MUTTER: Ich habe den Eindruck, dass in deiner Generation alles fluider wird. Beziehungen, kulturelle Hintergründe. Alles verschwimmt. Es gibt nicht mehr so scharfe Abgrenzungen wie bisher.

TOCHTER: Na, es ist gar kein Thema mehr. Es ist zum Beispiel nichts Besonderes, wenn man sagt, ich steh auf Mädchen oder auf Jungs.

Egal, ob es gleichgeschlechtliche Beziehungen sind oder nicht? Es gibt keine Vorbehalte mehr?

In meinem Freundeskreis jedenfalls nicht. Klar, gibt es Jugendliche, die Vorbehalte haben. Aber bei dem Großteil gibt es die nicht.

Gibt es denn viele gleichgeschlechtliche Pärchen?

Nein, aber die, die da sind, sind eben total normal. Es ist einfach kein Thema mehr. Es kommt natürlich darauf an, aus welchem familiären oder kulturellen Hintergrund die Personen kommen. Da kann es Schwierigkeiten geben, sich zu lösen. Aber auch kulturelle Unterschiede sind nicht mehr so wichtig. Ist ja auch logisch, wenn man sein Leben lang auf die gleiche Schule geht, interessiert es keinen mehr. Ich frage mich, ob bei den Jugendlichen eine größere Toleranz besteht als bei deiner Generation.

Klingt jedenfalls so. Bist du verärgert, wenn du siehst, dass Ältere das anders sehen?

Jeder kann sein Leben so gestalten, wie er will. Aber wenn es zu Verurteilungen kommt, finde ich es scheiße. Mich nervt, wenn Leute etwas ablehnen, womit sie selbst gar nicht in Kontakt gekommen sind.

Ich glaube, im Kopf ist es in meiner Generation nicht anders als bei dir und deinen Freunden. Gleichberechtigung ist bei den meisten fest etabliert. Aber ich glaube trotzdem, es ist mehr Wunsch als Wirklichkeit. Neulich zum Beispiel gab es eine Debatte, als Friedrich Merz, der CDU-Vorsitzender werden möchte, in einem Interview die Frage der sexuellen Orientierung mit Gesetzesverstößen und Pädophilie verknüpft hat. Eine solche Aussage zeigt Vorbehalte. Interessant finde ich, dass es diese Unterscheidung immer noch gibt, obwohl ja jeder weiß, dass es falsch ist.

Der Schritt zwischen, man wünscht sich etwas und es dann auch wirklich zu leben, ist eben schwierig, wenn man nicht direkt damit aufgewachsen ist. Ich weiß nicht, wie viele Erwachsene mit Ehepartner und Kindern sagen würden: Wenn ich jünger wäre, würde ich eine Beziehung mit einem gleichgeschlechtlichen Partner mal ausprobieren. So ist die Haltung aber bei vielen Jugendlichen.

Da gibt es tatsächlich einen Unterschied. Ausprobieren kommt in meinem Denken nicht vor. Ich gehe davon aus, man ist entweder heterosexuell oder homosexuell. Dass das in deiner Generation verschwimmt und gar keine Kategorie mehr ist, finde ich erstaunlich.

Ich finde es schwierig, sagen zu müssen, ich bin hetero oder bi oder lesbisch oder sonst was. Warum muss man denn Kategorien haben. Nur damit andere einen in Schubladen einsortieren können, um Abstand zu halten? Ich finde das veraltet. Es ist gar nicht wichtig zu wissen, was jemand ist. Es ist einfach alles normal.