Joe Chialo wagt sich als mittelständischer Unternehmer im Kreativbereich in die Politik. Er will den  Wahlkreis Mitte für die CDU direkt gewinnen. Das Büro seines Musiklabels Airforce1 liegt schon mal mittenmang, in der Alten Schönhauser Straße.

Foto:  Benjamin Pritzkuleit

Berlin-MitteJoe Chialo, 50, Musikmanager in Berlin, tritt an, um im Wahlkreis Mitte ein Bundestagsdirektmandat für die CDU zu erringen. Zuvor aber muss er von seiner Partei zum Spitzenkandidaten gekürt werden. Der Quereinsteiger betritt das vor ihm liegende politische Neuland mit kraftvollem Optimismus. Das Gespräch findet im Sitz seines Musiklabels Airforce1 in der Alten Schönhauser statt – mitten in Mitte. An den Bürowänden hängen Gold- und Platinauszeichnungen, die seine Musiker errangen: Ben Zucker, die Kelly Family, Die Priester, Alvaro Soler. Die Büroluft vibriert vor Tatendrang. Und auf Rassismusfragen gibt es klare Auskünfte, die nicht jedem Aktivisten gefallen werden.

Herr Chialo, was macht Sie zum geeigneten CDU-Mitte-Kandidaten für den Bundestag?

Nehmen wir das „C“. Ich bin christlich sozialisiert und erzogen. Dabei wurde ich mit wichtigen Werten vertraut gemacht, die sich auch in der CDU gut und stabil wiederfinden. Dazu gehört das christliche Menschenbild sowie Tugenden wie die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, die Initiative zu ergreifen, zu Dingen zu stehen. Zudem komme ich aus der Kreativwirtschaft, einem pulsierenden Zweig, auf den meine Partei das Brennglas noch intensiver halten möchte.

Mitte besteht aus einem international-kreativen Gemisch – und vielen Problemzonen. Wie schaffen Sie dazwischen eine Verbindung?

Auch wo es hardcore abgeht, entsteht Kultur - Straßenkultur, Hip Hop, Underground. Hier können Menschen ihr besonderes Lebensgefühl in Worte und Musik, Malerei und alle möglichen Formen der Kunst fassen. Kultur ist ja keine elitäre Veranstaltung. Gerade in Moabit oder Wedding gibt es viele, die von dem Milieu total inspiriert werden.

Bei der Bewerbung um den CDU-Spitzenplatz im Wahlkreis treten sie gegen eine Frau an. Ist das okay in gendersensiblen Zeiten? Die CDU braucht doch mehr Frauen.

Ich trete nicht gegen „eine Frau“ an, sondern gegen Dr. Ottilie Klein. Eine ausgezeichnete Kandidatin. Wie ich 2016 in die CDU eingetreten. Meine Kandidatur richtet sich nicht GEGEN sie. Wir geben gemeinsam ein Angebot an die Delegierten, respektive die Wählerinnen und Wähler von Mitte ab und demonstrieren, dass wir starkes Personal haben, das die Probleme dieser Stadt angehen kann. Das ist doch ein Glücksfall für die Partei - schon weil wir so unterschiedlich sind.

In einem YouTube-Video kann man sie in einem Fitness-Wettkampf gegen Ben Zucker sehen. Dort wird gesagt: „Das Wort Niederlage gehört nicht in seinen Wortschatz.“ Rechnen Sie damit, dass das in der Politik auch so sein wird?

Niederlage gehört tatsächlich nicht in meinen Wortschatz, der Umgang mit Niederlagen schon. Für mich ist Niederlage immer Motivation, wieder aufzustehen. Denn die Summe des Wiederaufstehens macht einen starken Charakter aus. Ich gehe als eine Art Underdog in die Welt der Politik. Das wird ein Lernprozess, ich habe es ja vorher noch nie gemacht. Aber es gilt: Niederlagen werden nicht mantra-artig beklagt.

Man betrachtet Sie natürlich auch mit Blick auf Ihre dunkle Haut …

… als Schwarzen, sagen wir es so, wie es ist …

... richtig. Ärgert es Sie , wenn man Sie so betrachtet? Wenn man Sie, einen gebürtigen Bonner, fragt, woher Sie „wirklich“ kommen?

Die Frage impliziert im schlimmsten Fall ein Bewusstmachen des Andersseins. Viele Schwarze empfinden das als schmerzhaft. Insofern ist ein sensibler Umgang bei der Annäherung empfehlenswert. Andererseits kann ich die Absichten meines Gegenübers meist gut einordnen und mir ist bewusst, dass viele Menschen keine Berührungen mit Schwarzen hatten. Da kann in der gut gemeinten Annäherung auch mal ein Wort verrutschen. Das ist für mich nicht schlimm. Wichtig ist die Absicht und wie man ins Gespräch kommt. Mir ist auch am Gespräch mit wertkonservativen Gruppierungen oder Menschen, die Ressentiments mir gegenüber hegen, gelegen. Selbst wenn sie nach einem solchen Gespräch bei ihrem Standpunkt bleiben.

Zur Person

Joe Chialo wurde am 18. Juli 1970 in Bonn, der damaligen Hauptstadt der BRD, als Kind tansanischer Diplomaten geboren. Das Abitur legte er am Ordensinternat der Salesianer bei Köln ab. In Erlangen studierte er Geschichte, Politik und wirtschaftliche Staatswissenschaft. Seine Karriere in der Kreativ- und Kulturwirtschaft führte ihn nach Köln, Amsterdam, München, Hamburg und schließlich zum Musikkonzern Universal Music nach Berlin. 2009 gründete er die Airforce1 Management GmbH, ein Unternehmen für Künstlermanagement, 2012 zusätzlich Airforce1 Records, ein Joint Venture mit Universal Music. 2016 trat er der CDU bei. Joe Chialo ist verheiratet und hat eine Tochter.

