Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinIst ein Kind Arbeit? Darüber ist unter jüngeren Feministinnen eine Debatte losgebrochen. Anlass war ein Text der Schriftstellerin Mirna Funk. Auf Instagram hatte sie geschrieben, sie würde ihr Kind nicht als „unbezahlte Reproduktionsarbeit“ bezeichnen, sondern als Wunder. Erziehung sei oft anstrengend, nervig und krass, aber wer das nicht wolle, solle kein Kind bekommen. Viele jüngere Feministinnen reagierten empört. Meine ehemalige Kollegin, Anne Dittmann, widersprach in der Zeitung Welt. Es mache durchaus Sinn, für Reproduktionsarbeit einen „Nachteilsausgleich“ zu erhalten. „Eltern fordern ihn für das Gebären, Bekleiden, Pflegen, Erziehen, Erklären, Ernähren, Bewachen, Organisieren von Terminen, Bilden ihrer Kinder – unabhängig davon, ob sie sie als kleine Wunder betrachten oder nicht“, schrieb die Autorin.

Ich las das und schwankte zwischen Faszination und Irritation. Einen Nachteilsausgleich? Wer soll den bekommen? Wie hoch soll er sein? Und was würde diese Zahlung von der umstrittenen Herdprämie unterscheiden?

In der Debatte um unbezahlte Reproduktionsarbeit geht einiges durcheinander. Das fängt schon mit dem schwammigen Begriff an, in dem Kinderbetreuung, Pflege von alten Menschen, Behindertenarbeit, ehrenamtliches Engagement zusammengeworfen werden, als wären es nicht völlig verschiedene Politik- und Problemfelder. Allein in der Familienpolitik gibt es bereits 150 Einzelmaßnahmen, wie Jenna Behrends in ihrem Buch „Rabenvater Staat“ darlegt.

Ich erinnerte mich an einen Satz der früheren BVG-Chefin Sigrid Nikutta, die einmal sagte, ihre Kinder seien ihr Hobby. Ich fand das damals schräg, verstehe aber, was sie meint. Ich möchte nicht dafür bezahlt werden, dass ich meinen Kindern etwas koche, sie abends ins Bett bringe, ihnen den Po abwische.

In einer Zeit, in der das Arbeitsleben entgrenzt ist, in der Chefs von ihren Angestellten ständige zumindest digitale Präsenz und Selbstvermarktung erwarten, bin ich froh, dass es einen Bereich in meinem Leben gibt, der nicht von wachstums- und profitfixiertem Denken durchzogen ist. Kinder sind anstrengend, ja, aber sie bringen einen anderen Blick, ein anderes Tempo. Sie überwältigen mit ihren Gefühlen, im Guten („Mama, du bist die Allerbeste“) und im Schlechten („In der Kita schmeckt der Kartoffelbrei aber besser“). Das Leben mit Kindern zu wiegen, abzuzählen, mit einem Preis zu versehen, als Teil einer finanziellen Transaktion, das widerstrebt mir. Vielleicht bin ich da altmodisch.

Soweit ich es verstanden habe, wollen die meisten jungen Frauen keine Neo-Hausfrau sein, sondern Beruf und Familie verbinden, das zeigen die Statistiken, deshalb würde ich bei den Reformforderungen woanders anfangen: bei der Arbeitswelt, die familienfreundlicher werden muss. Bei den jungen Vätern, die stärker in die Pflicht genommen werden müssen.

Wenn man das öffentlich sagt, wird man mundtot gemacht, wie Mirna Funk, was nur bedingt zur Qualität der Debatte beiträgt. Man solle solidarisch sein, seine Privilegien überprüfen. Der Satz mit den Privilegien kommt aus der amerikanischen Debatte und gehört inzwischen zum festen Vokabular, auch im Feminismus. Es geht sehr schnell nicht mehr um den Inhalt oder politische Forderungen, sondern um die Identität, die „Sprecherposition“. Reden darf nur der, der sich auch benachteiligt fühlt, wobei als Kategorien vor allem Geschlecht, ethnische Herkunft oder Familienstand herangezogen werden. Klasse spielt eher selten eine Rolle.

Als ich einmal schrieb, dass ich gerne arbeite, schrieb mir eine Aktivistin zurück: Ich sei eine privilegierte weiße, verheiratete Frau, die den neoliberalen Traum lebe. Wow, dachte ich, ich habe es als ostdeutsches Arbeiterkind offenbar weit gebracht.