Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak 

BerlinWir treffen uns schon um acht Uhr in den Räumen des Berliner Verlags, denn Philipp Rubach, der eigens für dieses Gespräch aus Athen gekommen ist, hat um kurz nach 12 Uhr seinen Rückflug. Und Ottilie Klein muss an ihren Arbeitsplatz im Abgeordnetenhaus, wo sie für die CDU-Fraktion arbeitet. Die beiden sind gleich beim Du.

Herr Rubach, es gibt diese Geschichte, die Sie in der Vergangenheit häufiger erzählt haben. Die Geschichte mit dem Kaffeetisch. Wollen Sie sie noch einmal erzählen?

Philipp Rubach: In meiner Familie ist die Treuhand ein großes Thema. Also die Abwicklung von 6 500 Betrieben nach der Wende, infolge derer über drei Millionen Menschen im Osten ihren Job verloren haben. Am Kaffeetisch erzählt mein Opa immer wieder von den westdeutschen Männern, die damals mit den schwarzen Aktenkoffern kamen und die Betriebe geschlossen haben.

Ihr Großvater war Generaldirektor in einem VEB-Kombinat.

Rubach: Ich will das gar nicht  auf seine Person reduzieren, es geht eher darum, was damals systematisch stattgefunden hat. Das hat bis heute einen Einfluss auf die politische Entwicklung im Osten. Weil es bei vielen das Gefühl gibt, noch immer Menschen zweiter Klasse zu sein. Das lässt sich auch an Löhnen und Renten festmachen, die in Ostdeutschland immer noch niedriger sind als im Westen. Genauso ist die Nicht-Repräsentanz von Ostdeutschen in Führungspositionen ein großes Thema bei uns zu Hause.

Gibt es so ein einschneidendes Thema bei Ihnen in der Familie auch, Frau Klein?

Ottilie Klein: Ja. Meine Eltern sind als Russlanddeutsche 1982 unter großen Schwierigkeiten aus der Sowjetunion in die DDR ausgereist. Dort angekommen musste mein Vater  hart dafür kämpfen, dass er mit meiner Mutter und meinem Bruder nach Westdeutschland übersiedeln durfte. Trotz aller Repressalien durch die Stasi konnte meine Familie dann 1983 ausreisen. Wenige Monate später kam ich im Schwarzwald zur Welt

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Ottilie Klein


… wird 1984 in Villingen-Schwenningen geboren.

… studiert in Bonn und an den Universitäten in Oxford und Mount Holyoke Neuere Geschichte, Politikwissenschaft und Nordamerikastudien und promoviert schließlich 2016 binational an den Universitäten von Gießen und Helsinki in Literaturwissenschaften.

… ist die Mitgliederbeauftragte der Berliner CDU und leitet das Büro des Fraktionsvorsitzenden im Berliner Abgeordnetenhaus.

Wie bewerten Sie, Frau Klein, die Treuhand und die wirtschaftlichen Vorgänge ab 1990?

Klein: Ich finde auch, dass über die Rolle der Treuhand gesprochen werden muss. Die Menschen haben 1990, mitten in einer großen gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung, gehofft, dass es zu einem zweiten deutschen Wirtschaftswunder kommt. Man hat ihnen jahrelang erzählt, dass die DDR die zehntgrößte Industrienation der Welt ist, was Propaganda war. Natürlich waren sie dann enttäuscht, als sich herausstellte, dass die DDR pleite war und lange nicht so entwickelt wie angenommen. Die Frage ist aber auch: Was hätte man anders machen sollen?

Rubach: Es gab ja damals ernsthaft diskutierte wirtschaftliche Alternativen. Die Treuhand, so wie sie ursprünglich mal am runden Tisch gegründet wurde, beruhte eigentlich auf der Idee, dass man für alle DDR-Bürger Anteilsscheine an den volkseigenen Betrieben ausstellt.  Dass dann alles gekippt ist, hängt viel mit Springer und Helmut Kohl zusammen, mit den Versprechungen von blühenden Landschaften, der D-Mark.

Klein: Aber die Betriebe hätten ja nicht einfach so weitergeführt werden können. Die DDR hat vorwiegend für den Ostmarkt produziert, der größte Abnehmer war die Sowjetunion. Als die im Jahr 1990 zusammenbrach, brach auch ein ganzer Markt weg. Die DDR-Betriebe waren teilweise in einem schlimmen Zustand, sowohl was die Ausstattung als auch was den Sanierungsbedarf anging.  Welche Produkte hätte man da herstellen sollen. Und wer wäre der Abnehmer gewesen?

