BerlinWas passiert in Belarus? Was in Polen? Was kann ich gegen Rassismus tun? Warum sind so viele alte Menschen in Deutschland arm? Was ist der Unterschied zwischen einer Partei und einer Fraktion? Wer entscheidet, welche Flüchtlinge im Land bleiben dürfen? Wer Politik verstehen will, muss Fragen stellen, viele Fragen. Louisa Dellert stellt sie – für sich und stellvertretend für Hunderttausende in Deutschland. Und sie besorgt die Antworten dazu, löchert Politiker und Experten. Ihr Beruf: Influencerin. Ihre Mission: schlauer werden, andere schlauer machen und damit Geld verdienen.

Dafür, dass ihr mehr als 400.000 Menschen auf Instagram folgen und sie regelmäßig prominente Bundespolitiker interviewt, wirkt Louisa Dellert auf den ersten Blick recht unscheinbar. Sie ist klein und schlank, trägt einen schwarzen Blazer über einem weißen Top, eine dunkle Stoffhose, dazu sportliche Sneakers, ihr braunes Haar fällt schulterlang. Pünktlich erscheint sie zum verabredeten Gespräch im Café, sie lächelt freundlich zur Begrüßung. Sie ist 31, man nennt sie Lou, und wenn sie spricht, dann tut sie das sehr direkt, Anglizismen inklusive. Sie verdient ihr Geld damit, Fotos und Videos aus ihrem Leben öffentlich zu teilen und Werbung auf ihrem Kanal zu schalten. Sie tut das auf eine sehr besondere Art.

Sie führt Interviews mit Christian Lindner, Cem Özdemir, Sahra Wagenknecht

Louisa Dellert gehört zu den erfolgreichsten Influencerinnen Deutschlands. Ihr Spezialgebiet: Politik auf Instagram. Sie ist nicht allein, auch andere haben sich politisiert. Wie bei vielen Online-Bloggern geschah das im Zuge der großen Umweltproteste und der heftig umstrittenen EU-Urheberrechtsreform. Lässt sich derzeit ein Generationswechsel auf Instagram beobachten? Wer sind die neuen „Sinnfluencerinnen“, wie sie schon genannt werden? Werden sie nach der Debatte um den YouTuber Rezo im vergangenen Jahr von der Politik jetzt ernst genommen?

Louisa Dellert kommt aus Niedersachsen. Nach dem Abitur hat sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation gemacht, sie arbeitete im väterlichen Betrieb und kellnerte nebenbei. Vor sieben Jahren, als sie abnehmen wollte, meldete sich Dellert bei Instagram an und lud Fotos von sich hoch. Immer mehr Menschen folgten ihr, bald waren es mehr als 100.000. Unternehmen fragten an, um gegen Bezahlung auf ihrem Kanal zu erscheinen. „Da habe ich erkannt, dass man aus einem Instagram-Account ein Business machen kann.“, sagt Dellert. 2014 machte sie sich als Fitnessbloggerin selbstständig. Sport bestimmte ihr Leben, allerdings kippte sie dabei immer wieder um. Bei einer Untersuchung wurde ein Loch in ihrer Herzklappe festgestellt.

Nach einer Operation hat Louisa Dellert endgültig begriffen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als ihren Fitnesswahn. „Ich habe ein bisschen zu lange Daily Soaps anstatt Nachrichten geguckt und gemerkt, dass ich nicht so viel Ahnung von Politik hatte.“ Das wollte sie ändern.

Statt um Sixpacks und Abnehm-Tipps dreht sich auf ihrem Account nun alles um Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung, Selbstliebe und bundespolitische Themen. Sie kooperiert auch nur noch mit Unternehmen, mit denen sie sich identifizieren kann. Dazu zählen Ökostromanbieter, nachhaltige Modelabels oder Hersteller dualer Müllsysteme, NGOs und auch die Bundesregierung, die Influencer verstärkt in ihre Öffentlichkeitsarbeit einbindet. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums machte Dellert bezahlt Werbung für die Corona-Warn-App und beteiligte sich an der von der Bundesregierung ins Leben gerufenen Kampagne „Gemeinsam gegen Corona“. Sie setzt sich aktiv für mehr Klimaschutz ein, betreibt einen Online-Shop mit nachhaltigen Produkten, gibt Workshops und ist Autorin des Buches „Mein Herz schlägt Grün“.

