BerlinDen Spruch „Süßes, sonst gibt’s Saures!“ sollten sich die Kinder in diesem Jahr sparen. Viele Experten warnen vor dem beliebten und ja auch einträglichen Um-die-Häuser-Ziehen an Halloween – der Süßigkeitenfang bedeutet wegen der Corona-Pandemie einfach ein zu großes Risiko. „Die ganz klare Empfehlung ist, den Brauch in diesem Jahr ausfallen zu lassen“, sagt Jakob Maske, Berliner Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. In der Hauptstadt gelten seit Montag alle Bezirke als Risikogebiete und erreichen Rekordwerte bei den Corona-Neuinfektionen.

Das dürfte vielen Kindern den Höhepunkt des Jahres vermiesen. Denn der ursprünglich amerikanische Brauch ist inzwischen auch in Deutschland weitverbreitet. Am Abend des 31. Oktober wimmelt es vor Häusern normalerweise von Sensenmännern, Zombies oder Skeletten. Viele Kinder ziehen in Gruppen verkleidet von Tür zu Tür, um Süßigkeiten zu sammeln. In diesem Jahr dürften die Straßen leerer sein, denn die Corona-Krise zwingt viele Familien zum Umdenken. „Man weiß ja auch gar nicht, wer da die Tür aufmacht. Eventuell ist es eine Person aus der Gruppe der Risikopatienten“, sagt Maske.

In Brandenburg wird die Lage ähnlich kritisch eingeschätzt. In dem Land gehören mittlerweile sechs Landkreise und zwei kreisfreie Städte zu den Risikogebieten. Dort liegt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche über dem oder beim kritischen Wert von 50. Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) riet mit Blick auf das bevorstehende Halloween-Fest, auf Umzüge und die beliebten Klingeltouren von Haustür zu Haustür zu verzichten.

Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) rät zum Verzicht: „In Gruppen von Tür zu Tür zu laufen und Süßigkeiten zu sammeln – dafür ist aktuell nicht die Zeit.“ Das Risiko, dabei das Coronavirus zu übertragen, sei zu groß. Ganz ausfallen müsse das vor allem bei Kindern beliebte Fest allerdings nicht, so Giffey. „Zu Hause, in einem kleinen Kreis, kann das Verkleiden und Naschen auch Spaß machen.“

Ausgangssperre und Halloween-Verbot in Belgien

Die US-Armee in Wiesbaden entschied sich jetzt sogar zu ganz drastischen Maßnahmen, um Ansteckungen durch Halloween-Feiern zu verhindern. In der hessischen Landeshauptstadt befindet sich die europäische Zentrale der Army – mit großen Wohngebieten für US-Soldaten, in denen an Halloween eigentlich viele amerikanische und deutsche Kinder unterwegs sind. Wie die US-Armee mitteilte, werden die Zugänge am Abend des 31. Oktober komplett geschlossen. Das „Trick or Treat“ der Amerikaner („Streich oder Leckerbissen“) fällt dieses Jahr zumindest in Deutschland aus.

Im europäischen Ausland gelten vereinzelt sogar schon ausdrückliche Halloween-Verbote. In Belgien wurde nach Frankreich mittlerweile eine nächtliche Ausgangssperre verfügt. In der Hauptstadt Brüssel gilt ab Montag eine verschärfte Maskenpflicht, alle Theater, Kinos, Museen sowie Sportstätten und Schwimmbäder werden geschlossen. Heimarbeit ist Pflicht, soweit dies möglich ist. Und: Kinder dürfen an Halloween nicht von Tür zu Tür ziehen.

In Deutschland tut man sich mit solchen drakonischen Maßnahmen noch schwer. Aber die Empfehlungen sind eindeutig. So werden die Kitas der Hansestadt Lübeck nach Angaben des stellvertretenden Stadtsprechers Hansjörg Wittern den Eltern empfehlen, auf die Süßigkeitenjagd zu verzichten. Auch der Landeselternausschuss Kita Berlin schließt sich dieser Empfehlung an. „In Zeiten, in denen die Corona-Zahlen deutlich steigen, zieht man nicht in Gruppen um den Block und klingelt an zig Häusern“, sagt die Vorsitzende Corinna Balkow.

