Berlin, 9. November 1989: Ost- und West-Berliner feiern gemeinsam die Grenzöffnung. 
Foto: Christian Schulz

BerlinGünter Leo ruft nicht zurück, als man ihn über die „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung“ um ein Interview bittet. Es handelt sich um einen Verein, in dem sich ehemalige DDR-Bürger zusammengeschlossen haben. Der Verein hat verschiedene Untergruppen, die Arbeitsgruppe Grenze gehört dazu, Leo ist ihr Vorsitzender. Er hat das 34. Treffen der Grenztruppen in Bestensee mitorganisiert. Auf diesem Treffen Ende Oktober ist er zu einem Interview bereit, setzt sich an einen Tisch an der Seite und beantwortet Fragen. Zum Anfang muss er dabei fast schreien, gegen die Arbeiterkampflieder anschreien, die aus den Boxen klingen: „Ich trage eine Fahne“, „Die Internationale“, „Venceremos“.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Am 9. November war ZK-Tagung gewesen, und abends saßen wir beim Kommandeur Erich Wöllner in unserer Zentrale in Karlshorst zusammen und wollten Abendbrot essen, als im Fernsehen die Pressekonferenz mit Günter Schabowski lief.

Was gab es zu essen?

Normal.

Fleisch, Kartoffeln?

Nee, kalte Platte, war ja abends.

Foto: Christian Schulz
GÜNTER LEO

… wird 1941 in Emstal, Brandenburg, geboren, macht nach der 8. Klasse eine Lehre zum Dreher und arbeitet im Stahl- und Walzwerk Brandenburg.
…. geht 1959 zur NVA. Ab Oktober 1961 holt er die Mittlere Reife nach, später die Hochschulreife, besucht die Offiziersschule und die Militärakademie der DDR.
...wird Adjutant des Stadtkommandanten von Berlin, dann Kommandeur eines Grenzregiments und ab 1989 Erster Stellvertreter und Chef des Stabes des Grenzkommandos Mitte. Am 1. September 1990 wird er entlassen.
… wird 1997 wegen vierfachen Totschlags angeklagt und zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.
… ist heute Rentner und wohnt in Berlin-Karlshorst.

Haben Sie die Pressekonferenz gesehen, weil Sie wussten, dass da eine neue Reiseregelung verkündet wird?

Nein, wir dachten, da wird die ZK-Tagung ausgewertet. Von einer Reiseregelung wussten wir nichts. Bis Schabowski darüber sprach.

Haben Sie in diesem Moment geahnt, dass es eine unruhige Nacht wird?

Nein, er sprach ja von den Grenzübergangsstellen, die haben wir als Grenzer gar nicht kontrolliert.

Das machte die Staatssicherheit?

Ja, die Passkontrolleinheit war Staatssicherheit. Die trugen zwar die Grenzer-Uniformen, gehörten aber nicht zu uns. Wir waren für die Sicherung der Flanken an den Grenzübergangsstellen zuständig und dachten, da kann nichts passieren. Ich fuhr also nach Hause. Bis der Anruf von Oberst Geschke kam: Komm rein, da tut sich was am Checkpoint Charlie und in der Bornholmer Straße. So und so viele Leute hier, so und so viele dort. Wir haben dann eine Führungsgruppe am Brandenburger Tor eingesetzt und einen unserer Stellvertreter hingeschickt, Oberst Haase.

Sie sind in Karlshorst geblieben?

Einer musste führen, kamen ständig neue Meldungen rein: Was ist los? Was sollen wir machen? Wir wussten nichts und haben von niemandem Antworten bekommen. Wir haben unsere Chefs bei den Grenztruppen angerufen. Die wussten auch nichts. Um 0.30 Uhr wurde dann erhöhte Gefechtsbereitschaft ausgelöst.

Warum gerade um 0.30 Uhr?

An der Bornholmer kamen um diese Zeit doch schon alle durch. Und am Brandenburger Tor war die Panzermauer total mit Menschen besetzt. Wir haben versucht, das zu stoppen, mit Durchsagen und einer Wasserspritze, aber keiner hat reagiert.

Was ist die Panzermauer?

