Ihr wollt alle zu Mastodon und mögt Elon Musk nicht? Geht doch!

Nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk wechseln viele zu Mastodon und inszenieren dies als einen Akt des Widerstandes. Dabei wollen sie vor allem eins: unter sich bleiben, meint unsere Autorin.

Elon Musk, CEO von Tesla und SpaceX, hinter den Silhouetten des Twitter-Logos.
Elon Musk, CEO von Tesla und SpaceX, hinter den Silhouetten des Twitter-Logos.picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire/Adrien Fillon

Es heißt Mastodon. Und es ist der neue Hype unter den sozialen Netzwerken. Zumindest seit Tesla-Milliardär Elon Musk vergangene Woche Twitter übernommen hat. Eigentlich hatte die „Migration“ vieler Twitter-User zu Mastodon bereits im April angefangen, als der Deal mit Musk angekündigt worden war – und später platzte.

Kann Mastodon zu einer echten Twitter-Alternative werden? Der Hauptunterschied zu Twitter ist, dass Mastodon aus einem dezentralen Netzwerk von verschiedenen Servern besteht. Diese werden „Instanzen“ genannt und werden von Privatpersonen oder Gemeinschaften betrieben, derzeit gibt es rund 3800 davon.

In den vergangenen Wochen sind die Anmeldungen bei Mastodon explodiert. Innerhalb eines Tages wurden knapp 70.000 neue Accounts angelegt. Das teilten der Mastodon-Gründer Eugen Rochko in einem „Toot“ (das Äquivalent eines Tweets auf Mastodon) sowie die Firma selbst über ihren Twitter-Account mit.

Auch auf anderen sozialen Medien war viel los. Mein Facebook-Feed wurde in den vergangenen Tagen regelrecht überflutet von Beiträgen, in denen „Freunde“ – so heißen sie dort – verkündeten, dass sie Twitter verlassen und sich bei Mastodon anmelden.

Zunächst ein Disclaimer: Meine Social Bubble, vor allem auf Facebook, ist relativ homogen. Ich würde sie als links, progressiv, liberal, intellektuell, manchmal aktivistisch, zum Teil radikal (mit einer Prise Wokeness) beschreiben. Viele der Menschen, mit denen ich dort täglich interagiere, machen, wie ich selbst, „irgendetwas mit Medien“. Für sie, wie für mich, ist Twitter zu einem unumgänglichen Tool der täglichen Arbeit geworden, ob es uns gefällt oder nicht.

Seit letzter Woche erfahre ich also von vielen dieser Personen, dass sie nun von Twitter Abschied nehmen. Manche tun es kommentarlos oder deuten den Grund nur an („Ich werde demnächst mal mehr auf Mastodon sein. Aus Gründen“). Andere bringen ihre Angst vor Social-Media-Vereinsamung bei Twitter zum Ausdruck („Gut, wenn ihr alle dort hin migriert, werde ich es auch tun müssen“). Dann gibt es die, und es sind nicht wenige, die ihre Abmeldung von Twitter mit einem Pathos verkünden, als würden sie ab sofort in den Untergrund gehen wie Partisanen, die heldenhaft für den Widerstand kämpfen („Wir brauchen echte Meinungsfreiheit und dezentrale Alternativen wie #Mastodon statt Rassismus, Sexismus, Antisemitismus!“).

Von welchem Widerstand sprechen diese Leute, frage ich mich seit Tagen? Doch nicht den gegen Kapitalismus? Oder für den Traum eines „freien Internets“, der bereits vor Jahrzehnten durch Privatisierung und Monetarisierung durch die großen Tech-Konzerne zerstört wurde? Die Empörung von „Linkstwitter“ nach der Übernahme durch einen exzentrischen Milliardär erschließt sich mir kaum. Insbesondere wenn diese auf Mark Zuckerbergs Plattform Facebook angekündigt wird. Ist es nicht egal, welcher superreiche Monopolist das Spielfeld besitzt, auf dem wir spielen?

In der Vorstellung vieler wird sich Twitter ab Übermorgen in ein rechtsextremes Forum wie 4Chan verwandeln (die anonyme Plattform, die als Geburtsort von QAnon gilt und rechtsextreme, sexistische und antisemitische Inhalte verbreitet), nur weil der neue CEO etwas Fragwürdiges über angeblich fehlende Redefreiheit getwittert hat oder damit „droht“, die Sperre für Leute wie Ex-US-Präsident Donald Trump aufzuheben (der übrigens bereits angekündigt hat, dass er bei seiner eigenen Plattform Truth Social bleiben wird).

Elon Musk und Twitter: Droht er mit zu viel Freiheit?

Droht Elon Musk mit zu viel Meinungsfreiheit, ist das der Grund, warum ihr alle geht, liebe Freunde? Es ist klar, euch geht es darum, dass rechte Hetze und Fake News auf Twitter nun ungehindert Einzug erhalten können. Aber während in den vergangenen Tagen der Hashtag #Mastodon trendete, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr nur eure eigene Meinungsfreiheit behalten wollt, während die der anderen, die „schlechte“ Meinungsfreiheit, aus der öffentlichen Debatte verschwinden soll.

Selbstverständlich steht es jedem frei, das eigene Social-Media-Leben dort zu verbringen, wo es ihm am besten gefällt. Und das ist in Ordnung so, auch ohne moralischen Wert.

Am frühen Morgen las ich folgendes Status-Update in meinem Facebook-Feed: „Ich kann noch nichts weiter sagen, als dass ich mich wohlfühle wie schon lange nicht mehr in einem sozialen Netzwerk“ – gemeint war Mastodon. Wohlfühlen wie im eigenen Wohnzimmer, da, wo man sehr wohl selbst entscheiden kann, wer reinkommt und wer draußen bleibt – und sich dafür nicht rechtfertigen muss. Soziale Medien so zu nutzen, ist legitim, nur: Mit öffentlicher Debatte oder gar Verteidigung von Demokratie hat das nichts zu tun.

Soziale Medien waren nie ein von Widersprüchen befreiter „Safe Space“. Nichts gegen den Wunsch, unter sich zu bleiben. Aber das ist das Gegenteil von freier Debattenkultur, eher der narzisstische Wunsch nach Bestätigung, zu den „Guten“ zu gehören. Und das ist – neben Hetze und Fake News – einer der negativen Entwicklungen der vergangenen Jahren im Social Web.

Ihr wollt alle zu Mastodon? Macht doch! Aber das geht auch ohne Drama. Bessere Menschen werdet ihr dadurch nicht.

Haben Sie eine Meinung? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de