Drastische Halloween-Dekoration zum Corona-Thema: Vorgarten in dem Städtchen Tenafly im US-Bundesstaat New Jersey.
Foto: AP/Seth Wenig

Ganz verzichten müssen die Kinder laut Balkow aber nicht auf den Spaß an Halloween. Gerade kleine Kinder könne man auch gut zu Hause bespaßen. „Die Kinder verkleiden sich, klopfen dann zum Beispiel an die Tür der Eltern und bekommen Süßigkeiten“, schlägt Balkow vor. Familien müssten in diesem Jahr einfach kreativ werden.

Die elfjährige Jolina aus Nürnberg etwa hat mit ihrer Familie eine Alternative gefunden. „Wir backen zu Hause Halloween-Kekse und schauen einen Gruselfilm“, erzählt sie. Der fünfjährige Oskar aus dem brandenburgischen Nauen ist hingegen auf einer kleinen Gartenparty bei Freunden eingeladen. „Dracula-Zähne und Spinnenhaarreife sind schon gekauft“, sagt seine Mutter Jacqueline.

Für die achtjährige Romy aus Bredow bei Berlin steht laut ihrer Mutter Stephanie ein gruseliger Spaziergang zu einem alten, verlassenen Bahnhof an. Für die Schülerin scheint das aber nur ein kleiner Trost zu sein. „Ich finde es sehr blöd und schade, dass wir in diesem Jahr wahrscheinlich keine Süßigkeiten sammeln können“, sagt Romy.

Spielwarenhändler fürchten ums Geschäft

Die Corona-Krise verdirbt nicht nur vielen Kindern das Gruselfest, sie wirkt sich auch auf das Geschäft der Spielwarenindustrie aus. Der jährliche Umsatz an Halloween liegt laut dem Deutschen Verband der Spielwarenindustrie normalerweise zwischen 50 und 100 Millionen Euro. „Das Niveau der letzten Jahre wird kaum zu erreichen sein“, prognostiziert Verbandsgeschäftsführer Ulrich Brobeil. Das liege natürlich auch an den Warnungen, die einige Städte bereits ausgesprochen hätten.

Viele Online-Kostümhändler verzeichneten dagegen keine großen Schwankungen, sagt Felix Schirl, Geschäftsführer von trbo. Zu den Kunden des Technologieunternehmens gehören nach Unternehmensangaben mehrere Online-Kostümhändler. „Insbesondere Familien mit Kindern freuen sich auf Halloween, darauf wollen sie nicht verzichten.“

Auch Brobeil hält das Um-die-Häuser-Ziehen an Halloween für nicht so risikoreich wie viele Ärzte oder Eltern. Schließlich gingen viele der Kinder auch in dieselbe Klasse oder denselben Sportverein. Zudem könne jeder selbst entscheiden, die Tür zu öffnen oder nicht. „Oder er stellt etwas vor die Tür, wenn ihm das Risiko zu hoch erscheint“, so Brobeil. Die Kinder hätten in diesem Jahr schon genug mitmachen müssen. Man solle ihnen nicht auch noch diese Freude nehmen.

Auf das Geschäft möchte man also nicht verzichten. Das erinnert an die Entstehung von Halloween in Deutschland. Besonders der Ausfall der Karnevalssaison wegen des zweiten Golfkriegs 1991 führte zur verstärkten Werbung der Karnevalsbranche für die kürbisfarbene Grusel- und Bonbonsause. Maßgeblich war hier die „Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie“ – sie wurde im selben Jahr gegründet und suchte nach einem Ausgleich für die brutalen Einbußen bei den Kostümherstellern. Mit Halloween schuf sie einen neuen Anlass. Und 1994 startete die Gruppe eine Kampagne zur Einführung des amerikanischen Brauchs. Eine Erfolgsgeschichte.

Halloween ist eine junge Erfindung. Vielleicht folgt ihr so wie nach dem Golfkrieg jetzt nach der Corona-Krise einfach eine neue.