Das war die Stelle, wo die Mauer aus panzerfestem Beton bestand und drei Meter breit war. Da konnte ein Trabi rüberfahren. Unsere größte Sorge war: Was passiert am Brandenburger Tor? Da waren Offiziersschüler im Einsatz, die das erste Mal an der Grenze standen, die waren dem doch gar nicht gewachsen. Wir hatten Angst, dass sie die Nerven verlieren. Und haben beschlossen: Wir treten zur Seite. Wir lassen die Leute rennen. Und kein Schusswaffengebrauch.

Unsere größte Sorge war: Was passiert am Brandenburger Tor? Da waren Offiziersschüler im Einsatz, die das erste Mal an der Grenze standen.“

Günter Leo

Wie war Ihnen da zumute?

Ich dachte nur: Es darf nichts passieren. Kein Schuss darf fallen. Wir haben gesagt, wenn jetzt ein Schuss fällt, kommt es zum Blutvergießen. Das war die richtige Taktik, es hat funktioniert.

Wann sind Sie schlafen gegangen?

Gar nicht. Ich bin kurz nach Hause gefahren, hab mich umgezogen, um fünf Uhr morgens wieder rein, um den Kommandeur abzulösen. Aber im Laufe des Vormittags hat sich die Lage am Brandenburger Tor beruhigt. Die West-Berliner Polizei hat es geschafft, die Menschen von der Mauer herunterzuholen.

Die West-Berliner haben geholfen?

Die hatten ja auch Interesse daran, dass es friedlich bleibt. Um zehn Uhr kam der Anruf vom Chef der Grenztruppen, dass sich unser Kommandeur um 14 Uhr mit dem West-Berliner Polizeipräsidenten Georg Schertz treffen soll. Das hatte Egon Krenz vereinbart. Aber der Kommandeur, Wöllner, hat sich dazu nicht in der Lage gefühlt.

Warum nicht?

Der war mental einfach kaputt gewesen. Der Chef der Grenztruppen hat mich dann gefragt, kannst du das machen. Ich hab Ja gesagt – und dann Schertz um 14 Uhr am Checkpoint Charlie getroffen.

Auf Ost- oder West-Berliner Seite?

Auf DDR-Seite in so einem Bereitschaftsraum, Zimmerstraße.

Wie war das Treffen?

Ich kannte den Schertz ja gar nicht und hab mir von unseren Aufklärern erst mal Fotos zeigen lassen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Schertz kam mit seinem großen Panzer-Mercedes, ich mit meinem Dienst-Wartburg. Ich hatte Kaffee und einen Kasten Bier bereitstellen lassen.

Was haben Sie getrunken?

Bier. Wernesgrüner. Als Erstes sagte Schertz, aber ich war doch mit Herrn Wöllner verabredet. Ich sagte, Wöllner kann nicht. Dann sind wir in den Raum gegangen und ich habe dem Polizeipräsidenten gedankt, dass mit seiner Hilfe am Brandenburger Tor für Sicherheit gesorgt wurde. Wissen Sie, was er da gesagt hat? „Wir sind davon ausgegangen, dass die DDR niemals ihr wichtigstes Symbol friedlich übergibt.“ Deshalb hätten sie versucht, keine Konfrontationen entstehen zu lassen. Dann hat er gefragt, ob wir nicht eine Direktschaltung zwischen Polizei Ost und Polizei West ermöglichen können. Ich sagte, das ist nicht in meinem Verantwortungsbereich, aber ich kümmere mich. Wir haben eine Stunde geredet und ein sehr nettes Gespräch geführt

Und dann?

Bin ich zur Dienststelle zurück und habe den Polizeipräsidenten angerufen, um die Direktleitung zwischen der Polizei zu klären. Das war um 16 Uhr. Um 17 Uhr hatte ich noch keine Antwort. Ich habe wieder angerufen, und um null Uhr trafen sich an der Heinrich-Heine-Straße Nachrichtentechniker von uns und der West-Berliner Seite. Kurze Zeit später stand die Verbindung. Das war ein schöner Moment. Ich fühlte mich sehr ruhig und dachte, jetzt wird alles besser.


Wie ging es weiter für Sie?

Wöllner ist in den Ruhestand gegangen, und am 1.5.1990 wurde ich Kommandeur des Grenzkommandos Mitte. Dann hieß es, ich werde vom Bundesgrenzschutz übernommen und soll als Stellvertreter den Grenzschutz Ost übernehmen. Peter-Michael Diestel war Innenminister, der wollte mich haben. Aber dann stand in der Zeitung, dass ehemalige Angehörige der Grenztruppen maßgeblich verantwortlich sind für den Schießbefehl, darunter ein Stabschef.