Auch über Bezeichnungen wird gestritten. Zum Beispiel wollen manche Menschen PoC genannt werden – People of Color …

Wer sich das wünscht – in Ordnung. Ich persönlich bin für eine auf Augenhöhe gerichtete Kommunikation - also Schwarz und Weiß. Das schafft für mich Gleichheit. People of Color – da wünsche ich denjenigen viel Erfolg, die im ländlichen Teil Brandenburgs Menschen erklären, dass sie bitte People of Color sagen sollen. Meiner Meinung nach ist das mittelfristig in der Breite schwer durchsetzbar.

Wie reagieren Sie auf die Frage nach Ihrer „wirklichen“ Herkunft?

Die Frage ist mir so oft gestellt worden, dass ich das im Alter von 50 Jahren nicht mehr dramatisieren kann und will. Ich antworte. Aber ich verstehe, wenn sich Menschen über die Frage ärgern. Es wird für uns und unsere Kinder wichtig sein, die Stimmungen aufzunehmen und Werte neu zu denken.

Sind aktivistische Gruppen wie die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland auf dem richtigen Weg, wenn sie zum Beispiel die Änderung historischer Straßennamen wie Mohrenstraße erzwingen?

Initiativen fokussieren sich immer auf einen Punkt, den sie für wichtig halten. Insofern finde ich eine Zuspitzung okay. Aber ich möchte Brücken bauen und Menschen zueinander führen. Wenn man immer wieder in den Wunden wühlt und allen Menschen das Gefühl gibt, sie seien im Grunde rassistisch, dann schafft das keine Brücken, sondern spaltet mehr und mehr und verursacht Unsicherheit im Umgang miteinander.

Mohrenstraße – ja oder nein?

Die Diskussion ist sehr aufgeladen – aber ich bin ein Freund des Kontextualisierens. Wenn man den Namen klar einordnet, sodass die Menschen den Zusammenhang erleben, dann ist das in Ordnung. Nehmen wir die Stadt Coburg. Sie hat den Kopf eines Schwarzen im Wappen. Das soll den Heiligen Mauritius ehren. Ich finde den Gedanken großartig: Wenn man den im Mittelalter eingepflanzten Gedanken weiterträgt, indem man die Abbildung ohne die rassistischen Signale zeitgemäß umwandelt, damit sich niemand daran stößt, wäre eine Heldengeschichte implantiert, die verbindet statt zu spalten. Das trifft meinen Kern: Ich will weder, dass Menschen verletzt werden, noch möchte ich, dass sich Menschen permanent schuldig fühlen müssen für etwas, das nicht in ihrer Absicht lag. Auch diese Sensibilisierung müssen wir hinbekommen.

Haben Sie selber Diskriminierung erfahren? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ein Schwarzer in Deutschland ohne  Diskriminierungserfahrung – das käme einem Wunder gleich. Aber ich bin nicht in den Südstaaten Amerikas aufgewachsen. Ich möchte ein anderes Narrativ, keines, das mich als Opfer abbildet. Reden wir doch über die vielen großartigen Menschen hier in Deutschland, die mir im Kleinen wie im Großen geholfen haben, dahinzukommen, wo ich heute bin. Reden wir über die Menschen, die sich mit mir zusammen gegen dummes Zeug redende Leute gestellt haben. Die Helden des Alltags, die Gutes bewirken und deren Schaffen durch das Spotlight auf negative Schlagzeilen in den Hintergrund tritt. Diese Menschen sind das Rückgrat und Gewissen unserer Gesellschaft. Das ist viel spannender als aus meinem Leben eine traurige Geschichte zu konstruieren.

Als Musikunternehmer wollen Sie mehr afrikanische Kultur nach Berlin bringen. Es gibt aber Kritiker, die halten die Übernahme von Kultur, Mode, Essen, Frisuren für eine Form kolonialen Raubes. Was sagen Sie denen?

Ich sage: Viel Spaß in der vernetzten, digitalisierten Welt bei der Durchsetzung dieser Vorstellungen! Wenn wir mit dem globalen Süden interagieren, spüre ich: Afrika braucht Helden. Deshalb betreibe ich mit Universal Music eine Firma in Südafrika, die Künstlern die Möglichkeit gibt, ihre Musik dem europäischen Musikmarkt zuzuführen. Man muss der Welt zeigen, dass Afrika aus kultureller Sicht eine kreative Supermacht ist. Der afrikanische Kontinent weist mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren – in Europa sind es 46 – gerade in der digitalisierten Welt enormes Wachstumspotenzial auf. China hat das begriffen und investiert massiv in den Kontinent. Es ist an der Zeit mit den Staaten Afrikas die Partnerschaften neu zu denken. So können wir für die Zukunft auch für den Mittelstand neue Märkte erschließen, hüben wie drüben neue Arbeitsplätze schaffen, die auch die Migrationsströme in Richtung Europa eindämmen. Damit reden wir auch über Sicherheit für Europa und Deutschland. Lasst uns in der digitalen Welt Möglichkeiten suchen, wie man von Berlin aus Partnerschaften ausbauen kann, wie man noch mehr junge Menschen aktiv einbeziehen kann – wie man eine stabile Zukunft sichern kann. Das wäre doch klasse!

Das Gespräch führte Maritta Tkalec.