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Philipp Rubach


… wird  1996 in Weimar geboren, er wächst in Dresden auf und studiert Sonderpädagogik in Leipzig. Derzeit lebt er als Erasmus-Student in Athen.

… 2018 gründet er mit anderen jungen Ost- und Westdeutschen die Bewegung „Aufbruch Ost“.  Ihr Ziel ist es, den Osten stärker auf die Agenda zu setzen.

 … und seine Initiative  wünschen sich für Ostdeutschland einen Aufbruch jenseits von Pegida und AfD, der an die Stimmung von 1989 anknüpft.

Rubach: Es stimmt, es gab etliche Betriebe im Osten, die marode waren, aber es gab auch etliche, die ohne weiteres zu transformieren gewesen wären. Die Menschen im Osten haben ein Recht darauf, zu erfahren, warum sie damals ihren Job verloren haben. Ähnlich wie bei den Stasi-Akten, müsste jeder Ostdeutsche seine Treuhandakte einsehen können.

Klein: Die Sperrfrist für die Akten beträgt 30 Jahre. Die historische Aufarbeitung beginnt ja erst.  

Rubach: Mir geht es, anders als Ihnen, nicht darum, dass von Geschichtswissenschaftlern ein bisschen Geschichte aufgearbeitet wird. Ich möchte, dass sich die westdeutsche Öffentlichkeit für die Umbruchserfahrungen und die Belange des Ostens interessiert. Die Kameras, die vor den Landtagswahlen im Osten waren, müssen bleiben.

Klein: Ich denke wir können uns darauf einigen, dass in dieser Umbruchphase auch Fehler gemacht wurden. Auch die Bundesrepublik war ja zum ersten Mal in einer solchen Situation. Es ging aber nicht nur um Privatisierung …

Rubach: Sanieren, privatisieren, stilllegen.

Klein: … sondern auch darum, wie man DDR-Betriebe weiterführen kann. Es gab auch einen Fokus auf Sanieren, nicht nur auf Abwickeln. Und es wurden ja nicht alle Betriebe abgewickelt. Weiterführen war aber oft keine Alternative, denn viele Produkte hatten keine Abnehmer mehr.

Rubach: Beschäftige dich mal mit dem ehemaligen Kali-Bergwerk in Bischofferode. Wir waren als Aufbruch Ost selber dort, haben uns die Absatzzahlen angeschaut. Bischofferode hätte noch über Jahrzehnte Kali-Salze exportieren können. Aber die Kali-West wollte das nicht. Das ist radikaler Kapitalismus aus westdeutschem Interesse heraus, hat aber nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Und deshalb ist es wichtig, dass wir als junge, ostdeutsche Generation nachfragen: Wie konnte das passieren?

Sie erwähnten gerade „Aufbruch Ost“. Könnten Sie das bitte erklären
.

Rubach: „Aufbruch Ost“ hat sich im September 2018 in Leipzig gegründet. Heute sind wir etwa 50 junge ost- und westsozialisierte Menschen, die sich zusammengefunden haben und sich mit ostdeutscher Geschichte auseinandersetzen. Wir kritisieren, dass deutsche Geschichte in der Regel westdeutsche Geschichte ist. Diese Sprachlosigkeit wollen wir überwinden und Worte dafür finden, was in den letzten 30 Jahren in Ostdeutschland stattgefunden hat. Denn meine Generation oder Menschen, die rund zehn Jahre älter sind, hatten eigentlich keine Orientierung. Es gab keine Eltern, Lehrer oder sonst wen, die einem erklären konnten, was hier passiert ist. Als junge Ostdeutsche mussten wir uns die Welt selbst erschließen.

Klein:   Das verstehe ich jetzt nicht. Ja, unsere Elterngeneration hat den großen Umbruch erlebt. Alles hat sich innerhalb weniger Wochen geändert, das Bildungssystem, die Jobs, einfach alles. Aber unsere Generation hat doch alle Möglichkeiten.

Rubach: Ich spreche davon, dass die Elterngeneration keine Orientierung geben konnte, weil sie diese Umbruchsituation ja erst einmal selbst meistern und in einem komplett neuen System ankommen musste.

