Ice Cube, geboren 1969 in Los Angeles unter dem Namen O’Shea Jackson, begann schon mit 15 Jahren zu rappen und lernte bereits damals seinen Kumpel Dr. Dre kennen. Gemeinsam mit dem Drogendealer Eazy-E und weiteren Freunden gründeten sie 1986 die HipHop-Gruppe N.W.A., der zwei Jahre später mit dem Album „Straight Outta Compton“ der ganz große Durchbruch gelang. Den gleichen Titel trägt nun auch der Kinofilm über jene ungewöhnliche Erfolgsstory einer Handvoll junger schwarzer Männer, die mit ihrer Musik Geschichte schrieben.

Cube, Gratulation zum Erfolg von „Straight Outta Compton“ in den USA, wo der Film in nur zwei Wochen schon weit über 100 Millionen Dollar eingespielt hat …

Dankeschön. Ich bin, ehrlich gesagt, immer noch ein bisschen verblüfft, wie gut unser Film angenommen wird. Fast jeder mag ihn, was für mich ein ziemlich ungewöhnliches und tolles Gefühl ist. Normalerweise mögen ja entweder die Fans einen Film oder die Kritiker. Deswegen ist das jetzt etwas ganz Neues.

Sie selbst werden im Film nun von Ihrem eigenen Sohn O’Shea Jackson Jr. gespielt. War das von Anfang an ausgemachte Sache?

Nein. Wir gaben ihm zwei Jahre Zeit, sich vorzubereiten und zu einem guten Schauspieler zu werden. Dabei war immer klar, dass er die Rolle nicht auf dem Silbertablett serviert bekommt, sondern den Regisseur und mich und alle anderen erst beim Vorsprechen überzeugen muss. Was ihm dann zur Freude seines stolzen Papas auch zu 100 Prozent gelungen ist. Er hat unserer Familie ein Denkmal gesetzt, das uns alle überdauern wird. Wer kann das schon von sich behaupten?!

„Fuck Tha Police“, einer der bekanntesten N.W.A.-Songs, sorgte Ende der Achtzigerjahre für einen riesigen Skandal und beschäftigte sogar das FBI. Welche Relevanz hat der Song heute noch?

Eigentlich noch die gleiche wie damals, finde ich. Er ist ein Aufschrei. Wie jeder Songtext beinhaltete auch dieser fiktive Elemente, er entsprang schließlich meiner Fantasie. Aber vieles, worum es da ging, war die reine, bittere Wahrheit. Das ist ein Song, der als Ventil dient für die Frustration angesichts von Polizeigewalt. Und seine Wirkung ist genauso heftig wie die eines Molotow-Cocktails oder einer Pistolenkugel. Nur dass eben kein Blut vergossen wird.

Das FBI schickte damals ein Schreiben, in dem unverhohlen mit Konsequenzen gedroht wurde.

Ja, man wollte uns einschüchtern, damit wir den Song nicht mehr bei Konzerten spielen und ihn nicht länger veröffentlichen. Mich hat damals sehr erstaunt, dass sich eine Regierungsbehörde tatsächlich zu so einer schriftlichen Drohung hinreißen lässt. Schließlich waren wir Bürger eines freien Landes, das sich noch dazu die Rede- und Meinungsfreiheit in den ersten Zusatzartikel der Verfassung geschrieben hat.

Heute bestimmen Afroamerikaner, die von Polizisten erschossen wurden, immer noch die Schlagzeilen.

Unsere Gesellschaft scheint nicht allzu lernfähig zu sein, denn alles wiederholt sich immer wieder. Denken Sie an die berühmten Unruhen 1992 in Los Angeles, nachdem Polizisten den Taxifahrer Rodney King verprügelt hatten. An gleicher Stelle hatte es auch schon 1965 riesige Ausschreitungen gegeben, ebenfalls wegen Polizeigewalt.

Sehen Sie denn gar kein Licht am Horizont?

Ich will nicht sagen, dass sich gar nichts verbessert hat. Heute werden die Polizisten, die so etwas tun, viel eher zur Rechenschaft gezogen. Und das hat viel mit dem Internet, Handys und sozialen Netzwerken zu tun. Immer wieder filmt jemand solche Vorfälle, und diese Videos verbreiten sich dann auf Twitter und Facebook und werden weltweit in den Nachrichten gezeigt. Aber dass heute – viel mehr als damals – fast immer unbewaffnete Jungs erschossen werden, ist verdammt alarmierend.

Trotzdem scheint HipHop dieser Tage unpolitischer zu sein denn je. Wie erklären Sie sich das?

Das ist nicht schwer zu erklären. Irgendwann in den Neunziger Jahren, als HipHop immer mehr die amerikanische Radiolandschaft zu dominieren begann, übernahmen die Programmdirektoren das Ruder – jetzt ging es um die Quote. In der Folge wurde nur noch eine bestimmte Art von HipHop gespielt, nämlich der, der sich zum Tanzen im Club eignet und bei dem sich alles um Frauenhintern und heiße Partys dreht. Also fingen alle an, solche Songs zu schreiben und zu produzieren. Statt über Gewalt auf der Straße rappten plötzlich alle über Joints und Schampus und solche Sachen, schließlich wollten sie ja im Radio gespielt werden und damit in die Charts kommen. Ich verstehe das. Aber mein Ding ist das nicht.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.