Vor ein paar Monaten ist Louisa Dellert von Braunschweig nach Berlin gezogen. In der politischen Szene ist sie längst keine Unbekannte mehr. Sie führt Interviews mit Christian Lindner, Cem Özdemir, Sahra Wagenknecht und Saskia Esken, zeigt sich mit Luisa Neubauer auf Demonstrationen der Klimabewegung Fridays for Future, befragt Teilnehmer der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung über ihre Motive.

Foto: Volkmar Otto
Influencerin Diana zur Löwen.

Ihr Ziel: Politik leicht verdaulich und niedrigschwellig aufzubereiten

Ihr erstes Gespräch mit bundespolitischer Prominenz hatte Louisa Dellert mit Christian Lindner. Der FPD-Chef ist einer, der weiß, welche Knöpfe er für die Online-Community zu drücken hat: Auf Social Media gibt er sich lässig und privat. In einem Interview mit Dellert erzählt Lindner, wie er seinen Familienurlaub wegen der Corona-Pandemie absagen musste. Persönliche Fragen in Livestreams gehören bei Dellert zum Konzept, Plausch nennt sie das. Den Grünen-Politiker Cem Özdemir fragte sie: „Wie sieht es bei Ihnen zu Hause mit der Plastikvermeidung aus?“ Solche Fragen stammen teilweise aus ihrer Community. Dellert sieht sich als Vermittlerin zwischen ihrer jungen Zielgruppe und der etablierten Politik. Ihr Ziel: Politik leicht verdaulich und niedrigschwellig aufzubereiten. „Ich versuche, meinen Followern komplexe Abläufe ganz leicht zu erklären und ihnen zu vermitteln, wie wichtig es ist, sich zu informieren und eine eigene Meinung zu bilden“, sagt sie.

Nicht alle ihrer Fotos auf Instagram haben einen politischen Hintergrund, manchmal ist sie im Bikini zu sehen oder im Freizeitlook, am Strand oder im Café. Doch sie positioniert sich eindeutig, hält demonstrativ Protestschilder hoch und präsentiert sich damit zweifelsfrei als Nachhaltigkeitsaktivistin. Sie möchte ihre Reichweite nutzen, um Fortschritte in der Klimapolitik voranzutreiben. So weit wie die österreichische Instagramerin Madeleine Darya Alizadeh, die bei der österreichischen Nationalratswahl im Jahr 2019 symbolisch für die Grünen kandidierte und sich damit öffentlich parteipolitisch festlegte, will Louisa Dellert aber nicht gehen.

Eine Plattform für politische Werbung will sie ganz bewusst nicht bieten

Viele Politiker sind mittlerweile auf Instagram präsent, sie haben große Schwierigkeiten, insbesondere junge Menschen kommunikativ zu erreichen und hoffen, dort neue Wählergruppen zu erschließen. Einige suchen offensiv den Kontakt zu Dellert, wohl, weil sie ihre Anliegen auf ihrem Account platzieren und von ihrer Reichweite profitieren möchten, schließlich bietet sie einen Zugang zu einer jungen Zielgruppe, die sich von der herkömmlichen Parteien-PR längst nicht mehr angesprochen fühlt. „Ich weiß, dass ich ein schöner Spielball für Politiker sein kann“, sagt sie. Eine Plattform für politische Werbung will sie ganz bewusst nicht bieten. Und den Kontakt zu den Politikern, die sie wirklich interessieren, stellt sie selbst her.

Wie viel Einfluss politische Influencer und soziale Netzwerke tatsächlich auf den politischen Diskurs haben, ist umstritten. Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Freien Universität Berlin weist darauf hin, dass das Vertrauen in professionelle journalistische Medien generell nach wie vor höher sei als in Alternativmedien, zu denen er soziale Netzwerke rechnet. Studien zeigten, dass alternative Medien vor allem in bestimmten Milieus genutzt würden, sagt er. „Knapp ein Viertel der jungen Menschen von 19 bis 24 Jahren geben soziale Medien als ihre Hauptnachrichtenquelle an“, sagt Neuberger.

