Berlin - Das Smartphone soll mit ins Gebäude? Na gut, aber dann muss die Kamera blockiert werden. Dafür haben sie an der Pforte zur Bundesdruckerei ein extra schmales und extra klebriges Klebeband. Dann gibt der Besucher an einem Terminal seine Daten ein, ein Ausweis mit Foto wird erstellt, noch eine Kontrolle, und der Weg ist frei in ein sorgfältig abgeschirmtes Reich mitten in Berlin, das zu den ältesten und geheimnisvollsten Unternehmen der Stadt zählt. Seit über 150 Jahren wird hier in Berlin-Kreuzberg ununterbrochen im Staatsauftrag gedruckt und getüftelt, wobei das Tüfteln in den letzten zehn, fünfzehn Jahren deutlich in den Vordergrund gerückt ist.

Obertüftler ist Manfred Paeschke, der den schönen Titel Chief Visionary Officer trägt. Das Unternehmen ist zwar alt, aber es bewegt sich heute ziemlich weit vorn in der Moderne, bei der Eroberung und Gestaltung der digitalen Welt. Und deren menschliche Sprache ist nun einmal englisch. Man könnte Manfred Paeschke also als obersten Visionär bezeichnen, aber in der Hierarchie eines bundeseigenen Unternehmens rangiert er als Chef der Innovationsabteilung. Klar ist: Ohne ihn und seine Kollegen wäre die Bundesdruckerei nicht das, was sie heute ist. Sie wäre vielleicht sogar gar nicht mehr da.

Der neue Sichtschutz

1999 hat der Physiker hier angefangen, in der gerade erst gegründeten Abteilung für Forschung und Entwicklung. Er ist vor 57 Jahren gar nicht weit von hier geboren, im Bezirk Mitte, der damals zu Ost-Berlin gehörte. Sein gepflegtes Berlinerisch zeugt von dieser Herkunft. Begriffe wie user experience, usability, secure ID – Nutzererfahrung, Gebrauchsfähigkeit, sichere Identität – nuschelt mit sonorer Stimmlage dahin, als ginge es um Molle und Korn.

Das fast einen ganzen Straßenblock umfassende Gelände der Bundesdruckerei liegt mit einer Front an der Kommandantenstraße, durch die bis 1989/90 die Mauer lief. Um die Sicherheit des Betriebsgeländes mussten sie sich auf der Seite damals also keine Gedanken machen. Das ist heute anders. Gegenüber sind gerade neue Apartmenthäuser fertig geworden, wie sie jetzt überall in dieser Ecke entstanden sind. Im Hochsicherheitsunternehmen Bundesdruckerei müssen sie einen neuen Sichtschutz vor ihren Fenstern installieren – damit man ihnen aus den Luxuswohnungen gegenüber beim Entwerfen, Programmieren, Ausprobieren nicht zuschauen und vielleicht gar spionieren kann.

Als sich die Vorgänger der 1879 von der kaiserlichen Regierung gegründeten Reichsdruckerei in den 1850er-Jahren hier niederließen, ging es fast ausschließlich ums Drucken: Banknoten, Briefmarken, Urkunden, Ausweise, alles, was es an hoheitlichen Papieren so gab. Dabei sollte es in den folgenden Jahrzehnten bleiben. Nach einiger, aber nicht verheerender Zerstörung im Krieg und den folgenden politischen Wirrnissen in Berlin beginnt 1949 eine neue Zukunft.

Aus der Reichs- wird die Bundesdruckerei, verantwortlich für die „gesicherte Herstellung staatswichtiger Drucksachen der Bundesrepublik Deutschland“, unterstellt dem Ministerium für das Post- und Fernmeldewesen in Bonn. Das Wirtschaftswunder lässt die Hausdruckerei des Bundes florieren – D-Mark-Scheine werden hier (und auch in Frankfurt am Main) hergestellt, Briefmarken, Postsparbücher, Dienstausweise, Versicherungsmarken, das ist das Kerngeschäft.

Sichere Identifizierung

Das bleibt auch so, als die Bundesbürger 1960 einen neuen Personalausweis bekommen. Das kleine graue Heftchen aus einem haltbaren Spezialpapier wird in Berlin gedruckt. Jetzt beschäftigt sich das Unternehmen aber erstmals in großem Stil mit dem Thema Identität und sichere Identifizierung, was gut 50 Jahre später zu seinem Hauptgeschäftsfeld wird.

