Der Demonstrationszug zog vom Victoria Park in Richtung des Geschäftsviertels. 
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HongkongSechs Monate nach Beginn der Proteste gegen die Regierung und für mehr Demokratie hat am Sonntag in Hongkong die größte Demonstration seit Wochen begonnen. Hunderttausende Menschen sind laut der Nachrichtenagentur Agence France Presse auf die Straße gegangen. Zuvor berichtet die Deutsche-Presse-Agentur, dass Zehntausende am Nachmittag (Ortszeit) im Victoria Park im Zentrum der Stadt zu einem Protestmarsch aufgebrochen sind.

Die zumeist schwarz gekleideten Demonstranten riefen den bekannten Protest-Slogan „Freiheit für Hongkong“ und hielten Schilder mit ihren Forderungen. Andere schwenkten Flaggen der USA, Taiwans und Großbritanniens. Es sei die „letzte Chance“ für die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam, auf die Forderungen der Protestbewegung einzugehen, sagte der Aktivist Jimmy Sham von der Civil Human Rights Front (CHRF).

Egal, wie wir unsere Sichtweise zum Ausdruck bringen, die Regierung hört nicht zu

Demonstrant Wong

CHRF hatte im Vorfeld zu einem friedlichen Protest aufgerufen. Auseinandersetzungen von Demonstranten mit der Polizei, die den Marsch anders als oft in den vergangenen Monaten nicht untersagte, sollten demnach vermieden werden.

Wollen sich nicht den Mund verbieten lassen. Demonstranten in Hongkong (08.12.2019).
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Der Demonstrationszug zog vom Victoria Park in Richtung des Geschäftsviertels. Bei Einbruch der Dunkelheit schalteten zahlreiche Demonstranten die Taschenlampen-Funktion ihrer Smartphones ein, sodass sich das Bild eines kilometerlangen Lichterteppichs ergab. Viele Protest-Teilnehmer äußerten sich verärgert darüber, dass Regierungschefin Lam auch nach dem überwältigenden Sieg der Demokratiebewegung bei den Kommunalwahlen Ende November keine Zugeständnisse an die Demonstranten machte. „Egal, wie wir unsere Sichtweise zum Ausdruck bringen, durch friedliches Demonstrieren, durch zivilisierte Wahlen - die Regierung hört nicht zu“, sagte ein 50-jähriger Demonstrant namens Wong. „Sie folgt nur den Anordnungen der chinesischen Kommunistischen Partei“, fügte er hinzu.

Polizei-Razzia vor Großdemo in Hongkong

Kurz vor Beginn des Marsches berichteten Hongkonger Medien von einer Polizei-Razzia, bei der am Morgen Waffen radikaler Demonstranten sichergestellt worden seien, darunter auch eine Pistole. Demnach gab die Polizei an, dass die Waffen genutzt werden sollten, um bei dem Protestmarsch Chaos auszulösen.

Die Demonstrationen in Hongkong waren vor einem halben Jahr ursprünglich aus Ärger über ein von Lam geplantes Gesetz für Auslieferungen an China entbrannt. Danach entwickelte sich der Protest zu einer breiteren Bewegung gegen die Hongkonger Regierung und den zunehmenden Einfluss Pekings. Zwar kündigte Lam an, das Auslieferungsgesetz zurückzunehmen und erfüllte damit eine der Forderungen der Demonstranten. Die Protestbewegung will aber zudem erreichen, dass Hongkongs Regierungschefin künftig in wirklich demokratischen Wahlen gewählt und nicht wie bisher maßgeblich von Peking bestimmt wird. Zudem wollen die Demonstranten, dass die von ihnen angeprangerte Polizeigewalt bei der Protesten untersucht wird.

Seit der Rückgabe 1997 an China wird die frühere britische Kronkolonie nach dem Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ unter chinesischer Souveränität autonom regiert. Die sieben Millionen Hongkonger genießen - anders als die Menschen in der Volksrepublik - viele Rechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Die Hongkonger fürchten aber zunehmend um ihre Freiheiten.

„Free hong kong - revolution now" (zu deutsch: „Befreit Hongkong - Revolution jetzt") steht auf einer Fahne der protestierenden Hongkonger.
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