Politiker nutzten Social Media, um all jene, die sich von den klassischen Massenmedien abwenden, also vor allem junge Menschen, zu erreichen. „Es gibt eine Kluft zwischen den etablierten Parteien und der Kultur in den sozialen Medien“, berichtet Neuberger. „Das haben die Reaktionen auf Rezo gezeigt.“

Und was macht den Erfolg der Influencer aus? „Sie haben eine Gemeinschaft um sich geschart, die ihnen vertraut. Sie sind interaktiv, bieten einen Einblick in die Privatsphäre und bauen dadurch eine starke emotionale Bindung auf“, erklärt der Digitalisierungsexperte, „Das ist ein attraktives Umfeld für Politiker, die eher als distanziert wahrgenommen werden.“ 

Diana zur Löwen hat als Mode- und Kosmetikbloggerin begonnen

Diana zur Löwen ist wie Louisa Dellert Influencerin. Ihr folgen über 900.000 Menschen auf Instagram. An diesem Herbsttag sind beide zu einem von Fridays for Future organisierten Influencer-Treffen gekommen, um die Klimabewegung in den sozialen Netzwerken zu unterstützen. Eine gute Gelegenheit für ein paar Fragen abseits des Treffens im Café. Diana zur Löwen, 25, blondes Haar mit Mittelscheitel, dezentes Make-up, goldfarbener Schmuck, bestellt ihren Kaffee mit einem Schuss Hafermilch. „Auch das ist eine politische Entscheidung“, sagt sie.

Diana zur Löwen ist in einer hessischen Kleinstadt aufgewachsen, ging dann für ein Studium der Betriebswirtschaftslehre nach Köln; im vergangenen Jahr hat sie es abgeschlossen. Und seit ein paar Monaten wohnt sie in Berlin.

Seit etwa zehn Jahren ist Diana zur Löwen im Influencer-Geschäft, ihre Karriere hat sie als Mode- und Kosmetikbloggerin begonnen. Auf ihrem Account gibt sie ihren Followern Tipps zu Themen wie Styling, Liebe, Sex, Party, Mode und Lifestyle, sie gewährt Einblicke in ihr Privatleben. Ihr Geld verdient sie durch die Zusammenarbeit mit Marken, für die sie wirbt, das sind vor allem Unternehmen aus der Mode-, Kosmetik- und Hygienebranche. Auch Diana zur Löwen hat Werbung für die Corona-Warn-App gemacht, sie klärt ihre Follower über Covid-19 auf. Neben ihrer Werbetätigkeit investiert sie in Start-ups und hat zuletzt ein Frauenratgeberbuch veröffentlicht.

„Man muss jungen Menschen zeigen, dass Politik in ihrem Leben stattfindet“

Im Jahr 2019 machte Diana zur Löwen im Rahmen der Kampagne „Diesmalwähleich“ unentgeltlich Werbung für die Europawahlen. Öffentlichkeitswirksam traf sie auf konservative Politiker wie Jean-Claude Juncker, Philipp Amthor, Dorothee Bär und Jens Spahn. Die Influencerin begleitete auch Philipp Amthor im Bundestag. „Ich freue mich, dass Diana mir heute ein bisschen über die Schulter schaut“, sagt der CDU-Nachwuchspolitiker in die Kamera. Mit der Digital-Staatsministerin Dorothee Bär von der CSU hat die 25-Jährige immer mal wieder Kontakt: „Ihr Amt beinhaltet Themen, mit denen ich viele Schnittstellen habe. Beim Influencer-Marketing müssen immer noch viele Gesetze angepasst werden.“ Diana zur Löwen erzählt, dass sie Anfragen von Parteien bekommen habe, die baten, dass sie für sie werbe – gegen Bezahlung. Das lehnt sie ab.

Auf ihrem Account berichtet sie über sexualisierte Gewalt gegen Frauen, über LGBT-Rechte, Umwelt- und Flüchtlingspolitik oder die EU. Seit einiger Zeit setzt sie sich vor allem für Klimaschutz und Gleichberechtigung ein. „Man muss jungen Menschen zeigen, dass Politik in ihrem Leben stattfindet und dass man etwas verändern kann“, sagt Diana zur Löwen. Sie glaubt daran, durch ihren medialen Einfluss politische Veränderungen anstoßen zu können. Als Beispiel nennt sie die Herabsetzung der Tampon-Steuer. Sie hatte – wie andere auch – dazu aufgerufen, eine Petition zu unterschreiben, damit die Hygieneartikel nicht mehr als Luxusgut besteuert werden. Der Kampf war erfolgreich.

Und wie sieht sie sich und ihr Wirken selbst? „Ich bin eine Privatperson und keine Journalistin“, sagt sie. Es klingt selbstbewusst.