Die Vereinigung mit der DDR, die Ausgabe der Telekom-Aktie, die Einführung des Euro bringen noch einmal einen Boom für die Bundesdrucker. Das reizt private Investoren, und schließlich zieht der neoliberale Zeitgeist auch in die historischen Gebäude mit der modernen Fassade an der Kommandantenstraße ein. Der Bund verkauft das Unternehmen im Jahr 2000 an eine britisch-amerikanische Investorengruppe, und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Aufbruch in die digitale Zukunft

Die Geschäfte gehen nicht mehr so wie erwartet, Sparprogramme werden aufgelegt, Hunderte Mitarbeiter entlassen, und 2002 steht die Bundesdruckerei vor der Insolvenz. Die Zahl der Beschäftigten ist von 2400 auf 1200 halbiert worden. Es herrscht Untergangsstimmung in dem Unternehmen, das aber immer noch Teil der sicherheitsrelevanten Daseinsvorsorge der Bundesrepublik ist.

Manfred Paeschke, der in jener Zeit zur Bundesdruckerei gekommen ist, schüttelt noch heute seinen Kopf, wenn er an diese Phase zurückdenkt. Wie sich zeigen wird, gehören er und seine Kollegen zu einer neuen Generation von Mitarbeitern, mit der die Bundesdruckerei unter dem 2004 gekommenen Vorstandschef Ulrich Hamann den Aufbruch in die digitale Zukunft schafft. Sichtbarer Ausdruck dessen sind nicht nur die schwarzen Zahlen, die das inzwischen wieder verstaatlichte Unternehmen schon lange schreibt. Ihren Stolz auf technologische Brillanz werden sie bald in einem goldig-metallisch glitzernden Kubus präsentieren, der auf dem Hof an der Kommandantenstraße entstanden ist. Show Pavillon steht an der Fassade.

„Ich bleibe ja immer dieselbe Person“

So eine selbstbewusste Darstellung der eigenen Leistungskraft gab es bei der Bundesdruckerei bisher nicht. Der Hightech-Parcours auf zwei Etagen soll Kunden zeigen, was sie vom Unternehmen erwarten können. „Wichtige Adressaten sind aber auch unsere eigenen Mitarbeiter, die oft nicht wissen, woran die Kollegen in den Entwicklungslabors arbeiten, was sie alles zur Marktreife bringen“, sagt Manfred Paeschke beim Rundgang. Der Showroom soll helfen, die Kulturbrüche in dem Unternehmen zu überbrücken. Im Mittelpunkt steht das heutige Kerngeschäft: Sicheres Identifizieren, darum dreht sich hier alles.

Warum benötigt man noch Passworte, um sich im Netzwerk eines Unternehmens anzumelden? Codes, alle die Monate gewechselt werden müssen? „Ich bleibe ja immer dieselbe Person“, sagt Paeschke. „Warum kann ich mich also nicht mit meinem Fingerabdruck anmelden, der auf meiner Chipkarte gespeichert ist, die gleichzeitig den Zugang zum Gebäude freigibt?“

Identität von Personen, Objekten, Prozessen 

Das ist ein einfaches Beispiel. Bei der Bundesdruckerei haben sie natürlich längst solche Karten. Aber wie wäre es damit: Das Smartphone erkennt seinen Besitzer an der Art, wie er sich bewegt? „Behavior based identitity“ nennt sich das noch in der Entwicklung befindliche Verfahren, oder auch: Wie ich laufe, so sieht meine Pin-Nummer aus.

Paeschke erzählt begeistert von der Zusammenarbeit mit Start-ups oder mit Hochschulen wie der Universität der Künste und der Technischen Universität Berlin. Dort arbeiten Studenten zum Beispiel an einem Fake News Analysator. Ein Verfahren, das den Weg und die Veränderung eines Originaltextes zeigen kann, ein wunderbares Werkzeug, um verfälschten Nachrichten in den digitalen Netzen auf die Spur zu kommen. „Das ist so ein intellektuelles Nebenprodukt“, sagt Paeschke, der Obertüftler, „das zu unserem Thema passt: Identität von Personen, Objekten, Prozessen – hier eben von Informationen.“ Die Freiheit, neuen Ideen auch abseits des Tagesgeschäfts einfach mal zu folgen, das schätzen sie hier, und Paeschke lässt den Gedanken seiner 550 Entwickler gern mal freien Lauf.

Industrie 4.0

Viele kleinere und mittelständische Unternehmen fühlen sich dem digitalen Wandel ziemlich hilflos ausgesetzt. Sie zu begleiten, ihnen Lösungen anzubieten, ihre Produktion sicher zu machen, das ist eine der Aufgaben der Bundesdruckerei unter dem Stichwort Industrie 4.0. Einige dieser Produkte kann man in der Ausstellung sehen, aber das Entscheidende ist unsichtbar, es sind Programme, Prozesse, Software.

