Berlin - Es kam mir vor wie ein unmoralisches Angebot. Die Einladung zu einem Corona-Vergehen. Sie erreichte mich per SMS, an einem Sonntag im Mai. Eine Freundin schrieb, sie habe für den Sommer ein Haus in den Schweizer Bergen gemietet. Sie kenne meine Urlaubspläne nicht, aber wenn ich noch nichts vorhabe, könne ich gern für eine Woche vorbeischauen. Das Haus sei herrlich gelegen. 

Die dritte Welle war noch nicht vorbei, die Nachrichten begannen mit den Infektionszahlen, wie seit Monaten, oder waren es Jahre? Am Abend sah ich eine Talkshow, in der eine Forscherin erklärte, auch in diesem Jahr werde sie nicht verreisen. Sie sprach im strengen Ton der Corona-Warner. Die Pandemie sei längst noch nicht vorbei. Man könne sich wohl noch zusammenreißen, hörte ich heraus. An der SMS meiner Freundin hing ein Foto von einer Terrasse, man sah grüne Berge, Palmenblätter. Das Haus lag im Tessin, auf der Südseite der Alpen.

Ich habe mich seit Beginn der Pandemie nicht nur an alle Regeln, sondern auch an alle Empfehlungen gehalten. Als Hypochonder ist man für fast alles zu gewinnen, was helfen soll, Krankheiten zu verhindern. Ich habe selbst viele strenge Ratschläge erteilt, Freunde zu mehr Abstand aufgefordert, meine Mutter am ersten Weihnachtsfeiertag zum Dauerlüften gezwungen. Ich glaube immer noch, dass das richtig war. Bis auf den Ton.

Natürlich war ich kaum gereist. Seit mehr als anderthalb Jahren hatte ich Deutschland nicht verlassen, als das Bild aus Tessin auf meinem Handy erschien. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht mal die Grenzen der ehemaligen DDR überquert. So wie zuletzt als Kind. Als ich zwölf war, flog mein Vater mit meinem Bruder und mir von Berlin-Schönefeld nach Prag, meine erste große Auslandsreise. Danach waren wir im Sommer in Bulgarien oder der Sowjetunion am Meer, nach der Wiedervereinigung in Tunesien. Meine weiteste Pandemiereise führte mich ins Erzgebirge, das wenig später als fragwürdiges Ziel galt, weil die Infektionszahlen dort so stiegen.

Als die Inzidenz in Berlin auf dem tiefsten Stand seit Monaten war, sagte ich die Schweizreise zu. Ich fuhr mit dem Zug hin. Das ist ein Satz, den man inzwischen gern schreibt, weil Zugreisen ein neues Statussymbol sind. Die Terrasse des Hauses war noch schöner als auf dem Foto, zwischen den Palmen wuchs Wein. Wir gingen wandern. Einmal teilten wir in einem kleinen Lokal den Tisch mit drei Schweizern. Mit Fremden! Wir sprachen nicht über Corona, nicht mal darüber, wer schon geimpft ist. Auf der Rückfahrt bekam ich an der Grenze eine SMS der Bundesregierung, die zu einer Webseite mit Test- und Quarantäneregeln führte. Ich hatte sofort den Ton der deutschen Warner im Ohr. Ich öffnete den Link nicht.

In Berlin traf ich eine andere Freundin, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, weil sie in Nairobi lebt. Eigentlich kommt sie jeden Sommer, um ihre Eltern in Brandenburg und mich zu besuchen. Sie sagte, sie sei bisher froh, die Pandemie in Kenia verbracht zu haben. Als ich fragte, warum, dachte sie lange nach. Es gab auch in Kenia einen Lockdown, es gibt viele Schutzmaßnahmen. Es ist dort noch lange nicht vorbei, das Gesundheitssystem auch ohne Corona eine Katastrophe. Die Pandemie ist ein ernstes Problem in einem Land voller Probleme. Aber sie habe nicht sämtliche Nachrichten, nicht jedes Gespräch bestimmt, sagte meine Freundin. Deutschland dagegen sei ihr so panisch erschienen, so angespannt. Aus der Ferne betrachtet.