Damit waren Sie gemeint?

Ja. Ab September 1990 war ich arbeitslos. Das war ein Schock. Ich dachte, ich brauchte mich gar nicht bewerben. Wer nimmt denn einen ehemaligen DDR-Oberst!


Sie haben in der alten Werner-Seelenbinder-Halle einen Lebensmittel-Markt aufgebaut, habe ich gelesen.

Auftraggeber war ein Dortmunder, der wollte einen ehemaligen Militär haben. Das ging nur ein halbes Jahr, die Halle wurde abgerissen, ich musste den Arbeitern sagen, dass sie kein Geld mehr bekommen, dabei ging es mir genau wie ihnen. Ich sollte ein neues Objekt in der Storkower Straße suchen. Dann kam die Vorladung vor Gericht, erst waren nur Soldaten angeklagt. Später wurde auch gegen mich ein Verfahren eingeleitet. Anfang 1997 habe ich die Anklageschrift bekommen. Der Prozess ging im August los. Ich wurde angeklagt wegen vierfachen Totschlags.

Warum gerade vierfach?

Das wurde so zusammengerechnet, ich war zwei Jahre lang Kommandeur eines Grenzregiments gewesen, in Rummelsburg und Treptow, und als stellvertretender Chef des Grenzkommandos Mitte mitverantwortlich für den Jahresbefehl. Dabei stand da gar nichts von der Anwendung der Schusswaffe drin.

Hätten Sie verhindern können, dass Flüchtlinge an der Grenze erschossen wurden?

Es gab ein Gesetz, das besagte, dass ein unberechtigter Grenzübergang als Straftat zu bewerten ist. Unsere Aufgabe war es, Grenzdurchbrüche zu verhindern. Und das letzte Mittel war die Schusswaffengebrauchsanwendung. So sind unsere Soldaten eingewiesen worden. Was war noch mal die Frage?

Ob Sie hätten verhindern können, dass auf Flüchtlinge geschossen wird. Die wollten doch nur das Land verlassen und waren keine Gefahr.

Sie begingen eine Straftat. Sie müssen auch mal uns verstehen. Natürlich habe ich alles dran gesetzt, dass kein Grenzverletzer in den Grenzraum kam. Aber in Berlin war der Grenzstreifen manchmal nur zehn Meter breit. Das ging alles sehr schnell. Bei einer Verhandlung hat der Richter einen Grenzer gefragt: Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Der Grenzer hat gesagt: Was soll ich denn denken! Ich habe so gehandelt, wie ich ausgebildet wurde. Anruf, Warnschuss, Schuss, möglichst auf die unteren Extremitäten.

Wie lautete Ihr Urteil vor Gericht?

Kommandeur Wöllner hat fünf Jahre bekommen, ich als Stabschef drei Jahre und drei Monate, die anderen Stellvertreter drei Jahre. Wir haben Widerspruch eingereicht bis zum Europäischen Gerichtshof. Überall sofort Ablehnung. Am 8. Februar 2000 musste ich die Haftstrafe antreten, in Berlin-Hakenfelde.

Wie war das?

Ich hatte eine sehr gute Sozialarbeiterin, die hat mich sehr unterstützt.

Hatten Sie eine Einzelzelle?

Zuerst war es eine Vier-Mann-Zelle. Die anderen Insassen sagten: Tach, Herr General, machen Sie sich keine Sorgen, wir passen auf Sie auf. In der Nachbarzelle saß Schabowski.

Hatten Sie mit ihm Kontakt?

Ja, fast jeden Abend haben wir über die politische Lage diskutiert. Schabowski ist dann aber schon im September wieder entlassen worden, ich ein Jahr später, auf Bewährung.

Was haben Sie nach der Haftentlassung gemacht?

Als Fenster- und Türenverkäufer in Friedrichsfelde gearbeitet. Ich hatte keine Ahnung von Fenstern und Türen, ich wusste, wie man sie zumacht, aber ich hatte gelernt zu organisieren und mit Menschen zu arbeiten. Das hat mir Spaß gemacht. Ich habe wenig verdient, 1 100 Euro, das fehlt mir natürlich heute bei der Rente.

Wie viel Rente bekommen Sie?

1 800 Euro.