Kunden mit Maske in einem asiatischen Shopping-Zentrum.
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WienÖsterreich lockert nach sehr rigiden Sperren die Corona-Einschränkungen. Nach den wochenlangen Ausgangsbeschränkungen brauchen die Menschen in Österreich von diesem Freitag an keinen besonderen Grund mehr, um das Haus zu verlassen. Ab Montag sollen die Schulen wieder öffnen, ohne Stufenplan wie in Deutschland. Mitte Mai dürfen die erste Restaurants wieder Gäste empfangen. Ab 29. Mai öffnen Hotels, Schwimmbäder und Freizeitanlagen. 

Die Gesundheitsexpertin Claudia Wild, Geschäftsführerin des österreichischen Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), kritisierte die von Angst dominierte Politik, die sich weltweit in der Corona-Krise etabliert habe. Weitreichende Einschränkungen würden ohne die notwendige, wissenschaftliche Evidenz getroffen. Ihr Institut wurde vom Gesundheitsministerium beauftragt, eine Übersicht der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich Covid-19 zu erstellen.

Im Interview mit der Wiener Zeitung Der Standard sagte sie zur Entscheidungsfindung des globalen Kampfs gegen Corona: „Ich habe durchaus Mitgefühl mit unserer Politik, denn sie wird aktuell getrieben von einer weltweiten Bewegung, bei der es darum geht, die Freiheiten der Menschen und ihre Persönlichkeitsrechte einzuschränken.  (...) Der Politik ist vorzuwerfen, dass sie sich dem Aktionismus hingibt und nicht auf das Volk vertraut. Man könnte den Menschen auch einfach sagen, dass sie weniger Kontakt miteinander haben sollten, anstatt es zu verbieten. (...) Leider gibt es nur wenige mutige Länder, etwa Schweden, die einen anderen Weg wagen.“

Wild vertritt die Auffassung, dass es wichtig sei, dass die Menschen sich ihr Verhalten nicht von der Regierung vorschreiben lassen: „Ich hoffe, dass der Hausverstand bei den Menschen wieder aufwacht und sie sich diese Bevormundung nicht mehr gefallen lassen.“

In Schweden gibt es so gut wie keine Einschränkungen. Dass dort aber inzwischen die Todesrate einigen Berechnungen zufolge höher sein soll als anderswo, kontert sie in dem Gespräch mit dem Hinweis, es  gebe „wie bei den meisten Dingen in dieser Pandemie – keine Evidenz“. Aber die Entscheidung, Menschen nicht mehr außer Haus zu lassen, brauche wissenschaftliche Evidenz.

Dass namhafte Virologen genau diese Empfehlungen gegeben haben, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus und damit eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, wie es in Italien passierte, reicht Wild nicht aus: Wenn man nur auf Virologen hört – die sich im Übrigen auch widersprechen – und keine breitere Public-Health- oder gar gesellschaftliche Perspektive einnimmt oder zumindest zulässt, dann kommt eben genau das heraus: eine angstbesetzte Politik, die auf Kontrolle statt Vernunft setzt. Es bedürfte einer moderaten, ausbalancierten Politik: Risikogruppen und Gesundheitspersonal schützen, die Alltagsvernunft der Bevölkerung fördern.“

Zur Person 

Claudia Wild ist Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA).  Sie ist Mitglied des Fachbeirats Gesundheitsstatistik der Statistik Austria, des Nationalen Onkologiebeirats zur Erarbeitung eines Nationalen Krebsplans und bei Transparency International – Austrian Chapter (Health). Die Gesundheitsexpertin beschäftigt sich mit Kosten und Nutzen medizinischer Maßnahmen.  

Sie sieht eine gefährliche Entwicklung etwa durch die Pflicht, Abstand zu halten und zur „Maskentragerei“. Schon jetzt ist es eine Rarität, wenn Menschen sich die Hand geben. Und wenn es doch jemand tut, ist bestimmt jemand im Umfeld, der sich beschwert, oder wenn jemand in der fast leeren S-Bahn keine Maske trägt. Das Klima spitzt sich zu zwischen den Obrigkeits- beziehungsweise Virushörigen und denen, die sich wirklich damit auseinandergesetzt haben, ob diese lächerlichen Masken irgendeinen Unterschied bei der Ansteckung machen. Sie sind eher infektionsfördernd als virusabstoßend, wenn sie, wie es oft passiert, immer wieder in die Handtasche gesteckt und dann wieder getragen werden.“  

Wild gehört mit ihrem Institut zum Beraterkreis der österreichischen Regierung. Das Gesundheitsministerium hat es beauftragt, eine Übersicht der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Bereich Covid-19 zu erstellen. Es gehe darum, einen ständig aktualisierten Überblick über alle Medikamente im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu bekommen und dabei festzustellen, auf welchem Stand die Erprobungen seien. Nach ihren Worten wird derzeit global an insgesamt 155 Medikamenten und 79 Impfungen gearbeitet.