Idil Baydar: „Ich habe sieben Anzeigen erstattet – alle wurden eingestellt“

Die Kabarettistin Idil Baydar hat mehrfach Morddrohungen von rechtsextremistischen Gruppen erhalten. Fast täglich wehrt sie sich gegen den Hass. Ein Protokoll.

Die Berliner Kabarettistin Idil Baydar hat 2019 Morddrohungen erhalten.
Die Berliner Kabarettistin Idil Baydar hat 2019 Morddrohungen erhalten.Volkmar Otto

Berlin-Ich habe schon alles Mögliche an digitaler Gewalt erlebt: Beschimpfungen, Beleidigungen, Morddrohungen. Menschen schreiben mir, dass ich sterben soll, andere beschimpfen mich und nennen mich „hässliche Fotze“. Früher habe ich mich total auf diesen Hass eingelassen. Aber das ist der falsche Weg. Denn letztendlich überwiegen die positiven, wertschätzenden Nachrichten. Mittlerweile lasse ich den Hass nicht mehr an mich heran und fokussiere mich auf die Menschen, die mich achten und lieben.

Ich wehre mich auch gegen diese digitale Gewalt. Ich habe die Morddrohungen, die ich vergangenes Jahr erhalten habe, öffentlich gemacht. Außerdem habe ich schon insgesamt sieben Anzeigen erstattet – allerdings wurden alle eingestellt. Das ist bitter, aber nicht verwunderlich. Gewalt gegen Frauen wird auch oft im analogen Leben nicht von der Polizei verfolgt. Warum sollte dann im Netz reagiert werden?

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Volkmar Otto
Zur Person
Idil Baydar ist Kabarretistin und Schauspielerin. Die 46-Jährige wurde über ihre Kunstfiguren, der Berlinerin Gerda Grischke und der Kreuzberger Türkin Jilet Ayşe, auf der Plattform YouTube bekannt. 2019 erhielt sie Morddrohungen.

Die Gewalt gegen Frauen ist nicht nur im digitalen Raum ein Problem. Auch im realen Leben herrschen Gewaltstrukturen, das vergessen wir leider zu oft. Solange wir Gewalt gegen Frauen im Alltag spüren, wird sie auch im digitalen Raum ausgeprägt sein. Und die Gewalttäter sind sowohl im Netz als auch im Alltag Männer. Warum ist das so? Wie können wir es schaffen, dass der Mann aus diesem Gewaltkonstrukt herauskommt?

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Imanol Fernandez
Digitale Gewalt
Doxing, Cybermobbing, Hassnachrichten – digitale Gewalt nimmt zu. Warum sind oft Frauen und LGBTIQ die Zielscheibe? Was steckt dahinter? Wie kann man Betroffene unterstützen? Diese und weitere Fragen werden wir in dieser Themenwoche beantworten.

Was besonders wichtig ist: Wir müssen uns endlich damit beschäftigen, wo wir die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Gewalt ziehen. Wenn jemand sagt „Ich hasse dich aufgrund deiner Herkunft und ich will, dass du stirbst“, dann ist das keine Meinung. Das muss strafrechtlich verfolgt werden. Dafür haben wir das Strafgesetzbuch. Wenn Menschen solche Nachrichten schreiben, muss das geahndet und bestraft werden. Aber das passiert zur Zeit noch zu selten oder eben gar nicht.

Aufgezeichnet von Elena Matera