Klein: Auch meine Eltern haben in einem anderen System gelebt und mussten Umbrüche bewältigen. Die Jungen sind aber in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen.
 Aber wirkt es nicht auf einen jungen Menschen ein, wenn man zutiefst verunsicherte Eltern und Großeltern hat? Wie eine Art Familien-Trauma?

Rubach: Das ist sogar ein gesellschaftliches Trauma.

Klein: Das will ich nicht in Abrede stellen.

Zurück zu „Aufbruch Ost“.


Rubach: Bei „Aufbruch Ost“ geht es darum, für Selbstermächtigung zu streiten und kämpferische Forderungen zu stellen. Wir wollen, dass mehr Ostdeutsche in Führungspositionen kommen. Dass es eine Angleichung von Löhnen und Renten gibt. Denn 30 Jahre nach der politischen Einheit gibt es immer noch keine wirtschaftliche Einheit.  

Klein: Ich finde auch, dass es bei Löhnen und Renten keinen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland geben sollte. Das Ziel ist, dass wir auch hier wiedervereinigt sind.
Es gibt aber nicht nur hinsichtlich der Löhne und Renten Ungleichheit, oder?

Rubach: Man kann heute überall hinreisen, wenn man das Geld dafür hat, was im Osten aber nicht alle haben …

Klein: … auch im Westen nicht …

Rubach: … genau, aber es gibt im Osten einen Mobilitätszwang, weil man im Westen immer noch besser verdient. Da muss man sich doch nur mal den Pendelverkehr zwischen Ost und West ansehen. Wer heute im Osten Maschinenbau studiert, der wird nicht hier bleiben. Und das macht etwas mit den Regionen im Osten, wenn es eine Abwanderung von kreativen Köpfen gibt und die Alten zurückbleiben. Da ist ein riesiger Schaden, der durch eine neoliberale Privatisierungspolitik angerichtet worden ist.

Klein: Strukturschwache Regionen gibt es auch im Westen. Richtig ist, dass aufgrund der Misere in der DDR-Planwirtschaft die wirtschaftliche Situation heute im Osten in manchen Bereichen noch eine andere ist. Die Treuhand ist aber nicht Grund für alles, was im Osten nicht gut läuft. Und: Du sprichst von einem neoliberalen Wirtschaftssystem. Da muss ich widersprechen. Wir haben eine soziale Marktwirtschaft. Neoliberalismus ist ein linkes Schlagwort, das gerne benutzt wird, um die soziale Marktwirtschaft zu diskreditieren. Deutschland hat noch nie so viel für Soziales ausgegeben, fast eine Billion Euro. Vor diesem Hintergrund finde ich es übertrieben, unser Wirtschaftssystem als den knallharten Neoliberalismus zu brandmarken.

Rubach: Ich kenne diesen konservativen Schachzug, dass immer alles auf die Planwirtschaft geschoben und anstatt von Kapitalismus von sozialer Marktwirtschaft gesprochen wird. Aber was ist das für eine soziale Marktwirtschaft, in der die Ungleichheit zwischen Arm und Reich immer größer wird?

Welches System wäre besser als das jetzige, Herr Rubach?

Rubach: Ich glaube, wir müssen ernsthaft über Alternativen nachdenken. Es geht darum, ein sozial gerechteres System zu finden, das beispielsweise auch hinsichtlich des Klimas eine Perspektive hat. Unter dem jetzigen System leidet das Klima. Das hat es in der DDR auch getan.

Klein: Aber hallo!

Rubach: Aber es ist eben auch nicht viel besser geworden.

Klein: Na ja, es ist schon besser geworden. Die Flüsse sind nicht mehr bunt. Die Umweltmisere der DDR kann man mit der heutigen Situation wirklich nicht vergleichen.

Rubach: Wir können mit dem jetzigen System nicht zufrieden sein. Es gilt, mehr über Gemeinnützigkeit und Eigentumsformen wie Genossenschaften nachzudenken.

Klein: Warum möchtest du ein anderes System? Wo bist du unzufrieden, wo hast du als junger Mensch in unserem System zu wenige Chancen?

Rubach: Es geht nicht um mich allein.

Klein: Aber es geht um die jungen Leute.

Rubach: Es geht darum, dass das bestehende System weder sozial gerecht ist, noch …

Klein: Wie kommst du darauf?

