TOCHTER: Manchmal denke ich, außer mir interessiert sich kaum jemand für Politik.

MUTTER: Ich glaube das täuscht. Viele beobachten sehr genau, was passiert. Bei der Beteiligung sieht es vielleicht etwas anders aus. Wenn es um den Bundestag geht, wählen zwischen 70 und 80 Prozent der Wahlberechtigten. Aber es waren schon mal mehr, und bei anderen Wahlen ist die Beteiligung auch deutlich niedriger.

Ich glaube, man sollte mehr Volksentscheide haben. Da geht es um konkrete Themen und wenn man wählt, muss man sich auch auskennen.

Ich fürchte mich ein bisschen vor Volksentscheiden. Die Stimmung erscheint mir sehr manipulierbar und manchmal laufen sie auch einfach ins Leere. Beim Flughafen Tegel votierte die Mehrheit für einen Weiterbetrieb, aber das war gar nicht umsetzbar. Und das andere Negativbeispiel ist für mich der Brexit, wo eine von Lügen geprägte Kampagne unter Umgehung des Parlaments jetzt zum Austritt Großbritanniens aus der EU führt.

Aber bei dem Thema war doch das Interesse hoch und die Leute haben sich informiert, aber klar, so eine Abstimmung ist anfälliger für Populismus als langwierige, parlamentarische Prozesse.

Es gibt kein schwarz und weiß bei einer solchen Frage, soll mein Land aus der EU aussteigen. Und das kann man auch nicht aus dem privaten Erleben beurteilen. Man muss sich sehr gut auskennen, um die Konsequenzen überblicken zu können. Wenn sich die Leute nicht auskennen, ist die Gefahr von Einflüsterungen riesig. Ich möchte nicht, dass per Volksentscheid so gravierende Entscheidungen getroffen werden. Das Zusammenspiel von Experten, Politikern, Bürgern, Juristen und Wirtschaft ist wichtig.

So sprichst du den Bürgern aber ihre Mündigkeit ab. Du sagst, das Volk ist zu doof.

Man kann doch nicht das ganze Gefüge eines Kontinents von so einer einzigen Abstimmung abhängig machen. Das steht in keinem Verhältnis, finde ich.

Manche Probleme sind vielleicht zu komplex. Man kann aber die Grenzen doch festlegen. Auf regionaler und lokaler Ebene könnte man sehr viele Entscheidungen den Bürgern überlassen. Wenn ich mitentscheiden könnte, ob eine Kita, ein Park oder ein Schwimmbad gebaut werden soll, würde ich mich mehr für meinen Ort und die Politik in meinem Ort interessieren. Ich hätte dann auch ein engeres Verhältnis zu diesem Ort.

Würde das etwas ändern?

Ja, ich glaube schon. Ich werde zum Beispiel irgendwann wegziehen, und ich werde wahrscheinlich auch nicht zurück kommen. Das wäre vielleicht anders, wenn ich eine engere Bindung zu dem Ort entwickelt hätte, weil ich ihn mitgestaltet habe. Natürlich muss auch vor so einem Volksentscheid eine Aufklärung stattfinden. Die Politiker müssen eben mit dem Volk mehr reden, aber es bringt sie dann ja auch näher zusammen.

Das stimmt natürlich. Vielleicht wären Bürgerräte eine Lösung oder Abstimmungen nur zur Willensbekundung.

Nee, wenn es eh nicht umgesetzt wird, brauche ich auch keinen Volksentscheid. Da reicht eine Umfrage. Und Räte, in die man dann erst gewählt werden muss, sind auch nichts Halbes und nichts Ganzes. Es geht ja gerade darum, Einfluss zu nehmen.