Berlin - Das Berliner Projekt einer liberalen Moschee der Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hat nicht nur in den westlichen Medien ein überraschend starkes Echo gefunden, sondern mit kleiner Verzögerung nun auch in der muslimischen Welt.

Am Mittwoch kritisierten die obersten religiösen Autoritäten der Türkei und Ägyptens das Vorhaben in scharfer Form als „unislamisch“. In der Türkei wird die Moschee zudem als Projekt der verbotenen Gülen-Bewegung bezeichnet. Seyran Ates wies die Kritik als absurd zurück und forderte die Religionsbehörden auf, sich statt mit haltlosen Unterstellungen inhaltlich und theologisch mit ihrem Konzept auseinanderzusetzen.

Imamin trägt kein Kopftuch

Die türkische Religionsbehörde Diyanet in Ankara schrieb in einer schriftlichen Erklärung, die Berliner Neugründung verletze „die Grundsätze unseres heiligen Glaubens“. Ohne diese konkret zu benennen, bezieht sich Diyanet auf Medienberichte über die Eröffnung der neuen Ibn Rushd-Goethe-Moschee am 16. Juni im Berlin-Moabit. Die Behörde unterstellt, dass das Moscheeprojekt die Religion „untergraben und zerstören“ solle.

In dem neuen Gotteshaus beten Frauen und Männer nebeneinander, während sie in traditionellen Moscheen getrennt sitzen. Das erste Freitagsgebet leiteten ein Mann und eine Frau gemeinsam, wobei die Imamin kein Kopftuch trug. Vermutlich sind es diese Merkmale, die die türkische Religionsbehörde als „unislamisch“ empfindet.

Gleichzeitig bringt Diyanet die Neugründung aber auch mit den mutmaßlichen Urhebern des gescheiterten Militärputsches vom Juli 2016 in Verbindung. „Es ist klar, dass dies ein Projekt des Religionsumbaus ist, das seit vielen Jahren unter der Leitung von Fetö und ähnlichen unheilvollen Organisationen durchgeführt wird“, teilt Diyanet mit. Fetö ist die amtliche Abkürzung für die Bewegung des Islampredigers Fethullah Gülen, den die türkische Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht.

„Das ist alles totaler Blödsinn der türkischen Lügenpresse“

Die unterstellte Gülen-Verbindung geht offensichtlich auf einen Falschbericht des regierungsnahen türkischen TV-Senders AHaber zurück, der für seine „fake news“ berüchtigt ist. AHaber hatte darin ein Bild von Seyran Ates zusammen mit dem Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi gezeigt, der aber fälschlicherweise als Ercan Karakoyun, Vorsitzender der deutschen Gülen-nahen Stiftung „Dialog und Bildung“, bezeichnet wurde. Karakoyun, der nach dem Bericht Morddrohungen erhielt, distanzierte sich sofort von dem Moscheeprojekt. In einer pluralistischen Gesellschaft toleriere man aber selbstverständlich so ein Vorhaben, erklärte er.

Zahlreiche regierungsnahe Medien griffen den Bericht des Fernsehsenders sofort auf. Die auflagenstarke türkische Tageszeitung Sabah schrieb vom „liberalen Moschee-Wahnsinn“ und behauptete fälschlich, dass Ates den Prediger Gülen „gepriesen“ habe. Das Revolverblatt Star brachte die Falschmeldung, dass in der „Fetö-Kirche“ Frauen mit Kopftuch keinen Zutritt hätten. In sozialen Medien wurde Seyran Ates als Terroristin beschimpft.

„Das ist alles totaler Blödsinn der türkischen Lügenpresse“, sagt die Frauenrechtlerin der Berliner Zeitung. „Was wir machen, ist der Gülen-Bewegung doch ebenfalls zutiefst suspekt. Ich finde es absurd, dass die türkische Regierung auf solche Falschberichte anspricht.“

„Das Gebet wird ungültig“

Auch in der arabischen Welt schlug das Ereignis Wellen. Laut einem ARD-Bericht schrieb die Fatwa-Behörde in Ägypten, Dar al-Ifta, in einer offiziellen Erklärung mit dem Titel „Nein zur Verletzung der religiösen Grundlagen – nein zur liberalen Moschee“, dass das Gebetshaus unmöglich als Moschee anerkannt werden könne.

Auch Dar al-Ifta argumentiert mit Verstößen gegen das islamische Recht wie zum Beispiel das Gebot für Frauen, beim Gebet ein Kopftuch zu tragen: „Bei Verletzung dieser Vorschrift wird das Gebet ungültig.“ Besonders stößt sich die Behörde an der Tatsache, dass Frauen und Männer in der Moschee nebeneinander beten.

Seyran Ates sagt, offenbar wirke die bloße Existenz ihres Moscheeprojekts als Provokation. „Man kann jetzt klar sehen, welche Gesinnung diese offiziellen Behörden haben. Sie argumentieren aus ihrer Machtposition heraus, nicht religiös und inhaltlich, denn sonst müssten sie sich damit auseinandersetzen, dass wir zeitgemäß lebenden Muslime uns auch eine zeitgemäße Religiosität wünschen.“ Sie suche nach Texten, in denen sich die Behörden ebenso kritisch mit den Terrornetzwerken IS oder Al-Kaida auseinandersetzen. „Aber die finde ich nicht.“