Rubach: Viele Menschen fühlen sich nicht nur abgehängt, sie sind es auch. Auch in Deutschland gibt es Kinder- und Altersarmut. Die Bundesregierung hat überhaupt keinen Plan und keine Zukunftsvision. Darunter leiden nicht nur die Volksparteien, sondern auch die Demokratie. Und dann wird immer vom Ende der Geschichte und der angeblichen Alternativlosigkeit gesprochen, und dass man sich keine Gedanken machen soll, weil es ja allen gut geht.

Klein: Mir ist nicht bekannt, dass die Bundesregierung behauptet, die Geschichte sei vorbei. Das verbinde ich eher mit Francis Fukuyama. Deine Annahme ist ja: Irgendwas läuft schief, irgendwas ist nicht gut. Wenn du sagst, wir müssen uns über ein neues System Gedanken machen, müssen Visionen haben, was ist denn deiner Meinung nach nicht gut?

Rubach: Was nicht gut ist? Dass die Klimaziele nicht erreicht werden, dass wir Hartz IV haben, dass es soziale Ungerechtigkeit gibt, dass wir ein Problem mit Rechtsextremismus haben, insbesondere im Osten.

Klein: Und wie sähe deine Alternative aus, um diese ganzen Probleme zu bewältigen?

Rubach: Ich habe keine konkrete Alternative, aber die Methodik wäre, dass man wieder mehr auf Basisdemokratie setzt und Leute in Entscheidungs- und Gedankenprozesse einbezieht. 1989 hatten wir den runden Tisch, der eigene Gesellschaftsentwürfe entwickelt hat.

Klein: Aus einem völlig anderen System in einem völlig anderen historischen Kontext heraus. Das kann man nicht mit heute vergleichen. Wir leben ja, gottseidank, in einer Demokratie.

Rubach: In einer repräsentativen …

Klein: Ja, klar. Das System hat sich bewährt. Ich sehe kein Demokratiedefizit. Und was das Klima angeht: Daran wird ja gearbeitet. Es ist auch nicht so, dass da in den letzten Jahren nichts passiert wäre.

Rubach: Das Klimapaket ist mutlos und sozial ungerecht.

Die AfD knüpft an dieses Ungerechtigkeitsempfinden im Osten an.

Rubach: Ja, und mein Ziel ist es, diese Ungerechtigkeitserfahrung nicht den Rechten zu überlassen, sondern nach links zu kanalisieren.

Klein: Deine Annahme ist ja immer, dass es nicht sozial gerecht zugeht. Und dem widerspreche ich. Wir leben in einem der gerechtesten Länder der Welt. Den meisten Menschen geht es so gut wie nie.

Wie erklären Sie sich dann dieses Ungerechtigkeitsempfinden in Ostdeutschland?

KLEIN: Ich weiß nicht, ob man pauschal sagen kann, dass sich die Menschen in Ostdeutschland benachteiligt fühlen. Wenn es so ist, dann sollte die Antwort aber sein, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Das ist es ja auch, was du machst, Philipp. Das ist eine super Sache. Vielleicht fühlen sich die Menschen nicht verstanden und sagen dann aus Protest oder Trotz: So, jetzt wähle ich aber die AfD. Ich sehe jedenfalls nicht, dass es eine Frustration mit der sozialen Marktwirtschaft gibt und die Menschen im Osten deswegen die AfD wählen.

Rubach: Es hat im Osten sehr schwere soziale Verwerfungen gegeben. Hartz IV war nach der Treuhand der nächste große Schlag für die Menschen. Und das spielt in das AfD-Wahlverhalten mit hinein. Außerdem gibt es ein Stadt-Land-Problem, der ländliche Raum fühlt sich abgehängt und dort haben wir hohe AfD-Wahlergebnisse. Zudem gibt es das Problem, dass Rassismus und rechte Straftaten sowohl in der DDR als auch danach nicht ausreichend thematisiert worden sind. Mindestens 169 Todesopfer rechter Gewalt wurden seit der Wende in Deutschland gezählt. Vielerorts ist es leider immer noch so, dass Leute mit bunten Haaren oder einer anderen Hautfarbe damit rechnen müssen, angegriffen zu werden.

Klein: Ist das ein Ost-Problem?

Rubach: Es ist ein deutsches Problem.

