Unternehmen Arbeitnehmer hat, die es in einigen Jahren absehbar auch mit einer neuen Qualifikation nicht mehr braucht. Denn vielleicht wären diese Menschen mit einer Weiterbildung für andere Unternehmen interessant.

Heil der Weiterbildungsminister

Hubertus Heil wollte eigentlich Bildungsminister werden. Dann hatte er stattdessen plötzlich die Chance, das Ressort für Arbeit und Soziales zu übernehmen. Er wäre jetzt gern der Weiterbildungsminister: also der Mann, der hilft, die notwendige Qualifizierung für die Digitalisierung anzuschieben.

Der Bundesarbeitsminister sagt, bislang gelte beim Thema Weiterbildung in Deutschland oft das NATO-Prinzip: No action, talk only, viel Gerede und nichts dahinter. Sein Problem: Auch beim besten eigenen Willen wird es für ihn gar nicht so leicht sein, daran etwas zu ändern. Der Koalitionsvertrag mit der Union enthält kaum scharfe Waffen, mit denen der Sozialdemokrat in diese Schlacht ziehen könnte. Dort steht lediglich etwas von einem Recht auf Weiterbildungsberatung, eine Nationale Weiterbildungsstrategie soll erst mal entwickelt werden. Die Union würde den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung so stark wie möglich senken – was den finanziellen Spielraum für Weiterbildung wohl kaum erhöhen würde.

Betriebsrat nennt Plan „ein Märchen“

Bei einem Besuch im Container Terminal Altenwerder des Hamburger Hafens kann Heil Betriebsabläufe beobachten, in denen die Automatisierung schon viel verändert hat. Der Betriebsrat Thomas Mendrzik sagt, Rationalisierungen habe es schon immer gegeben, aber sie seien durch die Digitalisierung „einen Zahn schärfer geworden“. Mendrzik, er für die Arbeitnehmerseite auch im Aufsichtsrat der Hamburger Hafen und Logistik AG sitzt, nennt es „ein Märchen“, dass man nur alle qualifizieren müsse und dann bekämen sie neue Jobs. Hier in Altenwerder hätten sie deshalb die verbleibende Arbeit auf möglichst viele verteilt.

Fevzi Karatay kommt ursprünglich aus der Türkei und arbeitet seit 38 Jahren im Hamburger Hafen. „An jeder Maschine, die hier modernisiert worden ist, habe ich früher oder später, selbst gesessen“, sagt er. Es gehe darum, für die Kunden so gut wie möglich zu sein.

Heil sagt: „Unserer Gesellschaft geht die Arbeit nicht aus.“ Bei der IAV und im Container Terminal lobt er, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften dort gemeinsam um Strategien ringen würden. „Ich weiß nicht, wie ich in Deutschland die Zukunft der Arbeit gestalten soll, wenn ich zu wenig Tarifbindung habe“, sagt der Minister. Heil weist selbst darauf hin, dass mittlerweile weniger als die Hälfte der Arbeitnehmer unter einen Tarifvertrag fällt.

Als Bundesarbeitsminister liest Heil „Die Weber“ heute anders als im Deutschunterricht in der Schule. Den Zorn über die ungerechten Verhältnisse hält er noch immer für berechtigt. Er ist sich aber auch sicher: Der bloße Protest oder gar Maschinenstürmerei – das bringt nichts. Die einzige Chance liege darin, den Wandel zu gestalten.