Eine Videothek in Koboko wirbt mit einem Plakat, das Idi Amin lächelnd und mit Fantasie-Orden zeigt.
Foto: Peter Pauls

KobokoAus der Ferne grollt Geschützdonner, dazwischen das rhythmische Klopfen automatischer Waffen. Die Motoren schwerer Armeetransporter heulen auf. Wie auf Kommando laufen Tausende Frauen, Mädchen und Jungen, alte Männer und Uniformierte alle in dieselbe Richtung: zur wenige hundert Meter entfernten Grenze. Ihre Habseligkeiten haben die Menschen an Fahrräder gebunden oder auf Schubkarren gepackt, sie schleppen sie in Taschen oder balancieren sie auf dem Kopf. Das Weinen der Kinder, die hektischen Rufe der Erwachsenen, das Quietschen der Räder, der Motorenlärm – all das fügt sich zu einer Tonspur der Angst, die das Bild der Massenflucht unterlegt.

Koboko, eine Kleinstadt im Norden Ugandas, nahe dem Nachbarland Zaire, im April 1979. Über dem wogenden Menschenstrom taucht ein tief fliegender Armeehubschrauber auf. An Bord: Idi Amin. Seit 1971 hatte Ugandas Diktator acht Jahre lang das ostafrikanische Land beherrscht. Nun flieht er vor Rebellen und der Armee des Nachbarlands Tansania. In seine Heimat wird Idi Amin nie mehr zurückkehren – in die Nil-Regionen im Norden Ugandas und dort in die Provinz-Hauptstadt Arua oder nach Koboko. Der Ort, in dem Amin aufwuchs, ist jetzt in Auflösung.

Uganda unter Idi Amin: Menschen wurden zu Freiwild

Wenn Steven Lumumba und Moses Buruga heute erzählen, wie damals fast ein ganzes Volk auf der Flucht war, entstehen lebendige Bilder. Die Erzählebenen schieben sich übereinander, Gerüchte und Fakten sind kaum voneinander zu trennen. Doch im Großen und Ganzen muss es so gewesen sein. Das Volk der Kakwa, zu dem auch Idi Amin gehört, fürchtet die Rache der Sieger. Ein Massaker in der Kirche von Ombaci, nahe Arua, bestätigt die Ängste. Mehr als 100 Zivilisten, in der Mehrzahl Frauen und Kinder, werden hier von denen erschossen, die als Befreier gekommen waren. „Wer blieb“, erinnern sich die beiden Männer, die damals junge Burschen waren, „musste mit dem Tod rechnen“.

Mag der Rest Ugandas sich damals befreit gefühlt haben, im Norden des Landes fühlten sich die Menschen wie Freiwild. Geholfen hat ihnen nur, dass das Kakwa-Volk, zu dem sie gehören, als Folge kolonialer Grenzziehung auch im Kongo und dem heutigen Süd-Sudan lebt. Jenseits der Grenzen waren zumindest Sprachverwandte.

Der Geist von Idi Amin lebt in Uganda offen fort

Wir sitzen auf der Terrasse der Sportkneipe „442“ in Koboko. Gegenüber liegt ein schäbiges Haus. Es wurde 1973 gebaut und ist das älteste Gebäude der Stadt. Die zwei Männer erwähnen es nur aus einem Grund: Die Sieger machten Koboko dem Erdboden gleich. Nur dieses eine Haus blieb stehen. Auf seine Weise ist es ein Mahnmal, aber eines, das nur diejenigen kennen, die damals geflohen sind oder davon wissen. Wie eine geheime Zeichensprache.

Doch der Geist des „großen Vaters“, wie Amin sich gerne nennen ließ, lebt in den Nil-Regionen ganz offen fort. Ein paar Schritte von der Sportbar 442 entfernt wirbt eine Videothek mit einem Plakat, das Amin lächelnd und mit Fantasie-Orden zeigt. „Für immer Präsident von West Nil“, steht trotzig auf dem Poster. In Arua gibt es eine zentrale Verkehrsachse, die noch immer nach dem Despoten benannt ist, der 2003 im Exil in Saudi-Arabien starb. Die Idi-Amin-Straße wird gerade mit Mitteln der Weltbank saniert. Neben dem internationalen Flugplatz von Arua rostet ein Trinkwassertank vor sich hin. Er versorgte einst Amins Villa. Von ihr sind nur Trümmer geblieben.

Über der Vergangenheit liegt mitunter nur ein dünner Firniss. Unversehens bricht in Gesprächen dann das Trauma der Flucht wieder durch und das Gefühl von Benachteiligung. Die Suche nach Familienmitgliedern. Der Großvater und die Mutter, die im Kreuzfeuer der Bürgerkriegsparteien starben. Erschossen wie jene, die nachts über die grüne Grenze schlichen, um ihre Felder abzuernten und die nicht mehr zurückkehrten. Getötet als mutmaßliche Anhänger Idi Amins.

Steven Lumumba spricht von einer Lebenslücke von zehn Jahren, in der er als Flüchtling im Sudan um das Nötigste hatte kämpfen müssen – statt zur Schule oder Universität zu gehen. Erst 1992 kehrte er zurück nach Uganda. Seit Jahrzehnten arbeitet er für Hilfsorganisationen auf dem Gebiet, das er aus eigenem Erleben kennt – in der Flüchtlingshilfe. Der abgeklärte Mann hat erlebt, wie Frauen und Kinder wegen der Launen von Politikern oder Rebellenführern fliehen müssen. Ist er Christ oder Muslim? Chrislim nennt er sich und lacht.

