Im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde. 
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BerlinFür eine Entschuldigung, so sagt man, ist es nie zu spät. Offenbar sieht das auch Wolfgang Schäuble so. Auf einer vom Verein Bürgerkomitee 15. Januar e.V. veranstalteten Podiumsdiskussion am Mittwochabend in Berlin sprach der CDU-Politiker mit dem DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz über den gut 30 Jahre zurückliegenden Streit zwischen Bonn und Ost-Berlin um die Frage, wie man nach der Wiedervereinigung mit den Stasi-Akten umgehen solle – der Westen wollte sie wegsperren, der Osten für die private und historische Aufarbeitung zugänglich machen. Und Schäuble zeigte späte Einsicht: „Es tut mir leid“, sagte er, „dass wir Westler damals erst so spät verstanden, was für eine zentrale Bedeutung diese Frage für die Bürger in der DDR hatte.“

Ein Blick zurück: Am 24. August 1990 hatte die Volkskammer ein Gesetz beschlossen, wonach Sonderarchive zur Verwaltung der Stasi-Akten geschaffen werden sollen, die Betroffenen und Historikern einen Zugang zu Akteninhalten ermöglichen. Bonn wollte das Gesetz nicht in den Einigungsvertrag aufnehmen und bestand darauf, dass die schriftliche MfS-Hinterlassenschaft in das Bundesarchiv überführt und dort für mindestens 30 Jahre unberührt liegenbleibt.

In der Podiumsdiskussion in der Kirche Sankt Bartholomäus am Prenzlauer Berg war Schäuble sichtlich bemüht, den Konflikt von damals herunterzuspielen. Als seinerzeitiger Innenminister hatte er mit dem DDR-Politiker Günther Krause in komplizierten Gesprächen den Einigungsvertrag ausgehandelt. „Angesichts der Dimension der Aufgaben, die vor uns lagen, standen die Stasi-Akten in der Reihenfolge der Probleme für uns in Bonn weit hinten“, sagte er. „Als wir dann aber hörten, dass die Volkskammer an dem Stasiaktengesetz unbedingt festhalten will, habe ich gesagt, dann machen wir das eben.“ So entstand die Vereinbarung, dass der gesamtdeutsche Bundestag ein Stasiunterlagen-Gesetz erarbeiten werde – das nach seiner Verabschiedung im November 1991 Betroffenen, Medien und Wissenschaftlern sogar noch mehr Zugangsmöglichkeiten erlaubte als das DDR-Gesetz.

Werner Schulz, der für die Grünen später im Bundestag und Europaparlament saß, wies allerdings darauf hin, dass die Sache damals doch nicht ganz so einfach ablief, wie der CDU-Politiker es nun darstelle. Bonn habe lange nicht anerkennen wollen, dass die Öffnung der Stasi-Akten notwendig sei – für eine von den Bürgern eingeforderte historische Aufarbeitung des SED-Unrechts, aber auch für die persönliche Rehabilitierung der vielen Opfer des Systems und die Rekonstruktion privater Leben, in die die Stasi oftmals unbemerkt eingegriffen habe. Vielmehr habe im Westen eine große Angst und Unsicherheit darüber geherrscht, was die Stasi da alles aufgeschrieben haben könnte.

Tatsächlich hatte die Illustrierte „Quick“ im Mai 1990 eine sechsteilige Artikelserie mit dem Titel „Die geheimen Stasi-Akten über unsere Politiker“ angekündigt, in der Auszüge aus abgehörten Telefonaten westdeutscher Politiker veröffentlicht werden sollten. Nachdem der erste Teil der Serie erschienen war, intervenierte Schäuble persönlich beim Chefredakteur, der daraufhin die Fortführung der Serie stoppte.

Vor diesem Hintergrund klang es wenig überzeugend, dass Schäuble am Mittwochabend behauptete: „Ich hatte nie Angst davor, was in diesen Akten drinstehen könnte.“ Nach seiner Darstellung hätten er und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl allerdings Sorge darum gehabt, dass eine Öffnung der Stasi-Akten einen weiteren friedlichen Verlauf der Revolution in der DDR verhindern könnte. „Ich weiß von Ministern der DDR-Regierung, die in ihren Büros gepackte Koffer hatten, mit denen sie notfalls schnell in den Westteil der Stadt gefahren wären“, sagte Schäuble. „Selbst der Ministerpräsident Lothar de Maizière hatte noch im September 1990 vor Mord und Totschlag gewarnt, wenn die Stasi-Akten geöffnet werden.“

Alle diese Befürchtungen erwiesen sich aber als übertrieben. Mehr als drei Millionen Menschen haben inzwischen ihre MfS-Akten einsehen können, ohne dass es zu Racheaktionen gekommen ist. Vor diesem Hintergrund waren sich Schulz und Schäuble am Mittwochabend einig, dass die Öffnung des Stasi-Archivs eine Erfolgsgeschichte ist.