Ein Objekt allerdings ist sehr konkret zu bestaunen: der Bürgerkoffer. Er enthält alles, was eine moderne Meldestelle braucht, um einen neuen Pass auszugeben, eine Adresse im Ausweis oder auch die Pin zur sicheren Identifizierung im Netz zu ändern. Damit werden in Zukunft immer mehr Beamte zu den Bürgern kommen statt umgekehrt. Werden aus der Kreisstadt anreisen, in kleineren Orten für ein, zwei Tage ihr Quartier aufschlagen, die Geräte aus dem Bürgerkoffer anschließen und die Anliegen der Menschen erledigen.

Drucken nur noch eine Nischentechnologie

Gunda Müffelmann ist 1995 als Druckingenieurin ins Haus gekommen und hat große Projekte wie die Einführung des Euro begleitet. Heute ist Drucken nur noch eine Nischentechnologie, die Produktion der Euro-Noten macht noch etwa neun Prozent des Umsatzes von an die 500 Millionen Euro im Jahr aus. Die 1962 geborene Ingenieurin repräsentiert ganz persönlich den Strukturwandel des Unternehmens, das jetzt wieder an die 2500 Mitarbeiter hat. Aus der Druckexpertin ist die Chefin der Infrastruktur geworden, die verantwortlich dafür ist, dass der Betrieb rund um die Uhr laufen kann, sie ist für Projektierung, Bau und Betrieb aller Bundesdruckereiobjekte und nicht zuletzt für die Sicherheitstechnik zuständig.

Es gab immer einmal die Überlegung, den angestammten Standort zu verlassen und irgendwo am Stadtrand neu zu bauen. In Kreuzberg arbeiten sie zum Teil in mehr als hundert Jahre alten Klinkerbauten, die unter Denkmalschutz stehen, in denen eine moderne Fertigung unmöglich ist. Gunda Müffelmann ist dennoch froh darüber, hier zu bleiben. „Das war eine bewusste Entscheidung für den Standort, ein Bekenntnis zu Kreuzberg und auch zu Berlin, für das wir ein großer Steuerzahler sind.“

Glücklicherweise haben schon die Gründer der Reichsdruckerei einst weit voraus gedacht und großzügig Grundstücke angeschafft. Wer um den Komplex zwischen Oranienstraße und Kommandantenstraße spaziert, braucht mindestens eine Viertelstunde. Da findet sich dann auch immer noch Platz für den Bau moderner Produktionsflächen, wie man sie etwa für den neuen Personalausweis brauchte. „Das war ein Riesenschritt für unsere Mitarbeiter, aus ihrem gewohnten Werkstattcharakter heraus auf eine Produktionsfläche, die hundert Meter lang und dreißig Meter breit ist, absolut transparent“, erinnert sich Müffelmann. „Ein echter Kulturwandel.“

Am liebsten in der Mitte

Dazu kommt: Der Betrieb ist davon abhängig, die richtigen Mitarbeiter zu finden. „Man kann den Wandel nur vorantreiben, wenn man die Menschen an sich binden kann. Der Berliner Stadtrand ist für junge Leute nicht interessant. Wo wollen die arbeiten? Am liebsten in der Mitte der Stadt.“ Und die Universitäten, Hochschulen, Start-ups, mit denen die Bundesdruckerei kooperiert, sind nah.

Nah sind auch die neuen Nachbarn. Und die staunen manchmal, dass sie für viel Geld in die Nähe eines Industriebetriebes mit vielen Mitarbeitern gezogen sind, die kommen, Parkplätze suchen, die Straßen bevölkern, wieder wegfahren. Dazu kommen schwer bewachte Geldtransporte auch zu nächtlicher Stunde. Es gab Beschwerden, eine etwa von einem kleinen Jungen, in dessen Zimmer nachts genau ein Scheinwerfer strahlte. „Das haben wir natürlich geändert“, sagt Müffelmann. Geärgert haben sie sich aber über einen Brief von Anwohnern, die sich über den ganzen Betrieb samt Nebenwirkungen mokierten. Man werde sich, soweit es gehe, um mehr Ruhe bemühen, antwortete die Bundesdruckerei. Und erinnerte daran, dass es den Betrieb seit mehr als 150 Jahren gibt – zugezogen sind die anderen.

Am Ausgang wird dann kontrolliert, ob die Kamera im Handy auch wirklich außer Betrieb war. Der Fotograf versucht einen Scherz: „Ich habe es genauso wieder abgeklebt, wie Sie es gemacht haben.“ Darüber können sie hier gar nicht lachen.