Idi Amin: Für viele ein fehlgeleiteter Alleinherrscher

Im Norden Ugandas gilt Amin nicht jedem als Schlächter, Kannibale, als der blutrünstige Clown, den Medien, Buchautoren oder Hollywood-Regisseure in ihm sehen. Der Mann, der die indische Minderheit aus Uganda vertrieb und damit den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes auslöste, der Kleinkriminelle öffentlich erschießen ließ und als kaspernder Despot international Schlagzeilen lieferte.

Der Mann, dessen Schergen bis zu 300.000 Ugander verschwinden ließen, ist hier für viele ein fehlgeleiteter Alleinherrscher geblieben, dem es nur an Schulbildung gefehlt habe, auf den seine Minister voller Dünkel herabgeblickt hätten und in dessen Schatten sie gute Geschäfte gemacht hätten.

Amin sei zu Beginn seiner Herrschaft ein Mann mit guten Absichten gewesen, tatkräftig und offen. Auch auf Verwandte Idi Amins zu treffen, ist nicht schwer. Bis zu 40 Kinder werden ihm zugeschrieben. Seine Söhne Lumumba und Tschombe Amin sind Teil der besseren Gesellschaft im heutigen Uganda. Taban Amin, ein dritter Sohn, steht als Vize-Chef an der Spitze des Geheimdienstes.

„Das unbekannte Archiv des Idi Amin“

Das Dreiländereck Uganda, Demokratische Republik Kongo und Süd-Sudan ist unsicher geblieben. Im Osten des Kongo kämpfen Rebellen um die Macht und terrorisieren die Bevölkerung. Der Bürgerkrieg im Süd-Sudan hat knapp eine Million Menschen in den Norden Ugandas getrieben, wo früher eine obskure „Widerstandsarmee des Herrn“ (LRA) ihr Unwesen trieb. Auch an entlegenen Grenzübergängen hat das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) Unterstände errichtet. Fliehende finden hier ersten Schutz. Die Notbehelfe sind hier so sehr Alltag, wie es Bus-Wartehäuschen in Europa sind. Alle drei Länder eint zudem die Furcht vor der tödlichen Ebola-Seuche.

„Das unbekannte Archiv des Idi Amin“ heißt eine Wanderausstellung mit Hunderten bislang unveröffentlichten Fotos aus den Beständen des ugandischen Fernsehens. Die nüchtern gestaltete Schau im Nationalmuseum der Hauptstadt Kampala zog nicht nur international Aufmerksamkeit auf sich. Für Uganda selbst ist sie ein erster ernsthafter Versuch, sich mit der Amin-Ära zu befassen. Ein Meilenstein – nach Jahrzehnten fehlender Vergangenheitsbewältigung. Eine Aufarbeitung der Geschehnisse, offizielle Trauer gar, habe es im Land nicht gegeben, sagt der australische Anthropologe Richard Volkes, der die Fotoschau kuratierte. Sie sei zumindest ein Sinnbild öffentlichen Gedenkens.

Eine Zeit zwischen Liebe und Terror 

Als gäbe es keine Gesamtsicht auf historische Kapitel, sezieren die Ausstellungsmacher die Amin-Herrschaft und machen drei Zeitachsen aus.

Auf einer ersten Schiene sind offizielle Bilder der Präsidentschaft versammelt. Amin steht 1972 samt Delegation vor dem Brandenburger Tor, empfängt wenige Monate später Kaiser Bokassa aus Zentralafrika und trifft 1973 den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi, der ihm sechs Jahre später die Flucht erst nach Tripolis und später nach Saudi-Arabien ermöglicht.

Die zweite Zeitachse zeigt, warum Amin nicht allein als Diktator wahrgenommen wurde. „Die 70er-Jahre waren eine Zeit kultureller Kreativität“, heißt es im offiziellen Begleittext der Ausstellung. „Eine Zeit der Liebe, der Musik und eines neuen Lebens.“ Die Fotos zeigen Amin, wie er Akkordeon spielt oder als Boxer antritt.

Die unterste Leiste versucht, das Grauen und den Terror dieser Jahre abzubilden: leere Folterkammern sind zu sehen, die Namen von Helfern und Helfershelfern werden genannt. Lähmendes Entsetzen und – zugleich – ein pulsierendes öffentliches Leben seien die widersprüchlichen Merkmale der Dekade des Idi Amin gewesen, heißt es weiter in den Erläuterungen.

„Der wirkliche Idi Amin“: Ein Mann dessen gute Seiten nie gezeigt wurden

Die Reaktionen auf die Ausstellung zeigen, wie heikel der Umgang mit der Vergangenheit ist. Jeder kann sich seinen Blick auf die Vergangenheit bestätigen lassen. Den „wirklichen Amin“ will Hajji Edrisa Mayanja Njuki, seinerzeit Pressechef des Präsidenten, in den Fotos wiederfinden: einen Mann, dessen gute Seiten nie gezeigt worden seien. Zumindest gebe es auch das andere, ein gutes Leben unter Idi Amin zu sehen, sagt Steven Lumumba, mit dem wir die Ausstellung besuchen. Er ist mit ihr zufrieden und begrüßt, dass die Fotos im ganzen Land gezeigt würden. Hinter ihnen stehe eine Botschaft der Versöhnung.

Rose Mwanja Nkaale, der die staatlichen Museen unterstehen, urteilt zurückhaltender. Man könne viel lernen aus diesen Bildern. Sie sieht darin eine Entwicklung Amins: Ein anfangs umgänglicher Mann habe sich völlig verwandelt. Was mag Amin zu dem gemacht haben, der er schließlich wurde?, fragt sie.

Für Steven Lumumba bleibt die Erkenntnis, dass Menschen – wie Münzen – zwei Seiten hätten. Mindestens, auf keinen Fall aber nur eine. Bei jedem ist das so, sagt er und nickt entschlossen. Auch bei Idi Amin.