Klein: Ja. Rechtsextremismus ist ein Problem, Linksextremismus auch. Islamismus ist ein Problem. Wir haben viele Probleme. Lass uns bei Hartz IV bleiben. Wir haben in Thüringen eine relativ niedrige Arbeitslosenzahl, und dennoch hat die AfD dort ein solch hohes Ergebnis bekommen. Die Agenda 2010 ist einer der Gründe, warum wir heute so viele Menschen in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung haben wie noch nie. Das muss man auch mal anerkennen. Natürlich braucht es Zeit, bis sich der Wechsel von Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft auch in wirtschaftliche Prosperität übersetzt.

Rubach: Wie lange sollen wir noch warten, bis hier endlich etwas passiert? Und warum sollen junge Ostdeutsche wie ich, Leute von Aufbruch Ost oder andere in meiner Generation nicht endlich auch lautstarke Forderungen stellen. Es ist dringend notwendig, dass es gesellschaftlichen Druck gibt, denn die Politik ist nicht in der Lage, Veränderungen einzuleiten.

Herr Rubach, Sie führen diese Gespräche mit Menschen auf der Straße, in mobilen Cafés. Was bekommen Sie denn da zu hören?

Foto: BLZ/Paulus Ponziak

„Ein politisches System kann endlich sein.  Es lohnt sich, über andere Gesellschaftssysteme nachzudenken.“ - Philipp Rubach

Rubach: Es war weder in Zwickau noch in Bautzen oder anderswo der Fall, dass Leute an unseren Stand gekommen sind und gesagt haben: Ist ja alles super, in Deutschland ist alles gerecht und die letzten 30 Jahre sind blendend gelaufen. Wir merken, dass es eine große Unzufriedenheit gibt. Wir kommen mit den Menschen sehr gut ins Gespräch, nur haben wir am Ende kein konkretes Angebot. Daran müssen wir arbeiten. Wir sind eine Bewegung im Aufbau.

Welche Veränderungen stellt sich Aufbau Ost vor, vielleicht auch in Zusammenarbeit mit etablierten Parteien?

Rubach: Wir sind eine klar außerparlamentarische Initiative, an keine Partei gekoppelt, aber wir wollen in Zukunft zum Beispiel mehr den Zusammenschluss mit Gewerkschaften suchen. Wir glauben, dass Gewerkschaften viel kämpferischer auftreten müssen, beispielsweise hinsichtlich der Angleichung der Löhne, damit man spürt, dass Organisierung sich lohnt.

Hat man die Leute, die sehr unter den Vorgängen damals gelitten haben, womöglich schon verloren?

Rubach: Menschen hat man nie verloren. Klein: Wir sollten die Lebensleistung der Menschen anerkennen. Die Bürger der ehemaligen DDR haben den großen Umbruch erlebt und trotzdem nicht aufgegeben, waren mutig und haben die Herausforderung angenommen. Ich finde übrigens  die Unterscheidung Ostdeutsche und Westdeutsche sehr befremdlich. Mein Bruder wohnt  schon lange in Leipzig und ist mit einer Leipzigerin zusammen. Ich würde sie nicht als Ostdeutsche bezeichnen. Vielleicht bin ich aber auch schon so „wiedervereinigt“, dass ich gar nicht so denke. Das Ziel muss das Verbindende sein, nicht das Trennende. Wenn wir immer wieder diese Zuschreibungen benutzen, hat das einen spaltenden Effekt.

Rubach: Lebensleistung anerkennen definitiv. Aber dann muss man es auch machen. Es wird gerade über die Grundrente diskutiert, diese ist sehr wichtig für die Menschen im Osten. Aber da muss eben auch mal was passieren. Man kann den Leuten nicht einfach erzählen, es gibt halt Schwarz-Rot-Gold, es gibt ein Volk, und jetzt seid mal alle nicht so unzufrieden. Ich sehe nicht ein, dass ich gesamtdeutsch denken soll, wenn es diesen Mobilitätszwang im Osten gibt, und gut ausgebildete Menschen in den Westen gehen, weil sie da eine bessere Perspektive haben.

Klein: Der Begriff Mobilitätszwang stört mich. Wir leben in einem freien Land, nicht in einem, das seine Bürger einsperrt. Jeder kann sich bewegen, wie er möchte. Jeder kann beruflich machen, was er möchte, jeder kann zum Beispiel ein Unternehmen gründen.

