MUTTER: Die USA machen zurzeit nicht gerade den besten Eindruck. Ein Präsident, der Corona hat, trotzdem in sein Auto steigt und nur um seine Fans zu begeistern rund ums Krankenhaus rumfährt.

TOCHTER: … und jetzt infiziert wieder im Weißen Haus hockt.

Was haben wir in den letzten Wochen noch über Amerika gelernt?

Dass es immer wieder staatliche Gewalt gegenüber Afroamerikanern gibt.

Und dass Menschen massenhaft Waffen kaufen, weil sie fürchten, dass ihr Idol aus dem Weißen Haus vertrieben wird. Und das in einem Staat, in dem sowieso schon fast jeder eine Waffe hat. Das Bild, das wir uns von Amerika zurzeit machen können, hat einen durchaus finsteren Grundton, würde ich sagen.

Leben möchte ich da nicht.

Aber trotzdem bist du doch total amerikanisch geprägt – die Musik, die Filme, die Kleidung.

Ja, aber ich verbinde es nicht mit den USA. Wenn ich ein Lied höre oder eine Jeans anziehe, denke ich nicht, oh, ich bin jetzt beeinflusst. Das ist alles genauso europäisch wie amerikanisch oder asiatisch. Jeder trägt die gleichen Klamotten und hört dieselbe Musik. Das ist international. Und außerdem: Das Positive nehme ich nicht als amerikanisch wahr, eher das Negative.

Das ist interessant.

Na, eher erschreckend.

Eigentlich war es genauso, als ich jugendlich war. Es war Kalter Krieg und die USA waren in meinen Augen nicht unbedingt die Guten, sondern nur einer von den beiden hirnverbrannten Spielern, die sich bis an die Zähne bewaffnet haben, um den Planeten 36-mal in die Luft sprengen zu können. Und trotzdem haben wir Coca-Cola- und Pepsi-Werbung im Kino angeguckt und wollten auch so locker und lustig durchs Leben tanzen. Wir haben massenhaft amerikanische Filme angeguckt, in denen die Helden siegreich amerikanischen Patriotismus gefeiert haben. So wie ihr heute.

Ja, ich gehe auch ins Kino und sehe mir amerikanische Produktionen an, weil die fast alle amerikanisch sind. Aber wenn sie patriotisch daher kommen, fällt es mir auf. Diesen Patriotismus finde ich total übertrieben. Ich sehe das Negative wie Trump und Corona, die Notwendigkeit für Black Lives Matter, die Waffenlobby und das, was die USA in anderen Ländern veranstalten. Und ich sehe auch, dass ein schlechtes amerikanisches Beispiel einen positiven Effekt auf Europa hat, weil die Debatten dann hier auch geführt werden und zu Verbesserungen führen.

Aber wenn wir das viele Negative sehen, warum lösen wir uns dann nicht stärker von amerikanischen Vorbildern? Warum sagst du zum Beispiel nicht, Disney-Produktionen sehe ich mir nicht mehr an?

Weil sie teilweise auch gut sind. Nur weil es aus Amerika kommt, muss ich es doch nicht ablehnen. Es gibt auch viele gute Filme, auch selbstkritische. Aber es hat auch mit Gewohnheit zu tun. Wir sind schon extrem beeinflusst von amerikanischen Produktionen, Vorstellungen, Werten, aber ich nehme das nicht als Lobpreisung wahr. Niemand in meinem Freundeskreis ist Amerika-Fan, aber wir kaufen trotzdem amerikanische Modemarken, wir gehen in amerikanische Filme. Wir boykottieren das Land nicht. Warum auch?