Berlin - Die Corona-Pandemie ist das Thema, das Bundeskanzlerin Angela Merkels finales Jahr im Amt bestimmt und vielleicht wird es auch die Bewertung all ihrer vier Amtszeiten dominieren. Die Pandemie sei ein Jahrhundertereignis, sagt nicht nur sie immer wieder. 

Aber wenn sie ihre eigenen Gefühle in der Krise beschreiben soll, dimmt sie wie immer komplett runter. „Dass es eine Zeit ist, in der man viel über andere Sachen nachdenken kann, würde ich jetzt nicht behaupten“, antwortet sie auf Journalistenfragen, wie es ihr denn so gehe in dieser Krise. Ende der Durchsage.

Merkel ist an diesem Donnerstag in die Bundespressekonferenz gekommen, um sich den Fragen der Journalistinnen und Journalisten zu stellen. Der Termin kam am Vortag herein, sehr kurzfristig, ein anderes Thema nahm der Journalistenverein dafür von der Tagesordnung.

Eine Bundestagssondersitzung, die kurzzeitig im Gespräch war, ist in dieser Woche nicht zustande gekommen. Die Opposition beklagt sich über die mangelnde Beteiligung des Parlaments in diesen Krisentagen. Aber der Leidensdruck war ganz offensichtlich nicht groß genug, um gemeinsam die Sondersitzung durchzusetzen. Wer weiß, vielleicht hat Merkel deshalb am Mittwochvormittag Zeit gehabt.

Pressekonferenz mit Merkel: Der Streit fällt aus

Dreimal war die Kanzlerin im vergangenen Jahr in der Bundespressekonferenz zu Gast und jedes Mal ist es ein großes Ereignis. Es ist die Gelegenheit, der Regierungschefin, die nicht häufig Interviews gibt, direkt Fragen zu stellen. Kritische Fragen. Allein die Impfungen in Deutschland, die mangels Impfstoffen schwach angefangen haben und wegen Lieferdrosselungen stark nachlassen dürften, geben genug her für eine Auseinandersetzung.

Doch die fällt aus. Die Kanzlerin ist gut im Stoff und sie pariert jeden Versuch, sie herauszufordern mit geradezu spröder Ernsthaftigkeit. Sie ist hier, um vor der dritten Welle der Pandemie zu warnen. Das könnte jetzt die sein, die alle Mühen zunichtemacht und die Infektionszahlen durch die Verbreitung der hochansteckenden Virusmutationen in die Höhe schnellen lässt.

Sie hat das oft gesagt in den letzten Tagen und wiederholt es, damit sich niemand ein falsches Bild von der derzeitigen Situation machen möge. Ja, die Zahl der Infektionen sinkt, sagt Merkel und dankt – wie immer an dieser Stelle – den Bürgerinnen und Bürgern für ihren Einsatz. „Aber wir dürfen nicht nachlassen“.

Ihr Detailwissen nutzt sie sehr geschickt, um abzulenken. Auf die Frage, warum sie bei den Experten, die sie beraten, eher einseitig verfährt, erklärt sie, dass das ja immer vom Thema abhänge. Um sodann ausführlich über den Experten aus Großbritannien zu sprechen, der die britische Mutation des Coronavirus erforscht habe.

Merkel schwächt Impfversprechen ab

Später erläutert sie allen Ernstes, wie komplex die Liefer- und Produktionskette bei der Herstellung des Impfstoffes ist. Dass es hier die Kochsalzlösung braucht und dort die Anlieferung mit Glasfläschchen ist. Einmal mehr betont sie, dass nicht die Bestellungen das Problem seien, sondern eben die Produktion.

Das hat Jens Spahn auch schon zigmal beteuert. Merkel geht allerdings etwas weiter. „Wir können nur Unterstützung sicherstellen, nicht die Produktion“, sagt sie. „Also kann ich nichts garantieren.“ Das klingt nicht mehr unbedingt nach einer Impfung für alle bis zum Sommer.

Jetzt wäre die Zeit für direkte bohrende Nachfragen. Aber die Choreografie der Kanzlerinnen-Pressekonferenzen ist eine andere. Jeder hat seine Fragen schon im Kopf, die er oder sie stellen will. Daher geht es hin und her. Aufschlag, Abwehr. 

Wie belastet sind die Bund-Länder-Beziehungen? „Wir haben vieles abzuwägen. Ich schätze die Zusammenarbeit, auch wenn sie manchmal mühselig ist.“

Wie ist das mit der weltweiten Verteilung des Impfstoffes? „Wir haben eine Riesenaufgabe vor uns.“

Was halten Sie von der Sperrstunde in Holland. „Ja, das ist eine harte Maßnahme. Aber wir kommen jetzt in eine günstigere Jahreszeit.“

Wird die Aufgabenverteilung mit dem neuen CDU-Chef problematisch? „Das glaube ich überhaupt nicht.“

Nur harmose Fragen an die Kanzlerin?

Der Berliner Bürochef des Economist, Tom Nuttal, twittert später etwas abfällig, es seien jede Menge „softball questions“ gestellt worden, also recht harmlose Fragen.

Wahr ist aber auch, dass Merkel mittlerweile eine regelrechte menschliche Festung ist. Was treffen könnte und vielleicht auch sollte, prallt ab. Auf der anderen Seite lässt sie das sehr unempathisch wirken. Wenn es um die Situation der Pflegeheime geht, sagt sie zwar: „Es bricht mir das Herz“, über die Probleme anderer Gruppen aber geht sie schnell hinweg. Junge Leute? Ja, das ist eine harte Zeit auch für sie, aber wir haben ja schon geholfen. Nächstes Thema, bitte.

Am augenfälligsten wird es, wenn es um sie selbst geht. Mit solchen Fragen kann sie nichts anfangen und will es augenscheinlich auch gar nicht. Man kann es nur so erklären, dass sie im Laufe ihrer Amtszeiten ihre eigene Person, die anfangs ja heftig attackiert wurde, immer mehr vom Amt getrennt hat. Dadurch wurde sie immer mehr zu einer Regierungsikone. Unanfechtbar, aber eben auch unnahbar. Einmal versucht noch jemand danach zu fragen, was sie bewegt. „Mein Gefühl ist angespannte Aufmerksamkeit und das ist nicht anders als seit dem fünften Tag meiner Amtszeit“, sagt sie. Man glaubt es ihr.