Rubach: Man muss nicht zwangsläufig in den Westen gehen, aber dann hat man halt mitunter einen niedrigeren Lohn oder keine Arbeit. Und man kann nicht einfach, weil man lustig ist, ein Unternehmen gründen und sich eine rosige Zukunft aufbauen, weil man dafür ein gewisses Grundkapital braucht. Das war auch eines der Grundprobleme der 90er-Jahre, dass die Ostdeutschen nicht so zuschlagen konnten bei dem Transformationsprozess. Die Westdeutschen verfügten über mehr Kapital.

Klein: Nicht alle.

Rubach: Ja, aber das führte halt dazu, dass knapp 80 Prozent der Betriebe von Westdeutschen aufgekauft wurden, fünfzehn Prozent vom Ausland, und nur fünf Prozent gingen an Ostdeutsche. Es ist in der Regel nicht so, dass man einfach vom Tellerwäscher zum Millionär wird.

Klein: So ist es auch in Westdeutschland nicht. Man wird nicht gleich zum Millionär, weil man ein Unternehmen gründet. Aber man hat eben die Freiheit, ein Unternehmen zu gründen. Die DDR war ein System der Unfreiheit.

Rubach: Die DDR ist ambivalent zu betrachten, genauso wie die Bundesrepublik.

Klein: Inwiefern?

Rubach: Ich wünsche mir die DDR nicht zurück, aber es gab dort auch positive Aspekte, wie zum Beispiel das flächendeckende Kita-Netz, die Polikliniken und die Berufsausbildung mit Abitur. Doch das einzige, was übernommen wurde, war der grüne Ampelpfeil. Es wurde alles verteufelt, was es in der DDR gab. Das wird dem autoritären Staatssozialismus aber auch nicht gerecht. Die DDR war in sozialer Hinsicht viel, viel gleicher als es die Bundesrepublik heute ist.

Klein: Das ist eine steile These.

Rubach: Mittlerweile werden Ärztehäuser aufgebaut. Und auch das finnische Schulsystem, das in meinem Lehramtsstudium als Vorbild gilt, ist dem der DDR sehr ähnlich. Konservative sind aufgrund ihres Antikommunismus  nicht in der Lage anzuerkennen, dass es auch positive Elemente gab. Es funktioniert aber nicht, einfach, alles als Unrechtsstaat abzutun, weil es auch der Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht gerecht wird. Wenn man den Film „Gundermann“ anguckt, sieht man, wie viele unterschiedliche Facetten die DDR wirklich hatte.

Klein: Natürlich muss man  zwischen dem System und den Menschen unterscheiden. Und natürlich hatten die Menschen schöne private Erlebnisse in der DDR. Es wäre nicht richtig zu sagen, dass sie im Alltag dauerunterunterdrückt waren. Gleichzeitig darf man   den Unrechtsstaat – die DDR war eine Diktatur – nicht verharmlosen. Darunter haben viele Menschen gelitten. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in der DDR eine viertel Million politische Häftlinge gab. Das Bildungssystem war geprägt von der Staatsideologie der SED und hatte einen klaren Erziehungsauftrag, der in Richtung Indoktrination ging. Systemkonformes Verhalten war für studierwillige junge Menschen in der DDR quasi Pflicht. In unserer freiheitlichen Demokratie herrscht Meinungs- und Berufsfreiheit. Jeder ist frei, sich für eine Ausbildung oder ein Studium zu qualifizieren.

Rubach: Ich habe nie bezweifelt, dass die DDR autoritär war. Ich habe gesagt, dass die DDR differenziert zu betrachten ist. Es war nicht alles nur Stasi, Stacheldraht, Mauer, und heute haben wir Deutschland einig Vaterland und alles ist toll. So einfach ist die Geschichtserzählung nicht. Das ist verkürzt und falsch und rächt sich auch, denn die Menschen wissen, dass das nicht stimmt. Klein: Für viele war es aber auch bittere Lebensrealität, dass sie eingesperrt waren, drangsaliert wurden, das Land nicht verlassen durften. Es sind Menschen gestorben, weil sie das Land verlassen wollten.

Ihre Lebensrealität, Frau Klein, ist ganz anders als die von Philipp Rubach. Sie sind in Villingen-Schwenningen geboren. Das liegt in Baden-Württemberg und ist eine wohlhabende Region.

Klein: Meine Eltern mussten bei null anfangen, ihre akademischen Abschlüsse wurden nicht anerkannt. Für sie war es damals schwer, sich eine neue Existenz aufzubauen. Mir standen dafür alle Wege offen. Und dir, Philipp, stehen ja auch alle Wege offen.

Rubach: Mir persönlich schon. Aber es war bei mir immer so, auch familiär bedingt, dass es sich für die einzusetzen gilt, die sozial schwächer sind. Deshalb studiere ich auch Sonderpädagogik. Ich sehe nicht ein, dass ich mir immer sagen lassen soll, mir stünden alle Wege offen. Klar kann ich studieren und Lehrer werden. Und ich könnte eigentlich ruhig sein und müsste mich gar nicht engagieren. Aber bei den Ungerechtigkeiten, die ich sehe, kann ich das nicht.

Klein: Es geht darum, die gleichen Startchancen zu ermöglichen. Das ist Aufgabe unseres Bildungssystems. Ich finde, dass in diesem Land jeder die Möglichkeit hat, nach seinen Fähigkeiten und Talenten seinen Weg einzuschlagen.

Rubach: Das klingt ja fast schon wie bei Marx. Jeder nach seinen Bedürfnissen … Es ist aber nicht so, dass der, der in einem Hartz-IV-Haushalt aufwächst, die gleichen Startchancen hat, wie jemand aus einem Akademikerhaushalt.

Klein: Natürlich kann der Staat dabei unterstützen, strukturelle Ungleichheit auszugleichen. Talente, Fähigkeiten und Interessen sind aber eben auch unterschiedlich. Totale Gleichheit zwischen den Menschen zu schaffen, ist eine Utopie. Da sind wir wieder beim Sozialismus.

Kann man etwas Positives aus dem Transformationsprozess vor 30 Jahren auf heute übertragen?

Rubach: Man kann daraus lernen, dass ein politisches System endlich sein kann.  Dass es sich lohnt, auch als junger Mensch über andere Gesellschaftssysteme nachzudenken. Wir haben ’89 gesehen, dass soziale Bewegungen einen so starken Druck erzeugen können, dass sich Großes verändern kann. Es gab die Friedensbewegung, den Unabhängigen Frauenverband, die Umweltbibliothek, basisdemokratische Initiativen wie den runden Tisch. Daran lässt sich anknüpfen. Auf der Straße höre ich immer wieder, dass man das Positive aus der DDR und der BRD zusammennehmen und daraus ein besseres Gesellschaftssystem machen soll. 1989 war das der Wunsch nach dem dritten Weg.  Doch leider ist innerhalb weniger Monate alles ins Völkisch-Nationalistische und Kapitalistische umgeschlagen.

Klein: Wenn wir auf 1989 blicken, dann hat eines gesiegt: der unbedingte Freiheitswille der Menschen, die auf die Straße gegangen sind. Das sollte man anerkennen. Und dass die Menschen sich nach der Wiedervereinigung nach einem freiheitlich-demokratischen Deutschland gesehnt haben. Sie haben eben nicht nach einem weiteren sozialistischen Gesellschaftssystem verlangt.

Rubach: Sie haben danach verlangt. Es gab extrem hohe Zustimmungswerte für den demokratischen Sozialismus. Die Menschen wollten einen besseren Sozialismus. Das ist  dann relativ schnell umgeschlagen. Aber mit Freiheit war nicht die Freiheit der Märkte gemeint. Und für die neoliberale Entwicklung, die sich vollzogen hat, sind die Leute nicht auf die Straße gegangen. Sondern für Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und andere Freiheiten, die alle positiv sind.


Wie stellen Sie sich Deutschland im Jahr 2029 vor?

Klein: Ich wünsche mir, dass das Verbindende und nicht das Trennende im Vordergrund steht. Ich möchte nicht, dass wir noch zwischen Ost- und Westdeutschen unterscheiden, sondern dass wir alle ein gemeinsames Volk sind, zusammenhalten und füreinander einstehen.

Rubach: Die Trennungslinie verläuft nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen oben und unten. Ich wünsche mir ein sozial gerechtes, anti-rassistisches Land, das die Klimaproblematik ernst nimmt und noch viel mehr für feministische Inhalte steht. Außerdem hoffe ich, dass es eine ehrliche Aufarbeitung gibt und wir an die Potenziale und Ideen des Jahres 1989 anknüpfen können.